Kultur : Wie eisig ist dies Ländchen

Uraufführung an der Berliner Schaubühne: Luk Perceval seziert „Das kalte Kind“ von Marius von Mayenburg

Rüdiger Schaper

Narziss ist in der antiken Mythologie der Unglückliche, der sich in sein eigenes Spiegelbild verlieben muss. Es war eine Strafe der Götter. Ein poetischer Akt: Der junge Mann starrt aufs Wasser und wird in eine Blume verwandelt.

Metamorphosen, mögen sie auch noch so grausam erscheinen, sind immer auch eine Befreiung aus dem Gefängnis des Körpers. Erlösung: Darauf können die abgefuckten, armseligen Autoerotiker, die das neue Stück von Marius von Mayenburg bevölkern, lange warten. Sie bleiben, was sie sind. Schwätzer, Schwerenöter, Schwindler. Regisseur Luk Perceval kennt keine Gnade für „Das kalte Kind“. In dieser Schaubühnen-Uraufführung herrscht eine eisige Atmosphäre; viel kälter noch als draußen.

Ausgesetzte, Schiffbrüchige: Auf einer schmalen, hohen Plattform, zwischen Spiegelwänden, drängen sie sich zusammen. Das abstrakte Bühnenbild von Annette Kurz ist schon die halbe Inszenierung. Verspiegelt und vervielfacht, vom eigenen Zerrbild verfolgt, so hecheln, stolpern, giften sie sich durch eine üble Orgie. Ein Restaurant namens Polygam und dort vor allem die Damentoilette gibt Marius von Mayenburg als Schauplatz an. Das muss sich der Zuschauer selbst vorstellen, ebenso wie die Figuren, die Allerweltsnamen tragen (Johann, Silke, Werner, Henning, Vati, Mutti, Lena, Tine), ihre verkopften Sexpraktiken durchexerzieren. Alles nur Fantasie?!

Geschlecht und Vergleich

„Ich weiß nicht, wie ich den Abend schaffen soll, und fange übergangslos an zu trinken.“ Oft beobachten sich diese Leute in ihren Sätzen – wie Fremde. „Ich weiß nicht, ob mein Geschlecht groß ist oder klein. Ich habe keinen Vergleich. Mir kommt es groß vor, wenn ich’s in der Hand halte.“ Hässlich-exotisch mutet die Welt der zeitgenössischen Narzisse an. Sie masturbieren lustlos und endlos, lassen immerzu die Hosen runter und sondern verzweifelt-komische Dialoge ab, ansatzlos, wie trockene Schläge ins Gesicht: „Ich frage mich, wie viel Cognac ich noch trinken muss, dass ich ihm quer über den Tisch auf seine Krawatte kotzen kann“, stößt die Studentin Lena (Stephanie Eidt) hervor. Ihre Eltern sind zu Besuch in der großen Stadt. Sie behandelt die Alten wie Dreck.

Doch: Sie haben’s nicht anders verdient. Der Vati (Robert Beyer) produziert sich in kabarettistischem Hamburger Hafenton als zwanghaft-jovialer Zotenreißer, und die Mutti (Christina Geiße) babbelt ein enervierend-rührendes Rheinpfälzisch, während die jüngere, brave Tochter Tine (Katharina Schüttler) sich als geile Ratte entpuppt. Von Mayenburgs (einziges) Thema ist von jeher die monströse Kleinfamilie. Man erinnert sich an seine Erfolgsstücke „Feuergesicht“ und „Parasiten“. Der flämische Regisseur Luk Perceval kommt dem sehr entgegen. Er hat ja nicht nur die monumentalen „Schlachten!“ nach Shakespeare in Szene gesetzt, sondern auch Jon Fosses „Traum im Herbst“ und „Aars!“, jene ultrabrutale (belgische) Inzest-Menagerie auf der Grundlage der klassischen „Orestie“.

Nicht einmal zwei Stunden dauert „Das kalte Kind“. Danach ist man erledigt. Post coitum omne animal triste? Nein, hier kommt die Traurigkeit, der Ekel von etwas anderem. Nicht aus der schmerzhaften Erfahrung, dass die Vereinigung zweier Menschen nur Bruchteile von Sekunden hält oder vielleicht doch ganz und gar unmöglich ist. Was wehtut, verstört, abstößt, ist das Klima dieser Zurschaustellung von Nacktheit unter der schwarzen Abendgarderobe. Das harte Licht und die Rundum-Bespiegelung der Körper schaffen Leichenschauhaus-Stimmung. Die Damenunterwäsche, die man nicht zu knapp zu sehen bekommt, ist fleischfarben, fahl (Kostüme: Ilse Vandenbussche). Und weil Perceval (wie beim „Traum im Herbst“, der dieses Jahr beim Berliner Theatertreffen eingeladen war) mit Mikroports spielen lässt, schwirren die Stimmen im Raum wie Fliegen. Es entsteht eine aufdringliche Nähe, während die Schauspieler tatsächlich in großer Distanz zum Publikum agieren, dort oben auf ihrem Medusen-Floß.

