Kultur : Wie die Alten sungen

PETER BLAU

Das Jahr 1998 - heuer, wie man in Wien zu sagen pflegt - ist für Sandra Kreisler ein gutes Jahr."Ich bin richtig stolz auf mich", meint die 37jährige Sängerin ohne falsche Bescheidenheit.Schließlich hat sie im Sommer eine dreiwöchige Amerika-Tournee absolviert, ihre erste CD fertiggestellt, die Führerschein-Prüfung bestanden - und sie fungiert ab heute zwei Wochen lang als "Mi- stress of Ceremonies" im Ballroom der "Jüdischen Kulturtage".Persönliche Bestätigungen, die Balsam sind für das angekratzte Ego einer Künstlerin, die lange brauchte, um sich auf ihrem Lebensweg zu orientieren.

Kinder berühmter Eltern haben es nicht leicht.Eine Wald- und Wiesen-Weisheit, von der Sandra Kreisler etliche Lieder zu singen weiß: "Irgendwann hast du einfach die Nase voll davon, immer nur als die Tochter des berühmten Vaters vorgestellt zu werden." Doch ihre vor fünf Jahren getroffene Entscheidung, die Schauspielerei bleiben zu lassen und "zu singen, egal was passiert", führte sie unweigerlich in den künstlerischen Umkreis jenes Mannes zurück, von dem sie sich jahrelang vergeblich zu lösen versucht hatte: "Wenn man sich auf die Suche nach guten, deutschsprachigen Chansons begibt, landet man unweigerlich bei Georg Kreisler."

Ihr erstes Album "Lieder" besteht daher nicht nur zum überwiegenden Teil aus Stücken, die der Vater geschrieben hat, sie hat sie ihm überdies gewidmet.Und das, obwohl er sie wissen ließ, daß er den seit Jahren herrschenden Zustand der Kontaktlosigkeit für einen sehr angenehmen halte.Auch die Beziehung zur Mutter - der Schauspielerin und Theaterleiterin Topsy Küppers - hat jahrelange Reibungsverluste nicht verkraftet.Lakonisches Resümée der Tochter: "Viele haben zu ihren Eltern viel Kontakt, aber keine Bindung.Bei mir ist das umgekehrt."

Offene Wunden - seit 25 Jahren.Sandra wächst im Theater- und Kabarett-Umfeld ihrer Eltern auf.Als sie sich scheiden lassen, ist sie gerade 12.Zwei Jahre später reißt sie aus und zieht nach Berlin.Es folgen sechs Jahre, in denen sie mit Beharrlichkeit an ihrer Zerstörung arbeitet.Mit knapper Not gelingt ihr der Absprung von der schiefen Bahn.Und mit aller Kraft zieht sich Kreisler am eigenen Schopf aus der Misere: Zurück in Wien nimmt sie Schauspiel- und Gesangs-Unterricht, besucht Rhetorik-Kurse, wird Mitglied in einem Kabarett-Ensemble - und Fernseh-Ansagerin beim Österreichischen Rundfunk.Für ganze drei Monate.Der damalige Intendant teilte ihr als Begründung für die Kündigung mit, es habe Drohbriefe aus rechtsextremen Kreisen gegeben und sie sei daher eine "untragbare Bedrohung für das Haus".

Beim Hörfunk findet sie ein neues berufliches Zuhause.Mit ihrer unverwechselbaren tiefen Stimme - mit einer Bandbreite von samtweich bis herbbitter - ist sie bis heute das markante, akustische Aushängeschild einiger Sendungen.Ihrem Ruf als Überzeugungstäterin wird sie Anfang der neunziger Jahre in ihrer Funktion als Moderatorin der Sendung "Talk-Radio" - der ersten derartigen im deutschsprachigen Raum - auf dem öffentlich-rechtlichen Sender Ö3 gerecht.Nach einer unverblümt formulierten Wahlempfehlung sehen sich die Redakteure gezwungen, sich von ihr zu verabschieden - bevor sich Ö3 genötigt sehen könnte, sich gänzlich von der riskanten "Talk-Radio"-Idee zu verabschieden.

