Kultur : Wie ein Fehler im Filz

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Von Katrin Hillgruber

Nein, die „popularna methoda“ ist das nicht, mit der die „kuriosalne historie“ von Katja Lange-Müllers Roman „Verfrühte Tierliebe“ an diesem Nachmittag an die potentielle Leserschaft gebracht wird. Eher ein literarisches Experiment in bester Parklage: Sechs deutsche Autoren suchen polnische Verleger. Die Originalpassagen aus ihren Büchern lesen sie selbst, die übersetzten Appetithappen werden dem Temperament von Schauspielschülern überantwortet.

„Es gibt zu viele Sachen, um sie in einer kleinen Schachtel zu verschließen“ lautet die Inschrift über dem Hauptportal des Ujazdowski-Schlosses, das mitten im frühsommerlich prächtigen Lazienki-Park gelegen ist. Das klingt nur vordergründig profan - in Wirklichkeit steckt ein landestypischer Pragmatismus dahinter, der für die Besucher durchaus ansteckend wirkt.

Lieblingsort des Königs Stanislaw August, später Kaserne der königlichen Infanteriegarde, Militärkrankenhaus, während des Warschauer Aufstands 1944 völlig abgebrannt, fünfzig Jahre später Wiederaufbau als „Centrum Sztuki“ für moderne Kunst: Das Ujazdowski-Schloss ist eines von unzähligen Warschauer Gebäuden, die wie Phönixe aus der Asche des Weltkriegs wiederauferstanden sind. Mit der Villa Decius in Krakau oder der Akademie Schloss Solitude gehört es zum europaweiten Verbund Kultureller Zentren in historischen Bauwerken.

Silberfisch und Zeitmaschine

Und nun die deutschen Schriftsteller und Lektoren im sechseckigen Hof, eingeladen auf Initiative des Literarischen Colloquiums Berlin, des Warschauer Goethe Instituts und des Deutschen Buchinformationszentrums BIZ: Die Soundbites wechseln sich ab. Lange-Müllers krause Pubertäts- und Detektivgeschichte trifft auf Marcel Beyers düstere „Flughunde“ aus dem akustischen Archiv des Führerbunkers kurz vor dem Untergang.

Es folgen Julia Francks allgemeingültige Liebesgeschichten nach dem Muster Erwartung-Erfüllung-Enttäuschung, dann eine Miniatur von Anne Weber über den Kopf als „unheilstiftende behaarte Kugel“. Burkhard Spinnens Kurzprosa, diesmal über die Phänomene Silberfisch und Zeitmaschine, erweist sich nach einem ersten Härtetest in China erneut als universell verständlich. Wie aber würde die Zuhörer auf Malin Schwerdtfegers Roman „Cafe Saratoga“ reagieren, auf den Blick zweier junger Aussiedlerinnen auf das neue Leben in Westdeutschland, kurz „Bundes“? Interessiert sie überhaupt diese ironische und in Mentalitätsfragen ungewöhnlich einfühlsame Spiegelung von außen? Vera Bagaliantz, Leiterin des Warschauer Goethe Instituts, und Ulrich Janetzki vom LCB zeigten sich zuversichtlich; nächstes Jahr soll der Wanderzirkus in gleicher Besetzung sein Zelt in Prag aufschlagen.

Kein Land des ehemaligen Ostblocks wandelt sich so rasant wie Polen, das schon immer eine starke Affinität zu Nordamerika besaß. So wird auch der verhasste, 234 Meter hohe Kulturpalast, den Stalin 1955 der Stadt schenkte, auf elegante Weise mit seinen eigenen Mitteln bekämpft: Mehrere schnellaufgeschossene Wolkenkratzer in schimmernden Metallhäuten neutralisieren optisch das Souvenir der Besatzungsmacht.

