Kultur : Wie ein Gott

Der Papst und die Rückkehr der Religion

Rüdiger Schaper

„Das 21. Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein.“ In André Malraux’ berühmtem Satz steckt die Existenzfrage Hamlets. Sie trifft uns unerwartet, mit erschreckender Ambivalenz. Hamlet, der beispielhafte moderne Intellektuelle, wird vom gewaltsamen Tod seines Vaters und übersinnlichen Erscheinungen über Nacht heimgesucht. Er war darauf so wenig vorbereitet wie die Welt von heute auf die Rückkehr des Glaubens. Wir erleben, nicht erst in diesen römischen Tagen, einen ungeahnten Ausbruch von Religiosität.

„ Nach Jesus ist Hamlet die am meisten zitierte Stimme in der abendländischen Welt; man betet nicht zu ihm, aber man stößt allenthalben auf ihn, er ist allgegenwärtig“, postuliert der amerikanische Shakespeare-Exeget Harold Bloom. Es scheint nun aber so, als wendete sich ein großer Teil des Abendlandes, in den USA zumal, von dem brillanten Zyniker mit dem Totenkopf ab – und dem Mann am Kreuze zu. Der Tod des Papstes wirkt wie ein friedliches Fanal. Wir hören, sehen hin, fasziniert und überrumpelt. Ein polnisches Mädchen von sieben oder acht Jahren sagt mit tränenerstickter Stimme in den Fernsehnachrichten, die am Wochenende zum Hochamt wurden: „Der Papst war mein Leben.“ Eine Frau in Mexiko City erklärt: „Er war für uns wie ein Gott.“ Karol Wojtylas Dahinscheiden, dies suggeriert die Bilderflut, reißt nicht so sehr eine Lücke auf, als dass diese Passion vor der Weltöffentlichkeit eine Leere ausfüllt. Eine Leere, die man lange ignoriert hat.

War es nicht ähnlich am 11. September 2001, als die islamistischen Terroristen die USA so verheerend attackierten? Auch damals diese Bilder der stummen Trauer, der globalen Anteilnahme. Was immer Bin Laden mit seinem kalkulierten Wahnsinn erreichen wollte – seit jenem infernalischen Morgen in Manhattan ist Religion eine stetig wachsende, wenn nicht bestimmende Größe in Kultur und Politik. George Bush nutzt diese Dynamik für die größte innere Missionsbewegung der neueren Geschichte, vergleichbar nur der militanten Frömmigkeit eines Philipp II. von Spanien. Auch die Situation im Irak hält für diejenigen, die mit ihrer Waffenmacht Demokratie und Freiheit bringen wollten, eine durchaus archaische Lehre bereit: Das Land wird von schiitischen Geistlichen kontrolliert werden, oder es wird im Chaos versinken.

Der amerikanische Präsident hat den verstorbenen Papst gewürdigt. Gefolgt ist er ihm nie. Johannes Paul II. gehörte zu den schärfsten Kritikern der Todesstrafe und der Kriegspolitik der USA. Gewiss rührt auch daher die erschütternde Verehrung, die dem Gottesmann aus Polen besonders in Lateinamerika und Asien entgegengebracht wird, über den Tod hinaus. Bush dagegen präsentiert sich mehr und mehr als religiöser Führer. Mit ihm an der Spitze der mächtigsten Nation der Welt ist etwas in die Geschichte zurückgekehrt, was in der westlichen Welt als überwunden galt: die Möglichkeit der Gewaltanwendung im Namen Gottes. Dies schien lange dem vermeintlich rückständigen Islam vorbehalten zu sein. Wenn Malraux Recht hatte, muss man sagen: Das 21. Jahrhundert hat erst begonnen.

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