Für Kreisler kein Beinbruch.Sie hat sich mittlerweile auch international als Schauspielerin für Film, Fernsehen und Theater etabliert.Bereits 1994 allerdings verabschiedet sie sich mit der musikalischen One-Woman-Show "Hinter dem Spiegel" endgültig vom klassischen Worttheater, um sich künftig - abgesehen von ihrem Brotberuf als Funk- und Werbe-Sprecherin - ausschließlich musikalisch und kabarettistisch zu betätigen.In ihren Chansonprogrammen finden sich jiddische und wienerische Chansons - und selbstverständlich zahlreiche Kabarett-Lieder aus der Feder ihres Vaters."Taschenprogramme", wie sie selbst bezeichnet: "Zuschneidbar für jeden Anlaß."

Ganz anders ihr faszinierendes Projekt mit dem "Open Mind Quartett": Schräge Songs zur Musik eines zwar klassischen, aber in seinen Arrangements höchst unkonventionellen Streichquartetts, mit denen Kreisler ihrem erklärten künstlerischen Ziel - "textlich und musikalisch in gleichem Maß anspruchsvolle Unterhaltung" - bereits beträchtlich nahe gerückt ist.Die jüdische Kabarett-Tradition pflegt Sandra Kreisler abseits ihrer Liederabende vor allem im Kabarett-Ensemble von Bela Koreny, dessen Revuen sich zumeist aus Reminiszenzen an die sogenannte "goldene Zeit des Wiener Kaba- retts" zusamensetzen.

Koreny ist überdies der Inhaber des Wiener Innenstadt-Lokals "Broadway Bar", das für Sandra Kreisler zu einem zweiten Zuhause geworden ist.Weniger ob des plüschigen Ambientes, als vielmehr auf Grund des Künstler-Stammpublikums: Den Mitgliedern der Broadway-Bar-Bande, zu der auch Gerhard Bronner zählt, fühlt sie sich durch eine "Seelenverwandschaft" verbunden, die sie in den gemeinsamen jüdischen Wurzeln begründet sieht."Ich fühle mich nicht aus religiösen Gründen als Jüdin.Das Wesentliche ist für mich das Sejchel - der Geist, Witz und Verstand - und die Kultur des Diskurses." Selbstironischer Nachsatz: "Und natürlich die eitle Zugehörigkeit zu einer Minderheit."

Ihre Wohnung in der Josefstadt, dem 8.Wiener Gemeindebezirk, vermittelt indes vor allem multikulturelle Offenheit: Eine orientalische Sitzgruppe, afrikanische Schnitzereien, balinesische Plastiken - und an den Wänden beeindruckende, großformatige Bilder des Malers Julian Kreisler, mit dem sie in zweiter Ehe verheiratet ist.Und überall liegen und hängen Knochen - zum Beispiel Schildkrötenkopf und ein Delphingerippe.Bizarre Strandgut-Mitbringsel."Ein leicht morbide Ader gehört doch zum typischen Wiener dazu, oder?" Und jenes Augenzwinkern, das sie seinerzeit dazu veranlaßte, ihren großgewachsenen, haarigen und mit 16 Jahren schon fast greisen Hund "Chef" zu taufen - um ihm mit diebischer Freude Befehle erteilen zu können: "Chef, komm her!".Daß ihr Chihuahua "Golem" hingegen bereits in jungen Jahren von einem Radfahrer überfahren wurde, ist eine bittere Ironie des Schicksals, wie sie sich kein schwarz-humoriger Wiener Kabarettist hätte trefflicher ausdenken können.Auf der von besonders extremen Altituden-Sprüngen gekennzeichneten Achterbahn ihres Lebens geht es nun schon seit geraumer Zeit konstant bergauf.Und die Perspektiven sind gut.Rückblickend kann sie mittlerweile sogar ihrer Phase "ganz unten" Positives abgewinnen: "Für meine 37 Jahre habe ich immerhin schon verdammt viel gesehen."

Der Ballroom der Jüdischen Kulturtage beginnt heute um 20.30 Uhr im Jüdischen Gemeindehaus, Fasanenstraße 79-80.Weitere Programme: 12.11.sowie vom 16.bis 19.11., Telefon 28 39 230

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