Eine neue Sprache für die neue Wirklichkeit nach den ökonomischen und geistigen Umbrüchen seit 1989 fand vor allem die Generation der heute 40-jährigen Autoren wie Olga Tokarczuk, Magdalena Tulli und Andrzej Stasiuk. Die jüngeren artikulieren sich in reizvoller publizistischer Vielfalt, etwa in der Avantgardezeitschrift „meble“ (Möbel). Das grafisch ambitionierte Magazin in Ringbuchheftung präsentierte kürzlich einen Ausschnitt aus Thomas Brussigs „Sonnenallee“.

Eine repräsentative Auswahl deutscher Gegenwartsliteratur wollten die Initiatoren in Warschau vorstellen und damit einheimische Übersetzer und Verleger anlocken. Marcel Beyers „Flughunde“ werden im Herbst in der Übersetzung von Jaroslaw Ziolkowski erscheinen, im profilierten Danziger Verlag slowo/obraz terytoria (Wort/Bild Territorium). Hier veröffentlichen die Vertreter einer neuen Danziger Schule wie Stefan Chwin und Pawel Huelle.

Der Buchmesseschwerpunkt Polen im Herbst 2000 hatte die nachbarschaftÙlichen Beziehungen mit einer gewissen Euphorie erfüllt, doch die ist nicht zuletzt wegen der angespannten Wirtschaftslage verflogen. Zur Zeit leistet sich jede Polin, jeder Pole pro Jahr gerade mal ein halbes Buch. Im Jahr erscheinen etwa 300 Übersetzungen aus dem Deutschen, wobei sich diese Zahl vor allem aus Sachbüchern, Lexika und Monographien aller Art zusammensetzt. Marcel Reich-Ranickis Konterfei blickt von auffallend vielen Buchstapeln. Er wird in Polen nach wie vor als Agent verdächtigt, und die jüngste Walser-Debatte hat auch hier Wellen geschlagen.

Es gibt hier keine Opfer von Kritikern

Ansonsten herrscht eher Larmoyanz vor, zumindest wenn man der Verlegerin Beata Stasinska glaubt. Die nächsten deutschsprachigen Autoren, die ihr Verlag WAB veröffentlichen wird, sind W.G. Sebald und Juli Zeh. Während Denis Scheck (Deutschlandfunk) für die heimische Literatur goldene Zeiten propagierte, wünschte sich Stasinska eine Krise auf deutschem Niveau. Die Rezeption nonkonformistischer Titel falle wesentlich verhaltener aus, weil neue n gar nicht erwartet würden.

In den großen Tageszeitungen, allen voran der Rzeczpospolita und der Gazeta Wyborcza, erscheint nur einmal im Monat je eine Beilage mit Literaturkritiken. Walsers fabulierter „Tod eines Kritikers“, so die Verlegerin in ihrer beredten Resignation, sei in Polen undenkbar, weil es schlicht und einfach zu wenig Opfer dieser Spezies gebe.

Viele kulturelle Unterschiede sind nicht oder nur schwer übersetzbar, und ihre Nivellierung würde einen Substanzverlust bedeuten. So entwickelte sich die Warschauer Begegnung zu einem Plädoyer für die genuin fremde, widerborstige Literatur jenseits der EU-Einheitskultur, die ab 2003 dem Aufnahmekandidaten Polen droht.

Wie lohnend der konstante, interessierte Blick in Richtung Ostmitteleuropa sein kann, bewies am nachhaltigsten ein Lyriker: Marcel Beyers jüngster Gedichtband „Erdkunde“ führt ein westliches Ich in die „Oststeppen“ und „Ostpreußenmuster“ ein. Mit seismographischem Gespür erkundet es die historischen Verwerfungen und Entbehrungen, bis ein eigenes Bild vom Osten zum Klingen kommt, wie in „Fehler im Filz“: „Und dann ein Blick von ihr, als wenn sie sagen will: Baumwolle gibt es gar nicht mehr, als wäre sie im Westen und bereit.“

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