Kultur : Wie die Alten sungen

ROMAN RHODE

Fünf Herren, von denen der jüngste gerade mal 63 Jahre alt ist, stellen das rappelvolle Auditorium auf den Kopf.Als der älteste von allen, der 85jährige Kontrabassist, sein Alter preisgibt, verwandeln sich die Mittvierzigerinnen im Publikum spontan in kreischende Groupies.Auch die Show-Einlage des 79jährigen Sängers, der den Son tanzend seinen Krückstock beiseite legt, wird johlend quittiert.Es ist wieder mal das Klischee der karibischen Vitalität, das hier beklatscht wird: rotierende Hüften noch im hohen Alter, schmachtende Falsett-Stimmen, wirbelnde Rumba-Rasseln und als Zugabe "Guantanamera".Die Mitglieder der Vieja Trova wissen längst, wie sich die traditionelle Musik ihrer Heimat in Europa vermarkten läßt.Als "universelle Sprache" etwa oder "Sprache des Herzens", als Jungbrunnen oder Alternative zur Viagra-Pille.So etwas kommt an bei einem Publikum, das die Slogans der deutschen Schlager immer belächelt hat, sie in der spanischen Variante dagegen unwiderstehlich findet.Warum auch nicht? Auf Kuba jedenfalls leben die alten Balladen fort.Und die Vieja Trova Santiaguera, eine von unzähligen Bands, dabei nicht einmal die älteste, interpretiert auch weiterhin den tragisch-schönen Bolero "Schwarze Tränen".Darin wird das ewige Lebensgefühl des kubanischen Mannes beschrieben, seine Haßliebe zur Femme fatale, das selbstquälerische Spiel des Latin-Lover.Die Vieja Trova setzt diesem Drama die Eleganz der Troubadoure entgegen, denn im wahren Bolero erklingt ein starkes Gefühl der Zuneigung, das den Sänger mit der Geliebten verbindet, auch wenn diese längst verschwunden ist.Vielleicht ist es diese Großmut des Kavaliers, nach der sich hierzulande vor allem das weibliche Publikum sehnt.Aber selbst in den Tropen kann es manchmal hundert Jahre dauern, bis ein rhythmisch vollendeter Kavalier herangereift ist.

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