Kultur : Wie die Stadt wird, was sie ist Eine Istanbul-Ausstellung

im DAM Frankfurt/Main

Christian Huther

Die Klischees sind so alt wie die Geschichte der Stadt selbst. Es geht um „die westlichste östliche Stadt“, „die Stadt, in der sich Orient und Okzident treffen“, um „die Perle am Bosporus“. Doch Istanbul ist längst eine moderne Metropole und eine der größten Städte Europas, vor Paris oder London. Freilich bleibt der erste Blick von außen oft am Typischen hängen. Da hat Peter Schmal richtig gehandelt: Er betraute die Istanbuler Garanti Galeri damit, eine Türkei-Schau für das von ihm geleitete Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main zu organisieren. Die Istanbuler jedoch legen den Fokus nicht auf Architektur, sondern auf ihre Stadt, freilich unter soziologischem Blickwinkel.

Den entscheidenden Part muss der Besucher selbst übernehmen und sich an die Installation mit acht Videobeamern wagen. Acht Gegensätze wie „Altern – Erneuern“ oder „Furcht – Beruhigung“ stehen zur Auswahl. Von hier aus gelangt man zu Fotos, Zeitungsartikeln, Nachrichtensendungen oder Videoclips.

Der Besucher geht auf seine eigene Reise. Freilich ist bei einem Besuch nur ein Bruchteil der 400 Beiträge von 70 Künstlern und Architekten zu schaffen. Darunter ist der Dokumentarfilm über ein Hüttenviertel, das für einen Industriebetrieb über Nacht dem Erdboden gleichgemacht wurde, ein poetischer Film über eine alte Treppe und Fotos einer neuen Shopping Mall mit nicht weniger als 250 000 Quadratmetern Fläche. Eine nüchterne Bestandsaufnahme ohne folkloristische Schnörkel. Die Schau sammelt Eindrücke, ohne sie zu bewerten. Der Frankfurter Istanbul-Flaneur soll sich sein eigenes Bild machen.

Und die Technik macht es möglich, auf kleinem Raum ein komplexes Bild einer Megacity zu geben – viel anschaulicher, als dies eine herkömmliche Ausstellung leisten kann. So dürfte diese Schau der beste Beitrag zum diesjährigen Türkei-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse sein. Sie heißt „Becoming Istanbul“, also „Istanbul werden“. Istanbul ist der Name der jüngsten Stadt – zuvor hieß sie Byzanz, Neu-Rom, Konstantinopel, Polis, Islambol und Dersidaat.

Doch im 20. Jahrhundert hat sich der Name Istanbul („in die Stadt“) durchgesetzt – und damit derjenige, der am wenigsten Assoziationen zu Politik, Religion und Ethnien aufweist, wie es im Katalog heißt. Buch und Ausstellung decken sich im Übrigen nicht. Während Letztere eine Art Kaleidoskop ist, erweist sich das Buch als Enzyklopädie der Probleme Istanbuls, vom Autoschiff bis zum Jahr 2010, wenn Istanbul europäische Kulturhauptstadt sein soll. Die Frankfurter Ausstellung wird dazu beitragen, dass bis dahin einige Klischees vergessen sind. Christian Huther

Frankfurt am Main, Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, bis 9. November. Katalog 25 €.

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