Kultur : Wie ein Historiker den marginalen Zufallsmenschen rekonstruiert

Carl Wilhelm Macke

Geschichtsschreibung widmet sich der Erinnerung an Personen, dem Entstehungsprozess von sozialen Klassen, dem Auf- und Niedergang von Imperien. Sie will Deutungszusammenhänge anhand von Daten und Ideen knüpfen oder in Frage stellen. Könige und Potentaten sollen gewürdigt werden. Oder aber man wendet sich den Unterdrückten, den Namenlosen zu, weil sie die Hauptfiguren seien. Entlang der jeweiligen Forschungsinteressen haben sich "Geschichtsschulen" entwickelt und gegeneinander profiliert. Die Polemik gegen den methodischen Ansatz der anderen "Schule" ist aus der Historikerzunft nicht wegzudenken. Solange noch über die richtigen Interpretationen gestritten wird, ist das Feuer der Erinnerung nicht ganz erloschen.

Auch die Untersuchungen des Pariser Historikers Alain Corbin sind unter Geschichtsforschern umstritten. Corbin schrieb über die Geschichte der Düfte, der Glocken oder der Seebäder. Sind das einer historischen Forschung würdige Themen? In seinem jüngsten Werk begibt sich Corbin auf die Spurensuche nach der Existenz eines Menschen, die lediglich durch den Eintrag ins Melderegister belegt wird. Corbin nimmt sich vor, das Leben eines durch und durch gewöhnlichen Menschen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu rekonstruieren. "Wir müssen eine Geschichtsschreibung betreiben, die dem nachspürt, was das Schreiben der Quellen offenbart." Nach dem Zufallsprinzip habe er aus dem Archiv des Standesamtes im Departement Orne im Nordwesten Frankreichs einen Namen herausgefischt. Louis-François Pinagot heißt der Auserwählte, von dem wir zunächst nur wissen, wann er gelebt hat. Dann, klärt uns Corbin auf, beginnt die Filigranarbeit. Schnell erfährt der in Archivrecherchen erfahrene Corbin, dass Pinagot Holzschuhmacher war und jenseits aller öffentlichen Wahrnehmung gelebt hat. Das Leben eines so unauffälligen Menschen, von dem keinerlei Aufzeichnungen vorliegen, kann nur in einer mühsamen Rekonstruktion der Zeitumstände Kontur gewinnen. Sämtliche erreichbaren Primär-, Sekundär- und Tertiärdokumente kämmt Corbin durch, um sein Ziel zu erreichen, "diesen Menschen neu zu erschaffen, ihm eine zweite, einstweilen solide Chance zu geben, ins Gedächtnis seines Jahrhunderts einzugehen."

Tatsächlich fügt sich am Ende dieser 300 Seiten das Mosaik mit den vielen kleinsten Details zu einem Bild zusammen. Aber irgendwie ist auf dieser zähen Spurensuche der Mensch Pinagot verloren gegangen. Wenig haben wir von jenen "Zornesausbrüchen, Schmerzen und Träumen" dieses Mannes erfahren, über die uns Corbin in der Einleitung Aufklärung versprach. Von seinem Ambiente erfahren wir viel, aber die Konturen bleiben unscharf: ein Unbekannter, im unendlichen Meer der Geschichte verschollen. Trotzdem bleibt nach der Lektüre der Studie ein anhaltendes Echo: Über die "kleinen, unbedeutenden Menschen am Rande der Geschichte" werden oft hohle Worte verloren. Was diese Erinnerungsarbeit im konkreten Fall bedeutet, kann man von Corbin lernen. Für professionelle Geschichtsforschung ist der Ertrag der Studie gering. Viel zu lernen ist aber von Corbins Detailliebe.Alain Corbin: Auf den Spuren eines Unbekannten. Ein Historiker rekonstruiert ein ganz gewöhnliches Leben. Aus dem Französischen von Bodo Schulze. Campus-Verlag, Frankfurt / Main 1999. 339 S. , 58 DM.

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