Kultur : Wie du mir, so ich dir

Strategie des schlechten Gewissens: Wie eine Berliner Tagung die „Politik der Schuld“ ergründet

Hans von Seggern

Während es an dem „Gebirge an Schuld“, das die Deutschen in den Jahren des Nationalsozialismus auf sich luden, kaum Zweifel geben kann, hat die Frage, wie Schuld in der Nachkriegszeit für politische Interessen benutzt wird, unter Historikern lange wenig Beachtung gefunden. Erst in letzter Zeit ändert sich das, nicht zuletzt im Kontext der EU-Osterweiterung.

So brach der einstige tschechische Ministerpräsident Vaclav Havel mit der Tradition seines Landes, als er sich bei den Vertriebenen für deren Leid entschuldigte. Er tat es in der Gewissheit, dass Willy Brandts Warschauer Kniefall als Prämisse des Umgangs bundesdeutscher Politik mit den Opfern des NS-Vernichtungskrieges unhintergehbar sein würde. Vaclav Havel ahnte nicht, dass er eine Ermutigung jener Kräfte in Deutschland bewirkte, die sich schließlich zu Wiedergutmachungsforderungen in dreistelliger Milliardenhöhe aufschwangen. Mit erheblichen politischen Konsequenzen: Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber forderte etwa, die EU-Mitgliedschaft der Tschechen von der Annullierung der so genannten Benesch-Dekrete abhängig zu machen, die im Jahr 1945 die entschädigungslose Enteignung der „Deutschböhmen“ sowie die Aussiedlung der deutschen Minderheit aus der Tschechoslowakei legitimiert hatten.

Schuldkomplexe sind ein Nährboden der politischen Strategie – und selten ein ersprießlicher, wie eine vom Hamburger Institut für Sozialforschung und dem Deutschen Historischen Museum veranstaltete Tagung mit dem Titel „Politik der Schuld“ am Wochenende zeigte. Die Vertriebenen-Debatte nahm dabei einen herausgehobenen Rang ein. Zeigt sie doch nach Auffassung des Historikers Norbert Frei, wie die Auseinandersetzung um historisches Unrecht auf den Stand der Fünfzigerjahre zurückzufallen droht. Aber auch die aktuelle Diskussion um die Bombardierung Dresdens sowie die Forderung, die Engländer müssten sich für ihren „Terrorakt“ entschuldigen, berühren diesen Punkt.

Nachdem die Einzigartigkeit des NS- Völkermords lange außer Frage stand und das Vertreibungsdrama nach 1945 als Folge des nationalsozialistischen Herrenmenschen-Terrors gesehen wurde, lasse sich nun ein Trend zur Dekontextualisierung verzeichnen, so Daniel Levy von der State University, N.Y. Immer häufiger würden Vorgänge in anderen Erdteilen – wie das von den Japanern in China verübte Nanking-Massaker oder die Barbarei der Kolonialherren auf dem afrikanischen Kontinent – mit demselben Vokabular erfasst, mit dem bislang der Holocaust beschrieben worden ist. „Genozid“, „ethnische Säuberungen“ und „Holocaust“ näherten sich mit Blick auf einen universalisierten Menschenrechtsdiskurs in ihrem Begriffsgehalt einander an.

In ein merkwürdiges Licht gerät vor diesem Hintergrund das geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“, das sich in seiner Ausrichtung auf Europa beschränkt. Der Vorschlag der polnischen Publizisten Adam Krzeminski und Adam Michnik, ein solches Zentrum nicht in Berlin, sondern in Breslau einzurichten, wurde von Erika Steinbach, der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, sehr polemisch zurückgewiesen. Von einer gesamteuropäischen Erinnerungskultur ist man in der Tat noch weit entfernt, wenn Vertreibungsgeschichte als Teil eines gekränkten Nationalbewusstseins angesehen wird.

In seinem Parforceritt durch die deutschen Schulddiskurse von der Nachkriegszeit bis heute erklärte Norbert Frei die gegenwärtigen Opfer-Debatten der Deutschen mit einer „inneren Umkehr“ der um 1945 geborenen „Alterskohorte“ der 68er. Da sie die Faschismus-Diskussion als Generationenkonflikt mit den eigenen Eltern geführt habe, drängt ihr nun die Frage ins Gewissen, ob man der Elterngeneration nicht jene Empathie schuldig geblieben sei, die sie angesichts von Kriegsgefangenschaft und Bombenkrieg verdient gehabt hätte. So werde aus den 68ern die Generation der Bombenkriegs- Kinder. Das allgemeine Credo lautet: Nach Zwangsarbeiterfonds und Holocaust-Mahnmal sei man den Opfern nichts mehr schuldig.

Zuletzt war anlässlich der Berliner Flick-Collection über die Vererbbarkeit von Schuld gestritten worden und dem Sammler die „moralische Weißwäsche von Blutgeld in eine gesellschaftlich akzeptable Form des Kunstbesitzes“ (Salomon Korn) vorgeworfen worden. Jan Philipp Reemtsma, der sich mit diesem Fall noch einmal beschäftigte, fasste den gegenwärtigen Holocaust-Diskurs in einer „Aporieformel“ zusammen. Da „Schuld“ und „Verantwortung“ ein Problem darstellen, bei dem es keine befriedigende Lösung gebe, habe man sich mit einer gewissen Unverbindlichkeit im Umgang mit der Vergangenheit einfach abgefunden.

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