Kultur : Wie ein Wohnzimmer zur Bühne wird

Kai Müller

Die Adresse könnte nicht komplizierter sein: Hinterhaus, 3. Aufgang, 1. Stock. Ein Kreuzberger Eckhaus. Wir tasten uns durch einen unbeleuchteten Hinterhof, dann ein bräunlich kalt glänzendes Treppenhaus hinauf. Es geschieht nicht häufig, dass Ort und Uhrzeit eines Theaters zuvor telefonisch erfragt werden müssen. Aber dies ist auch kein gewöhnliches Theater. Gewöhnliche Theater verfügen über ein Foyer, eine Bühne, ein eigenes Haus und einen Eingang, über dem mit leuchtender Schrift "Theater" steht. Nicht so in diesem Fall. Als sich die Wohnungstür öffnet, nimmt Gayle Tufts das scheu eintretende Publikum mit einem freundlichen Lächeln in Empfang. Die amerikanische Entertainerin ist die Gastgeberin. Sie hat ihr Wohnzimmer für eine Theateraufführung zur Verfügung gestellt und hofft jetzt natürlich insgeheim, dass sich das Publikum nicht wie ein solches benimmt, sondern wie Gäste.

Die Idee ist ebenso einfach wie genial und folgt ganz dem Medien-Trend zu öffentlicher Intimität: Das "Living Room Theater" gastiert bei wechselnden, mehr oder weniger prominenten Berliner Persönlichkeiten, verwandelt deren Wohnung in einen für jedermann zugänglichen Theatersaal und gewehrt so nebenbei einen Einblick in die Privatsphäre von Menschen, bei denen man schon immer mal auf der Couch sitzen wollte. Leider aber wird daraus nichts. Denn auf dem mit einer Malerfolie überzogenen Sofa nehmen die Schauspieler Platz. Das Publikum - 25 bis 30 Personen - muss mit Klappstühlen Vorlieb nehmen.

In der Küche faucht eine Kaffeemaschine. Wir überlegen, ob wir die wahrscheinlich selbstgebackenen Plätzchen vor oder nach der Vorstellung kosten sollen und ob die Backkünste der Gastgeberin in die Kritik miteinfließen dürfen. Die Öffnung der Privatsphäre hat stets etwas heikles. Und irgendwie sind auch alle etwas peinlich berührt, weil man es in einer fremden Wohnung ja gar nicht aushält ohne Alkohol.

Von Nähe, Zudringlichkeit und Abwehr erzählt auch das Stück "Dossier: Ronald Ackermann" der holländischen Dramatikerin Suzanne van Lohuizen. Es handelt vom quälend langsamen Aids-Tod eines jungen Mannes (Lutz Gajewski), der plötzlich auf die professionelle Fürsorge einer Krankenschwester angwiesen ist. Als Judith (Nomena Struß) nach der Beerdigung ihres schwierigen Patienten in ihre Wohnung zurückkehrt, steht ihr der Tote dort plötzlich wieder gegenüber. Die beiden Schauspieler verfolgen die Auseinandersetzung des Paares in einer szenischen Lesung und beziehen das Interieur der Wohnung wie selbstverständlich mit ein. In einer Atmosphäre, in der man sogar das Schlucken des Nachbarn vernehmen kann, entfalten ihre leisen, untheatralischen Sätze eine ungeheure Wucht. Man glaubt eher einem Gespräch als einem Drama beizuwohnen. Der Tod ist das letzte private Ereignis.Termine: heute bei Matthias Frings, am 9.3. bei Elmar Kraushaar, 10.3. bei Dorle Maravilla, 11.3. bei Peter Hedenström, 12.3. bei Doris Disse, 17.3. Rainer Bielfeldt, 18.3. Maren Kroymann etc. Karten bei Lutz Gajewski: 694 87 54

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