Kultur : Wie ein Waldsee

Mit den Kings of Convenience wurde Erlend Øye zum Propheten der Stille. Jetzt hat er den Beat entdeckt

Heiko Zwirner

Als Erlend Øye nach Berlin kam, hatte er nur den Hinflug gebucht. Ein neues Jahr hatte begonnen, die kleine Stadt in Norwegen, die ihn hatte groß werden sehen, war eng geworden. „Berlin ist der ideale Ort für jemanden, den in seiner Heimat nichts mehr zurückhält." Øye schiebt die Reste seines mexikanischen Omeletts beiseite und schaut einem Taubenschwarm hinterher, der sich über dem Landwehrkanal in den klaren Winterhimmel erhebt. „Ich mag diese Stadt, weil sie so unfertig ist. Ich mag ihre Energie. Und am meisten mag ich die Menschen, die aus denselben Gründen nach Berlin gezogen sind wie ich. Menschen, die offen für Neues sind und etwas mit ihrem Leben anfangen wollen."

Die Ski-Jacke aus den Siebzigern und der mintgrüne Wollschaal lassen den schlaksigen Øye aussehen wie einen Studenten, der zu viel Zeit im Bett und zu wenig in der Bibliothek verbringt. Die monumentale Hornbrille scheint er wie ein Schutzschild zwischen sich und seine Umwelt geschoben zu haben, und wenn er die Arme baumeln lässt, berühren seine Fingerspitzen fast den Boden. Er hat die Idylle seiner Heimatstadt Bergen gegen die Unverbindlichkeit der Großstadt eingetauscht, hat Bindungen und Bequemlichkeiten hinter sich gelassen, die seine Tage zu verschlingen drohten. Er ist ein verträumter Einzelgänger, ein überzeugter Nichtraucher und ein begeisterter Teetrinker. Und er ist Norwegens bedeutendster Pop- Export seit a-ha.

Musik, die ein Trend wird, stirbt

Vor zwei Jahren veröffentlichte er mit dem Duo Kings of Convenience ein Album, das sich so rein und klar anhörte wie der Waldsee, der auf dem Innencover zu sehen ist. Mit leisen zweistimmigen Gesängen und behutsam gezupften Akustikgitarren ließen Øye und sein Partner Eirik Glambek Boe die angloamerikanische Folktradition wieder aufleben und wurden zu Boten der heilsamen Entschleunigung einer Welt, die von Lautstärke, Tempo und redundanten Informationen bestimmt ist. Neil Tennant und Kylie Minogue bekannten sich als Fans, und auch die DJs in den Chillout-Räumen begeisterten sich für die melodiösen Arrangements der Kings of Convenience. Ihre Sanftheit kam als Erleichterung. Der Albumtitel „Quiet is the New Loud" wurde zum Pop-Slogan des Jahres 2001.

„Musik, die zum Trend erklärt wird, stirbt", sagt Øye heute. „Das beste, was du als Musiker tun kannst, ist es dem, was andere sagen, nicht die geringste Beachtung zu schenken – nicht darüber zu reden, nicht einmal daran zu denken." Als „New Acoustic" zur Bewegung ausgerufen wurde, war Øye längst tanzen gegangen. Er war mit Nick Drake, The Smiths und den Red House Painters groß geworden und konnte mit elektronischer Musik eigentlich nichts anfangen. Doch dann hatte er ein Schlüsselerlebnis bei einem Rave in Finnland. Die Musik war hart und schnell und so präsent, dass man sie beinahe anfassen konnte. Øye: „Sie schien 15 Zentimeter über dem Boden zu schweben. So wie die Gleitflugzeuge in ‚Krieg der Sterne‘. Ich dachte: Wenn man dazu jetzt noch singen würde, könnte man diesem überwältigenden Rhythmus völlig neue Bedeutungen mitgeben."

Seit dieser ersten Begegnung mit dem Sog repetitiver Tanzmusik konnte man ihn auch dann noch ausgelassen in Berliner Clubs tanzen sehen, wenn draußen die Sonne längst aufgegangen war. Auf seinem ersten Solo-Platte „Unrest" schmiegen sich folgerichtig einprägsame Melodien an elektronische Rhythmen. Øye hat auf akustische Instrumente verzichtet. Seine Stimme trägt die Sentimentalität der Kings of Convenience auf die Tanzfläche.

