Kultur : Wie es euch zerfällt

Zwischen Anfangskatastrophe und Schlussgelingen: Judith Herzbergs große Trilogie „Über Leben“ am Deutschen Theater

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Spätes Paar: Christian Grashof , Maren Eggert und ein neues Leben. Foto: Eventpress Hoensch
Spätes Paar: Christian Grashof , Maren Eggert und ein neues Leben. Foto: Eventpress HoenschFoto: Eventpress Hoensch

Viereinhalb Stunden, dieser Abend. Und kein schwergewichtiger Klassiker, sondern das Stück einer schwebenden Feder. So leicht wie schwer, und das Schwere leicht zu machen und manchmal umgekehrt, das ist die große Kunst der holländischen Dichterin und Dramatikerin Judith Herzberg.

Ein Ereignis also auf jeden Fall. Denn im Deutschen Theater Berlin werden zum ersten Mal die drei wichtigsten Stücke der Autorin als ein Gesamtkunstwerk gezeigt: unter dem schön mehrdeutigen Titel „Über Leben“, den der Regisseur Stephan Kimmig zusammen mit Judith Herzberg eigens für Berlin erfunden hat.

Es ist eine personenreiche, durch viele Familienbande und Nebenfäden so fein wie komplex verstrickte Trilogie, die zwischen den Jahren 1972 und 1998 im Amsterdamer Bürgermilieu von drei Generationen erzählt, von Juden, Christen, Agnostikern, von Paaren vor allem, die sich in allen Altern immer wieder finden und verfehlen, verletzen und verlieben, in jähen Wendungen, Seitensprüngen, Lebensbrüchen. Judith Herzbergs Figuren sind wie Schmetterlinge mit angesengten Flügeln, und wenn sie flattern, weiß man nie, ob zum Entzücken oder Entsetzen.

Zusammengefügt ist die Trilogie „Über Leben“ aus Herzbergs seit den frühen 80er Jahren entstandenen Stücken „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ (ein im Deutschen, anders als das härtere holländische „Rijgdraad“, unglücklicher Titel) und „Simon“. Je einzeln wurden sie in deutschsprachigen Theatern schon früher zwischen Wuppertal, Wien und Düsseldorf gezeigt. Doch gelang es dort nie, das Filigran-Vertrackte, die schnellen Szenenwechsel mit ihren filmreifen Schnitten und Herzbergs raffiniertes Spiel mit dem Humor des Horriblen so ganz sinnlich fassbar zu machen.

In Berlin gelingt das zumindest in den besten Passagen. Beispielsweise, wenn die noch im Statiösen schwebende Christine Schorn mit ihrem norddeutschen Sopran auf Leas Hochzeit von einem Film erzählt, der in der Nazizeit spielt und in dem ein Mann mehrmals verwechselt und am Ende in ein Lager deportiert wird. Dabei, parliert sie so dahin, war der Mann „überhaupt kein Jude, er war völlig unschuldig“.

An dieser Stelle gibt’s dann jenes erhellende Fröstellachen wie sonst bei Stücken von George Tabori. Christine Schorn spielt Frau Riet, die nichtjüdische holländische Ziehmutter, die Lea als Kind, bevor deren Eltern deportiert wurden, aufgenommen hatte. Und Leas Vater Simon (Christian Grashof), der mit seiner Frau Ada Auschwitz überlebt hat, antwortet nur: „Riet hat ein Herz aus Gold.“

Der Schauspieler Christian Grashof war am Deutschen Theater lange nicht mehr so konzentriert, so leise und in seiner mimischen Virtuosität gebändigt zu sehen. Und zu hören. Seinen „Herz aus Gold“-Satz setzt er so dry nebenbei wie den Kommentar in einer Komödie von Oscar Wilde. Es ist der Ton, in dem Judith Herzbergs dezenter Hintersinn mitschwingt. Die heute 76-jährige Schriftstellerin aus Amsterdam, die zeitweise auch in Jerusalem gelebt hat, war selber eines der Kinder, die von ihren jüdischen Eltern während des Holocausts zum eigenen Schutz weggegeben und bei Nichtjuden versteckt wurden. Der Familie früh entrissen, das Herz gebrochen, aber in allem Angst- und Mordwahnsinn: ein verzweifelt vernünftiger Versuch zu überleben.

