Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann : Jetzt doch joggen

Sonja Niemann

Ein Sport, der mir immer besonders suspekt war, war Joggen. Mir war egal, dass alle sagten, Laufen sei so gesund, der neue Sex und das letzte große Abenteuer der Überdreißigjährigen. Nichts konnte mich dazu bringen, damit anzufangen. Keine noch so gut gemachte Turnschuh-Werbung, in der dynamische Menschen zu tollen Hipsongs durch die Großstadt liefen. Nicht Joschka Fischer, nicht Speedy Gonzales, nicht Ulrich Strunz (obwohl ich mich sonst sehr von sportlichen Prominenten beeinflussen lasse, meine allererste Schallplatte war „Aerobic mit Sydne Rome“)

Jetzt bin ich plötzlich doch eine von denen, die sich im Park von Kötern ankläffen lässt. Schuld ist ein Geschenk, ein Chip, den man in den Turnschuh steckt. Er funkt an meinen iPod, wie viele Kilometer in welcher Zeit ich gelaufen bin, sogar mit welchem Kalorienverbrauch. Eine freundliche Frauenstimme unterrichtet mich während des Laufens über die Zwischenstände, und es klingt immer etwas vorwurfsvoll. Zuhause kann ich die Daten auf meinen Laptop spielen und alle meine Läufe miteinander vergleichen. Es ist komplett sinnloser technischer Spielkram, was heißt, es ist toll. Ich laufe jetzt auch durch die Hasenheide und versuche bislang erfolglos, meine klägliche Bestzeit vom einmaligen Lauf am flachen Elbufer zu unterbieten, auch wenn es öde ist, regnet, und wirklich jeder schneller ist als ich: Sowohl die Jungs in den atmungsaktiven klimaintelligenten High-Tech-Sportshirts aus Haifischhaut, als auch die Türkin, die mit Kopftuch und im langen schwarzen Rock rennt. Sogar die Nordic Walker überholen mich manchmal. Ich laufe trotzdem weiter.

Neulich erklärte mir in der U 8 einer der speziell auf dieser Linie nicht selten vorkommenden U-Bahn-Spinner, vielleicht anlässlich des bevorstehenden G 8-Gipfels: „Sie können uns nicht kontrollieren! Sie wollen es, aber wir lassen uns nicht fernsteuern!“

Ich habe nichts darauf erwidert. Ich habe einen Chip am Fuß. Sonja Niemann

„Nike + iPod Sport Kit“. Laufen kann man aber auch ohne. Ist aber öder.

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