Kultur : Wie ein Fisch

Software im Glasmantel: Der Berliner Architekt Mark Braun baut für SAP ein nobles Geschäftshaus

Frank Peter Jäger

Wer Ende der Neunzigerjahre Aktien des Walldorfer Softwareherstellers SAP besaß, war ein glücklicher Mensch, denn er konnte täglich zusehen, wie sein Geld mehr und mehr wurde. SAP – das steht für eine Zeit, in der nichts unmöglich schien. Die Firma hat den Niedergang des New-Economy-Booms überdauert und sich jetzt vom Berliner Architekten Mark Braun nahe des Hackeschen Markts ein Haus aus Glas bauen lassen, gerahmt von metallisch schimmernden Aluminiumstegen, deren rundliche Profile dem Ganzen eine geschmeidige Karosserie-Optik geben. 300 Angestellte arbeiten im Haus, zudem dient es als Schulungszentrum.

Am Eröffnungstag stehen ein paar junge Leute davor und mühen sich, die Adresse zu deuten. „Schon wieder ein Kulturkaufhaus?“, spekuliert einer. „Ist jedenfalls ’ne neue Lounge drin“, meint ein anderer und zeigt auf die rot leuchtenden Lichtobjekte in der zweiten Etage. Was den Firmensitz mit einem Feierabendclub für Dreißigjährige verbindet, ist ein Stil, der sich zu gleichen Teilen zwischen Op-Art-Retro, Dynamismus und transparenter Sachlichkeit bewegt und sich im großzügigen Inneren fortsetzt, das ebenfalls Mark Braun entwarf.

Die SAP-Manager, die über das Design zu entscheiden hatten, sind wie der Architekt Anfang vierzig. Braun – der Norman Fosters Reichstagsumbau leitete – glaubt, dass das dazu beitrug, den Bauherrn für Standort und Stil zu erwärmen: „Die wollten zeitgemäße Formen und eine Umgebung mit jungen Leuten“, sagt Braun. An biografischer Affinität ist also kein Mangel, und so verwundert es nicht, dass die aus Jugendjahren bekannte, klinisch-glatte Materialästhetik, die Captain Kirks Mannschaft im Raumschiff Enterprise umgab, heute – mit anderen Elementen kombiniert – wiederkehrt im Duktus unternehmerischer Selbstdarstellung.

So ist das SAP-Haus derzeit das prominenteste Zeugnis für den Generationswechsel innerhalb der Berliner Architekturszene. Eine Reihe von Häusermachern um die vierzig, neben Mark Braun Kollegen wie Eike Becker, Volker Staab oder Grüntuch und Ernst, konnten sich erfolgreich positionieren, weil sie offensiv den Dialog zu privaten Bauherren suchten. Mit dem SAP-Wurf findet die Verwandlung der Spandauer Vorstadt vom kreativen Laboratorium zur gefragten Geschäftslage einen vorläufigen Abschluss. Der wuchtige, siebengeschossige Bau sprengt schon optisch den Maßstab des kleinteilig parzellierten Quartiers. Mit der horizontal betonten, der Straßenbiegung folgenden Rasterfassade lässt Mark Braun ein Motiv der klassischen Moderne anklingen. Anders als etwa Erich Mendelsohn bei seinem Columbus- Haus am Potsdamer Platz legt Braun zwischen die Fensterbänder jedoch keine steinernen Zäsuren, sondern erzielt seine Horizontalgliederung mit Stegen, die 70 Zentimeter aus der Fassade treten und als fester Sonnenschutz dienen.

Blickt man in Richtung Norden am gebogenen Haus entlang, bietet sich eine Perspektive, in der die übereinander liegenden Gesimsbänder in einem gemeinsamen Fluchtpunkt zu verschmelzen scheinen. Aber ein rasanter Schwung, wie man ihn von den Vorbildern aus den Zwanzigerjahren kennt, will sich dennoch nicht ergeben. Teils mag das an der übergroßen Transparenz liegen, teils daran, dass die Gliederung der Fenster wenig Beziehung zum eigentlichen Thema der Fassade zeigt.

Der Haupteingang wird hervorgehoben, indem das Sockelband des Parterres in der Form eines Fischmauls im steilen Winkel über zwei Etagen emporschwingt und auf der anderen Seite des Eingangs zum Boden zurückläuft. Hinter der runden Glaswand befindet sich die Lobby, die in ihrer Aufgeräumtheit an ein Flughafenterminal erinnert. Wie im ganzen Haus setzt Braun hier extragroße ovale Deckenleuchten ein. Dass die Architektur sich farblich auf neutrale Silber- und Grautöne beschränkt, liegt auch daran, dass Decken und Wände nachts zur Projektionsfläche für ein – wie sollte es anders sein – „interaktives Medienkunstwerk“ der Gruppe Ars Electronica werden. Passanten können in ein Mikrofon sprechen und zuschauen, wie sich ihre Stimme entlang der Fassade in Schwärme von grellbunten, kaulquappenartigen Digitaltierchen verwandelt. Ob die nervös in den Stadtraum flackernden Projektionen mehr als eine skurrile Touristenattraktion abgeben, darf indes bezweifelt werden. Jedenfalls ist das Gebäude auf nächtliche Wirkung ausgelegt.

Abgesehen von einer tristen Rückseite ist Braun ein im Wesentlichen überzeugendes Beispiel städtischer Geschäftsarchitektur gelungen. Auch wenn die Glasfassade nicht wirklich im architektonischen Konzept verwurzelt zu sein scheint, sondern lediglich als zweite Haut fungiert. Wird Glas nur deshalb so großzügig eingesetzt, weil man Werkstein irgendwie für konservativ hält? So verpuffen die Potenziale der Transparenz in schierer Beliebigkeit.

Standort: Berlin-Mitte, Rosenthaler/Ecke Gipsstraße.

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