Zugleich ist seine Platte das Ergebnis eines sozialen Experiments. Der Gedanke, dass die Welt kleiner geworden ist und doch jeder für sich bleibt, gefällt ihm nicht. Deshalb hat er sich auf den Weg gemacht. Während im Echtzeitalter sich Musiker normalerweise austauschen, indem sie komprimierte Dateien über Telefonleitungen versenden, war Øye als sein eigener Botschafter unterwegs. Im Gepäck hatte er ein Notizbuch und ein Diktiergerät. Zwischen Turku und Rom, zwischen Berlin und dem Städtchen Shelton im US-Bundesstaat Connecticut hat Øye mit zehn verschiedenen Elektronik-Produzenten in zehn verschiedenen Städten zehn verschiedene Stücke aufgenommen.

„Es ist toll, zu reisen", sagt er. „Noch toller ist es, zu reisen und eine Bestimmung zu haben. Strände zum Beispiel sind langweilig. Die sehen überall auf der Welt gleich aus. Interessanter ist es, am anderen Ende der Welt Leute zu treffen, die so sind wie du, mit diesen Leuten zu arbeiten und mitzubekommen, wie sie ihre ganz alltäglichen Probleme lösen.“ Die Stücke entstanden vor Ort aus dem Nichts. Øye dachte sich Texte und Gesangslinien aus, Produzenten wie Morgan Geist aus New York und Prefuse 73 aus Barcelona steuerten stimmige Soundlandschaften bei. Die Tage verbrachte er im Studio, nachts zog er durch örtliche Clubs und tauschte Email-Adressen. Eine feste Route gab es nicht, die Auswahl der Produzenten erfolgte wie beim Flaschendrehen. Øye überließ sich dem Zufall: „Was man Glück nennt, bedeutet oft einfach nur, dem Zufall eine Chance zu geben."

Mangel an Aufrichtigkeit

„Unrest" ist mit dem Ohr eines DJs produziert: „Schreiben und Aufnehmen waren ein und derselbe Vorgang. Wir haben die Elemente zusammengebaut wie beim Lego." Dieser Perspektivwechsel hat Øye gut getan. Auch wenn einige Songs arg brav bleiben, ist ihm eine Art Reisetagebuch voll luftiger Arrangements und freundlicher Refrains gelungen. Es hat den Anschein, als käme es Øye vor allem darauf an, menschlich zu klingen. Er nippt an seinem Pfefferminztee. Als nächstes will er die neuen Stücke seiner neuen Platte mit der Akustikgitarre nachspielen, die rhythmischen Strukturen in Songs rückübertragen.

Neulich stellte Øye seine neuen Stücke in einer viel zu kleinen Bar vor. Vor dem Eingang hatte sich eine beachtliche Menschentraube gebildet, drinnen konnte man kaum atmen. Seine Begleitmusiker, zwei Finnen mit abenteuerlichen Koteletten, waren weder gut gelaunt, noch hatten sie viel geübt. Doch daran störte Øye sich nicht. Er hüpfte aufgeregt auf der Stelle und machte mit seinen Armen rhythmische Hebelbewegungen, als wolle er einen kalifornischer Rapper parodieren.

Cool ist all das vielleicht nicht. Øye legt aber auch keinen Wert darauf. „Bei vielen Musikern geht es nur darum, eine bestimmte Haltung zur Schau zu stellen. Sie wollen zeigen, wie smart sie sind. Dabei ist ihr Mangel an Aufrichtigkeit erbärmlich. Es ist so einfach, eine Maske aufzusetzen. Viel schöner ist es doch, Musik zu machen, mit der man etwas von sich selbst preisgibt, wer man ist, was einen traurig macht und was glücklich."

Draußen lärmt ein Wochenmarkt. Mit ruckartigen Bewegungen, hilflos und selbstsicher zugleich, zieht Erlend Øye seine Handschuhe an. Er möchte zurück in seine Kreuzberger Wohnung. An Norwegen denkt er selten: „Für mich ist das Gras immer da am grünsten, wo ich gerade bin."

„Unrest“ von Erlend Oye erscheint am 10. Februar (Labels).

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