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Volksentscheid: Was soll auf Ground Zero gebaut werden?

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Bis entschieden ist, wie Ground Zero in Zukunft aussehen soll, wird es noch lange dauern. Klar ist nur, dass an zentraler Stelle ein Mahnmal stehen wird. 5000 New Yorker hatten sich bereits im Juli zu einer Volkskonferenz („Listening To The City“) versammelt, die die ersten sechs Entwürfe zur Neubebauung gnadenlos durchfallen ließ. Das Architekturbüro Beyer-Blinde-Belle war von John Whitehead, dem Chairman der Lower Manhattan Development Corporation (LMDC) in einem relativ beschränkten Verfahren mit der Aufgabe betraut worden. Das Büro hatte sich zuvor bereits mit dem Bau des Rockefeller Center und der Renovierung des Bahnhofs Grand Central einen n gemacht. Die scharfe Kritik an den Plänen betraf vor allem deren Ausrichtung an Kommerzialität: eine Mittelmäßigkeit, die an Bedürfnisarchitektur denken ließ.

Die LMDC-Behörde, die vom Staat New York eigens für den Wiederaufbau ins Leben gerufen wurde, schrieb daraufhin für das Memorial und den Masterplan einen internationalen Wettbewerb aus. Diese neue Ausschreibung wird zwar mehr Ideen berücksichtigen können, aber für das Unternehmen Ground Zero wohl kaum eine schnellere Lösung bringen. Grund für die äußerst schwierige Diskussion sind die vielen unterschiedlichen Interessen an dem Gelände. Larry Silverstein, der das World Trade Center für die nächsten 99 Jahre für 120 Millionen Dollar jährlich gepachtet hatte, besteht auf der Wiederherstellung der wertvollen 3,5 Millionen Quadratmeter Bürofläche. Der Chef des Mall-Betreibers Westfield, Lowy, kämpft für den Aufbau des unterirdischen Einkaufszentrums, das er ebenfalls für die nächsten 99 Jahre gepachtet hat. Diese Pläne werden von der Port Authority unterstützt, die als Grundstückseigner auf die Mieten angewiesen ist.

Gleichzeitig wünschen sich die Angehörigen der Opfer möglichst viel Platz für die Erinnerungsstätte – wenn sie sich nicht sogar gegen jegliche Bebauung aussprechen. Der Geschäftssinn der Pächter ist ihnen zuwider. Die Anwohner wiederum sträuben sich vehement gegen die Vorstellungen der Angehörigen – sie möchten keinesfalls „auf einem Friedhof“ wohnen, sondern in einer lebendigen Stadt. Die Lobby der Einzelhändler und Ladenbesitzer rund um Ground Zero möchte kein Einkaufszentrum. Stadtplaner wie David Childs würden am liebsten Straßennetze wiederherstellen, die vom Bau des World Trade Center unterbrochen worden waren. Architekten-und Designvereine treten für mehr Mitbestimmung ein. Bürgerinitiativen wie die Municipal Arts Society sähen gern kulturelle Einrichtungen auf dem Gelände, Schulen und Wohnungen inklusive.

Nicht zuletzt kommt dem republikanischen Gouverneur George E. Pataki eine Schlüsselrolle zu, da er die LMDC einsetzte und die Port Authority kontrolliert. Das Projekt „Imagine New York“ präsentiert nun mehr als 4000 Vorschläge von New Yorker Bürgern. Von diesem Planungschaos halten viele Bewohner nichts – sie fänden es am Besten, wenn das World Trade Center unverändert wiederaufgebaut würde. Anna Schmitz-Avila

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