Kultur : Wie die Nomaden im Speck - in Berlins Künstlerhaus Bethanien

Peter Herbstreuth

Diese Ausstellung hat zwei Seiten. Die erste ist ein inspirierendes Vergnügen, die zweite ein Desaster. Zuerst die gute Nachricht. Mittlerweile gibt es über 150 Institionen, die das 1975 gegründete Künstlerhaus Bethanien als Modell direkt oder indirekt adaptierten. Es bietet vor allem ausländischen Künstlern für eine befristete Zeit Wohn- und Arbeitsräume mit Ausstellungsmöglichkeiten. "Durchreise" ist die zentrale Jubiläumsschau zum 25jähigen Bestehen (vgl. Tagesspiegel vom 15. 1. 2000). Mit dieser Schau thematisiert das Künstlerhaus seine Funktion und die Perspektiven von 25 häufig reisenden Künstlern, die als "Nomaden-Künstler unserer Zeit" unnötig exotisiert werden.

Roland Boden, Pedro Cabrita Reis, Mark Dion, Zhu Jinshi, Via Lewandowsky, Valeska Peschke, Rivka Rinn, Eran Schaerf und Eva Meyer haben wie alle anderen Künstler einen festen Wohnsitz. Bisweilen verlassen sie ihn, um Vorhaben zu verwirklichen. Von solchen Exkursionen handelt die Schau. Chris Durham reiste auf den Spuren Geoffrey Chaucers "Canterbury Tales" von London nach Canterbury und hielt in klaren Grautönen Landschaften fest, denen er die Anfängsätze der Geschichten zuordnete. "In Britanien, wie es einst genannt wurde ..." steht unter einem Foto mit weitem Blick über eine Ebene. Herman Prigann und Eijo Okubo rekonstruieren auf einer Schautafel eine Reise in Kooperation mit Universitäten, die sie von entgegengesetzten Punkten begonnen haben - Prigann in Portugal, Okubo in Japan. Sie trafen sich in der Mitte auf dem Heiligen Berg Kailas in Tibet und errichteten zusammen ein Monument.

Raffael Rheinsberg fuhr im Winter 1983 mit Freunden von Berlin nach Nowosibirsk und sammelte auf der dreiwöchigen Fahrt bei jedem Halt Alltagsgegenstände. Diese Fundstücke (Filzstiefel, Holz, Plaketten, Schraubenschlüssel) legte er auf der Empore des Künstlerhauses in langer Reihe aus; nicht die Reise wird abgebildet, sondern die Beute. Beim Rundgang durch die Ausstellung ergibt sich das Bild von Konzeptreisen. Die Künstler stellen sich eine Aufgabe und fahren los, um zu sehen, was sich daraus ergibt. Danach bringen sie das Ergebnis in Form. So gehört es zu den schönsten Erlebnissen der Schau, den Film von Eva Meyer und Eran Schaerf über ihre Erkundungen in Mombassa und Sansibar zu sehen und der angenehmen Stimme aus dem Off zu lauschen. Das erste Mal versteht man nicht, wovon sie spricht. Doch das Nichtverstehen ist so anziehend, daß man den kurzen Film nochmal anschaut.

Eines der prägnantesten Werke stammt von Georg Jappe und Lili Fischer. Entlang der engen Treppe hängen Fotos von Vogelschwärmen, die in Schrift und Zeichnung übergehen. Der Blick auf die Konturen der Vögel hoch oben verwandelt sich in Buchenstaben als Bild in Bewegung. Solchen Beobachtungen und Exkursionen stülpt der neue Direktor des Hauses, Christoph Tannert, einen Begriffsapparat über, den weder die Werke noch die Künstler tragen können. "Wir feiern unser Jubiläum im Zeichen des Nomadismus der Künstler", schreibt er und läßt ein Metapherngewitter über "postindustrielle Gesellschaft" und "kulturelle Codes" folgen. Doch von Nomaden keine Spur.

Manche Künstler haben eine Professur an einer Kunsthochschule oder Universität; manche haben Beamtenstatus. Man möchte, um der Studenten willen, hoffen, daß die Lehrer nicht ganz so nomadisch sind, wie es im Begleittext zur Ausstellung beschrieben ist; sie hätten sonst eine Dienstaufsichtsbeschwerde am Hals. Überdies wären Nomaden im Staatsdienst ein Sonderfall. Ansonsten gehören die Nomaden Europas - von Nomaden im Orient und Nordafrika nicht zu reden - eher zu den üblichen Verdächtigen: Staatenlose, Obdachlose, Delinquenten, Treber ohne Pass und Papiere. Sie leben sehr anders als Künstler, die mal hier und mal da ein Stipendium bekommen. Valeska Peschke reiste mit Unterstützung des DAAD und des Berliner Senats nach Passadena. Jetzt lebt sie wieder in Berlin. Via Lewandowsky hielt sich unter gleichen Bedingungen ein Jahr in New York auf und lebt seit vielen Jahren in einem Haus an der Berliner Kantstraße.

Doch das Künstlerleben soll als so lustig, frei und unabängig suggeriert werden wie früher das "Zigeunerleben": ein Schunkellied von Freiheit und Abenteuer. Die Berechenbarkeit (bei Anruf Ausstellung) des tatsächlichen Künstlerlebens und dessen enge Bahnen werden verschleiert. Worin die Freiheiten gegenüber anderen Berufen dennoch bestehen, bleibt unkenntlich. Im Einführungstext zur Ausstellung und der Selbstdarstellung des Hauses wimmelt es von Mobilität, Urbanität, Subversivität, Interaktivität, Globalität und Täterätät: das Geröhre eines Platzhirschen, der keinen Begriff ausläßt, um nicht in den Verdacht zu geraten, den Anschluß an den Diskurs verpaßt zu haben.

Man darf aber erwarten, daß eine Institution die Begriffe überprüft, die sie zum Thema macht. In diesem Falle werden sie als Reizmaterial benutzt und verschließen die Realität. "Nomaden", "transkulturelle Migranten", "Bohemiens", "Flaneure", "Dauertouristen", "Wanderkünstler" hin oder her: wer im Künstlerhaus Bethanien ein Stipendium bekommen will, der muß einen festen Wohnsitz haben. Der Künstlerberuf ist ein nüchternes Gewerbe von Kleinunternehmern geworden. Die Veranstalter wollen diese Nüchternheit mit einem Begriff bezaubern, der noch weniger mit der Wirklichkeit zu tun hat als der Orientalismus mit dem Orient. Der "Nomadismus der Künstler" ist eine Phantasie über den Kunstbetrieb in den Fängen von Sponsoren, Subventionen und berechenbarer Ausstellungsplanung.

In dieser Abhängigkeit entstehen Freiheitsphantasien, die den Künstler mystifizieren und mit einer quasi-exotischen Bedeutung aufladen. Die zunehmende Versachlichung des Betriebs behagt den Veranstaltern nicht. Diesem Unbehagen auf den Grund zu gehen, wäre ein weitreichendes Thema für ein Künstlerhaus. Es träfe ins Zentrum eines gewandelten Berufs- und Arbeitsfeldes im säkularisierten Westkunstgebiet. Der Fehlstart des neuen Direktors hat auch sein Gutes: er weist auf ein Forschungsfeld hin, das im Netz der Künstlerhäuser gut bearbeitet werden kann.Künstlerhaus Bethanien,bis 25. Mai. Mittwoch bis Sonntag, jeweils 14 bis 19 Uhr

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