Kultur : Wie die Globalisierung Gesellschaften verändert

Günther Friess

Der Nobelpreisträger für Ökonomie, Amartya Sen, hat unlängst die Frage gestellt, "wo denn in der Freiheit des globalen Marktes die zwei anderen Grundsätze der französischen Revolution, nämlich Gleichheit und Brüderlichkeit blieben". Zwar eröffnen sich den Menschen im Gefolge einer sich rasant und radikal verändernden Welt ungeahnte und vielfältige Möglichkeiten in allen gesellschaftlichen Bereichen - Individualisierung heißt das Zauberwort -, doch sieht sich der Einzelne einem anonymen Ganzen mehr oder weniger ausgeliefert.

Mit dem Gewinn von Freiheit und Autonomie geht zugleich auch ein Verlust von klarer Orientierung an festen Normen und Rollen einher; das einheitliche Bild von Gesellschaft scheint zu verschwimmen. Was liegt da näher, als ausgewiesene Experten um eine Einschätzung zu bitten. Der Journalist Armin Pongs hat dies in dem vorliegenden Buch getan und zwölf international renommierten Soziologen die Frage gestellt: "In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?"

Dabei erweist sich die Idee des Autors, die Soziologen im Stile des Reporters zu befragen, nicht nur als originell, der Leser wird gleichsam in die Gespräche mit eingebunden und zum Dialog mit den Experten angeregt. Zudem ist der Band klar strukturiert. Einer kurzen Vorstellung der Experten und ihrer jeweiligen Konzepte folgt ein standardisierter Fragenkatalog in dem der Leser auch einiges über das "Gesellschaftsleben" von Soziologen erfährt.

Durch kluges Fragen spürt Pongs in Interviews die Essenz der verschiedenen Gesellschaftsanalysen auf und präsentiert diese in einer klaren und verständlichen Sprache. Begriffe wie Integration, Desintegration, Differenzierung und Individualisierung, die sich wie ein roter Faden durch die Gespräche ziehen, verlieren ihre Unschärfe. Der Schweizer Peter Gross sieht "eine ungebremste Wachstums- und Steigerungsdynamik. Immer schneller, immer weiter, immer mehr". Die globale Gesellschaft produziere eine Vielzahl von Möglichkeiten und Lebensstilen. Als "Bürger vieler Welten" gestalte jeder seine eigene Bricolage - "Patchwork-Existenz" als künftige Lebensform.

Ulrich Beck, bekannt geworden durch sein Buch über die Risikogesellschaft, ist überzeugt davon, dass der Gesellschaft zukünftig die Arbeit im klassischen Sinn ausgehen wird. Folglich müsse die Begriffe Arbeit und Arbeitswelt neu definiert werden; die Gesellschaft "sollte sich nicht ausschließlich über Erwerbsarbeit definieren". Bürgerarbeit und Familienarbeit, die dem Gemeinwohl zuträglich sei, sollte eine entsprechende Entlohnung mit einschließen. Dies hat freilich wenig mit der Bürgergesellschaft zu tun, die der große Liberale Ralf Dahrendorf reklamiert. Wo Beck und andere für eine stärkere Position des Staates eintreten, plädiert Dahrendorf für ein gemäßigtes Eingreifen des Staates. So dürfe bei der notwendigen Reform des Wohlfahrtsstaates der Staat individuelle Initiativen (zum Beispiel als Unternehmer) nicht verhindern. Ein ausufernder Wohlfahrtsstaat, der den Menschen fast alles abnehme, führe zu einem Verlust privater Verantwortung wie auch privater Hilfe.

Trotz aller Unterschiede in den Betrachtungen - eines ist den im vorliegenden Band versammelten Konzepten gemeinsam: Kein Modell kann die soziale Wirklichkeit erschöpfend erfassen; und so muss die Frage, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben, letztlich offen bleiben. Deshalb sei, so Pongs, vorläufig auch zu schlussfolgern, dass wir in einer bürgerlichen, desintegrierenden, arbeitsorientierten, wissensbasierten, erlebnisorientierten, globalen und multikulturellen, also in einer "gemischten" Gesellschaft leben.Armin Pongs: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Gesellschaftskonzepte im Vergleich. Dilemma Verlag, München 1999. 282 Seiten. 46 DM.

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