Insoweit spiegelt „Über Leben“ auch ein Stück Selbstüberleben, das jedoch in Herzbergs Reigen aus mehr als hundert Szenen bewusst in Bruchstücke, Spiegelscherben, Reflexionspartikel und Fantasiefacetten zerfällt – und sich frei, vor allem larmoyanzfrei, und selbstmitleidslos neu zusammensetzt. Kennt man ihre Gedichte, die Prosa und ihre anderen Stücke, dann könnte man bei Herzbergs psychologisch-erotischer Subtilität nicht nur vom Hintersinn, sondern gar von Hintersinnlichkeit sprechen.

Dieses Besondere aber entbehrt Stephan Kimmigs Berliner Halburaufführung in vielen (nicht allen) Partien. So gleichen die ersten anderthalb Stunden, „Leas Hochzeit“, fast einem Desaster. Von ein paar luziden Momenten abgesehen: nur Unsinnlichkeit, Ortlosigkeit, Haltlosigkeit. Das liegt vornehmlich an Katja Haß’ fürchterlichem Bühnenbild: rundum ein so schrottiger wie unsinnig aufwendiger Bretterverhau. Spanplattenhell, doch schwerlastig und in vulgärbrechtischem Einheitsarbeitslicht ein völliger Atmosphärekiller. Meilenweit entfernt erscheint das von der dramaturgischen Intelligenz oder Rigorosität etwa der Bretter-Welten von Michael Thalheimer oder Bert Neumann an der Berliner Volksbühne; es ist nur einmal mehr ein Fall von Arroganz und Sado-Maso an deutschen Theatern: weil eine ästhetische Bestrafung von Schauspielern und Publikum.

In diesem Unort, an dem man von Aischylos bis Achternbusch alles und nichts, am ehesten aber nichts darstellen kann, staksen und stehen die Akteure zunächst nur herum wie gefrorene Kraniche. Manche viertelstundenlang ohne Text und tiefere Regung, manche lagern sich mangels jeglicher Möblierung und Requisiten ersichtlich verquält am Boden. Von einer Hochzeit im brüchigen, also doppelbödigen Amsterdamer Bürgermilieu (nach 1945 und 1968!) ist nichts zu spüren. Keiner raucht, kein Joint, und alle bleiben puritanisch trocken, obwohl bei einer Hochzeitsgesellschaft, das weiß man aus dem Leben wie aus der Kunst (von Canetti, Brecht oder Robert Altman), die allmählichen Entfesselungen, Entgleisungen, Enthüllungen mit der Kombination von Familie, Fest und Alkohol zu tun haben.

Beispielsweise gibt’s da eine junge Aushilfsserviererin, die in ihrer Naivität von einem Studentenausflug nach Auschwitz daherplappert. Was beim Sekt- oder Häppchenreichen ein unheimliches Understatement sein müsste, wird hier, wo nichts als kalte Luft serviert wird, zu einer melodramatischen Betroffenheits-Nummer. Oder kurze Macho-Attacken, Küsse und Bisse: bloß unvermittelter Knutsch- Kitsch. Bei Kimmig & Haß entsteht kein mehrdeutiges Parlando, kein Beiseite, keine Synchronität der Szenen: keine „Existenzchoreographie“ (Thomas Bernhard). Also nichts, was zeigen würde, wo dieses Rondo der heiratstollen, scheidungsgeilen Überlebensbegierden und Nachlebensneurosen mit „Stieffrauen“ oder Halbgeschwistern (die vom eigenen Vater und der eigenen Exschwägerin stammen) wahrhaft spielt: im Echoraum eines Tschechow, einer Else Lasker-Schüler, eines Botho Strauß und Woody Allen.

Das wird nach der ersten Pause im „Heftgarn“ besser und steigert sich mit mehr Bewegung und Dichte bis zum Finale von „Simon“ – wo Grashofs Titelfigur als Überlebenskünstler noch eine Molière’sche Pointe gelingt. Herausragend aus dem großen Ensemble sind neben Schorn und Grashof vor allem Maren Eggert, Markwart Müller-Elmau und Meike Droste, leider etwas blass als Lea und Ada Susanne Wolff und Almut Zilcher. Doch das Ereignis ist, dass dieses Projekt, für das Judith Herzbergs wunderbare Berliner Verlegerin Maria Sommer viele Jahre gekämpft hat, endlich gewagt wurde. Und die anwesende Autorin hat den Schlussapplaus bewegt genossen.

Wieder am 17. und 25. April

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