Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann : Uns was gönnen

Ariane Bemmer

Aufschwung! Konjunktur! Wirtschaft! Alles brummt! Dieses wohlige Vorwärts-Aufwärtsgefühl ergriff unlängst auch mich, und ich fand, es sei an der Zeit, mir mal was zu gönnen. Aber das war gar nicht so einfach.

Mein erstes Projekt: Ich wollte eine teure Gesichtscreme kaufen. Ein Produkt einer Firma, von der ich nie zuvor gehört hatte, aber dann bekam ich eine Probe geschenkt. Oh, wie war sie kühl und glättend und wohlriechend, und der kleine Pröbchentiegel hielt und hielt und hielt. Die 50-Gramm-Dose sollte nun 70 Euro kosten (erhältlich im KaDeWe und in Parfümerien). Ich erwähnte mein Vorhaben gegenüber einer Kollegin, die sagte knapp und ohne zu Zögern: „Das kannst du nicht machen.“ Ihre sei vom Drogerie-Discounter, 1,99 Euro, halte genauso lange. Das hat gereicht. Natürlich! Sie hatte ja vollkommen recht. 70 Euro für eine Gesichtscreme, wenn es auch welche für 1,99 Euro gibt. Ich musste den Verstand verloren haben.

Stattdessen wollte ich los zum Shopping. In die Schöneberger Akazienstraße, da gibt es eine Boutique, deren schöne Kleider ich schon mehrfach an einer Bekannten bewundert habe. Ich probierte alle Modelle durch, drehte mich vorm Spiegel hin und her, fand immer was zu Mäkeln und am Ende alle irgendwie auch zu teuer. Mehr als 100 Euro sollten sie kosten. Über 200 Mark!! Für so ein bisschen Sommer-Chichi! Missgestimmt verließ ich die Boutique.

Was war denn los mit mir? Gönnte ich mir nichts? Mochte ich mich etwa nicht?!!

Ich ließ mich in der Sonne vor einem indischen Restaurant nieder und bestellte einen (großen!) Mango-Lassi, da kam die 1,99-Euro-Creme-Kollegin die Straße entlang, die nun zwischen Nase und Lippe ein Pflaster im Gesicht kleben hatte. Eine seltsame Hautkrankheit, murmelte sie zur Erklärung, drückte das Pflaster fest und eilte weiter. Erschrocken blickte ich ihr nach. Bis sie um die nächste Ecke war. Dann sprang ich auf, warf viel zu viel Geld auf den Tisch und raste ins KaDeWe. Ariane Bemmer

Die Akazienstraße ist voller Boutiquen

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