Diese Gesellschaft erhofft sich kaum mehr vom Leben als eine schnelle Nummer, sie hat ihren exhibitionistischen Endzustand erreicht – dabei sieht sich das Publikum auf der Rückwand der Bühne gespiegelt. Sie sind wie wir, und wir wie sie!? Wie der einsame Eintänzer Johann (Bruno Cathomas), ein lustiger Gemütsmensch, der zu gewalttätigen Exzessen tendiert, wie die tragische Silke (Cristin König), die Mann und Kind und jede Verantwortung loswerden will? Das „kalte Kind“ im Kinderwagen hat sich Perceval, der radikale Zuspitzer, geschenkt. Er legt keinen Wert auf Handlungsstränge. Darauf kommt’s nicht an.

Luk Perceval choreografiert von Mayenburgs rüde Posse. Ordnet die Schauspieler wie auf Gemälden an (die ruhigen Momente sind die eindringlichsten) und jagt sie wie beim Blindekuhspiel durch das Spiegellabyrinth. Die Verwandtschaft zur Schaubühnen-Choreografin Sasha Waltz ist sichtbar. Auch hier wird der „Körper“ seziert. Sie grinsen, sie gefrieren in Grimassen, bohren einander in der Nase, kriechen unter Röcke und greifen sich in die Weichteile, getrieben von einer slapstickhaften Lust auf Selbstzerstörung. Und plötzlich springt einer nach dem anderen in die Tiefe, landet krachend auf Pappkartons. Sie sind nicht toter als vorher, wenn sie über die Leiter aus dem trockenen Pool wieder hochgeklettert kommen. Und jetzt ist: Hochzeit. Kleinbürgerhochzeit. Allgemeines Messerstechen.

Die narzisstische Anstalt

Schaubühnen-Autor Marius von Mayenburg sprengt mit dem „Kalten Kind“ die enge Zelle seiner früheren Stücke. Ähnlich wie Roland Schimmelpfennig, dessen neues Stück „Vorher/Nachher“ kürzlich am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt wurde, greift er jetzt weiter aus. Bearbeitet Gesellschafts-Tableaus – und will die große Farce aufreißen. Dabei landet er bei den Anfängen der Moderne, bei Alfred Jarrys „Ubu“ und auch beim jungen Brecht. Wir erleben die sexuelle Kraftprotzerei und Not von Typen, die heillos in den eigenen Wahnvorstellungen gefangen sind. Es gibt keine Außenwelt, oder sie wird, wenn Vati und Mutti auf Weltreise gehen, weil sie den missratenen Töchtern keinen Cent vererben wollen, als feuchtheiße Touristenfalle erlebt; immerhin gibt es in Asien oder wo sie sich herumtreiben deutsches Bier.

Schimmelpfennnig ist der Poet, von Mayenburg der Chirurg. Aber ist das, was da herausgeschnitten und -geschleudert wird, Deutschland im Herbst 2002? Bekommen wir hier wirklich, wie es diese Schau-Bühne buchstäblich zeigt, einen Spiegel vorgehalten?

Man muss noch einmal genauer hinsehen. „Das kalte Kind“ ist eine hochartifizielle, technisch aufwändige und teure Inszenierung; wie man es von der Schaubühne schließlich erwartet. Auch ihrem Inhalt und Gestus nach liegt diese Arbeit in der Tradition des Hauses. Man hat sich hier immer schon mit der Befindlichkeit des westlichen Individuums aufs Ausgiebigste und Vornehmste beschäftigt; die Helden hießen Luc Bondy und Peter Stein und Botho Strauß natürlich. Die Schaubühne als narzisstische Anstalt: Daran hat sich nichts geändert. Nur: Es ist nicht mehr so prachtvoll und so fein, was man zu sehen bekommt. Es ist jetzt ekelhaft und leer.

Die Schaubühne hat einen interessanten dramaturgischen Wechsel vollzogen. Die großen politischen Themen von Globalisierung, Islamismus, Krieg oder Frieden haben sich in die Debatten des „Streitraums“ verlagert, während die neue Spielplanpolitik offenbar wieder stärker das Publikum bedient. Thomas Ostermeiers „Nora“-Inszenierung mit der tollen Anne Tismer entwickelt sich zum Renner, und mit Luk Perceval hat man zum ersten Mal einen international renommierten Regisseur von außen geholt. Es sieht so aus, als erlebe die neue Schaubühne ihre bisher erfolgreichste Saison. Der Preis dafür scheint die Aufgabe ihres – oft aufgesetzten – politischen Anspruchs zu sein.

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