• Wie es weitergeht mit den Filmfestivals in Berlin und Cannes - und warum der deutsche Kulturminister das Licht der Öffentlichkeit manchmal besser scheuen sollte

Kultur : Wie es weitergeht mit den Filmfestivals in Berlin und Cannes - und warum der deutsche Kulturminister das Licht der Öffentlichkeit manchmal besser scheuen sollte

Jan Schulz-Ojala

Filme sehen in Cannes: Was sonst Hauptvergnügen des Festivals ist, gerät dieses Jahr zur schönsten Nebensache der Welt. Nicht nur, weil das bislang mäßige Programm an der Croisette kaum zu cineastischen Redeschlachten animiert; nein, Dauer-Thema Nr. 1 ist der personelle Wechsel, der in Cannes und Berlin bevorsteht. Am Montagnachmittag stellte sich Kulturminister Naumann vor dem traditionellen deutschen Empfang den deutschen Medien - und machte dabei so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Erst heizte er eine Debatte an, über die er ausdrücklich nicht sprechen wollte. Dann legte er sich auf Termine fest, die voraussichtlich nicht zu halten sind. Und drittens ließ er sich ohne Not in die Defensive bringen - und setzte durch eine offenkundige Falschaussage seine in anderthalb Jahren mühsam erworbene Glaubwürdigkeit als "Filmminister" prompt aufs Spiel.

Der Reihe nach. Es gibt ein von der deutschen Spitzenorganisation der Filmwirtschaft formuliertes, aber auch international artikuliertes Unbehagen über die Umstände der Kündigung Moritz de Hadelns. Dem seit 20 Jahren amtierenden Berlinale-Chef hatte man den entsprechenden Brief in den Urlaub geschickt - "stillos und unwürdig", wie der Geschasste nach der Rückkehr sogleich befand. Was war geschehen? Am 17. April hatte das Kuratorium der Berliner Festspiele fast einstimmig nichts weiter getan, als eine Klausel in de Hadelns formal bis April 2003 laufendem Fünfjahresvertrag wirksam werden zu lassen. Moritz de Hadeln dürfte diese Klausel vor Urlaubsantritt nicht gerade vergessen haben, zumal er sie sich durch hartes Pokern vor der letzten Vertragsverlängerung 1998 eingehandelt hatte. Der damals öffentlich losgetretene Krach brachte de Hadeln einen Scheinerfolg: fünf Jahre - mit einschränkender Zusatzklausel über ein mögliches Vertragsende zum April 2001. Dass die Klausel jetzt angewendet wird - was kann daran angesichts vielstimmiger Kritik an de Hadeln in der Filmwelt und in seinem eigenen Apparat überraschen? Zum jetzigen Wehklagen der Branche sagte Naumann nun vor einer Hundertschaft von Medienleuten, bereits "vierzehn Tage" vor jenem 17. April des Kuratoriumsbeschlusses habe es ein Informationsgespräch zwischen de Hadeln und Kultursenator Christoph Stölzl gegeben. Das ist schon insofern falsch, als Stölzl erst am 13. April sein Amt antrat. Wie unmittelbar nach der Pressekonferenz in Cannes bekannt wurde, hat dieses Gespräch außerdem gar nicht stattgefunden.

Das klingt lustig, ist aber schwerwiegend. Denn es verrät eine Nervosität des Ministers, die nichts Gutes verspricht. Naumann schob nicht nur nach, eine Findungskommission, deren Mitglieder er nicht nennen wolle, suche nach einem Kandidaten, sondern sagte auch, er sei mit "mindestens drei" Kandidaten im Gespräch. Ja, was denn nun? Auch seine forsch für Mitte Juni avisierte Entscheidung halten Experten für verfrüht - es sei denn, Naumann will seinen eigenen Kandidaten und SPD-Genossen, den ebenso agilen wie mächtigen Filmförderer aus Nordrhein-Westfalen, Dieter Kosslick, nur noch im Kuratorium durchpauken. Doch Vorsicht: Dass Kosslick "sein" Kandidat sei, dementierte Naumann sogleich; er sei nur nach Kosslick gefragt worden. Es gehe nicht an, verbreitete er außerdem mit einer gewissen vordemokratischen Nonchalance, "vier oder fünf Menschen durch die Presse zu ziehen und menschlich zu ruinieren", bis "der letzte Mohikaner" übrig bleibe.

Aber was, bitteschön, spricht gegen eine öffentliche Diskussion angesichts der Besetzung des wichtigsten deutschen Festival-Postens - es sei denn, man will beim Kungeln nicht gestört werden? Über das noch ranghöhere Problem des Chef-Jobs für die Berliner Festspiele nach dem Ausscheiden Ulrich Eckhardtswird doch auch öffentlich - und am Freitag auf der nächsten Kuratoriumssitzung der Festspiele - debattiert. Dabei geht es nicht nur um die bisher Genannten, Mortier (Salzburger Festspiele) und Sartorius (Goethe-Institut), sondern um die Zukunft der Berliner Festspiele überhaupt, was eine Hauruck-Extralösung für die in diesen Organismus eingebettete Berlinale noch unwahrscheinlicher macht. Der Bund drängt auf Alleinfinanzierung dieses Hauptstadtkultur-Leuchtturms, weshalb auch die Strukturreform neu auf der Tagesordnung steht. Wird es einen Festival-Intendanten mit Metropolen-Ausstrahlung plus Verwaltungsleiter geben, und wird sich das Modell mit einer deutlicheren Weisungsgebundenheit gegenüber der neuen Gesamtspitze auch in der Binnenstruktur der Berlinale wiederholen? Kann also das Internationale Forum sein finanziell, personell und strukturell abgesichertes Eigenleben weiterführen?

Vorerst bleibt offen, wen Naumanns mysteriöse Findungskommission außer den bisher öffentlich genannten Kandidaten Kosslick, Michael Kötz (Filmfest Mannheim) und Josef Wutz (Filmfest Hamburg) noch in die engere Wahl ziehen könnte. Spricht sie mit Eberhard Hauff, der in München ein wachsend wichtiges Filmfest macht, oder mit Friedrich-Carl Wachs, dem jungen, souverän Kräfte weckenden und bündelnden Ex-Geschäftsführer von Studio Babelsberg, dessen couragierter Abgang im Februar bestens in Erinnerung ist? Oder hat Naumann andere Nachfolger im Visier, die seine mit Blick auf de Hadelns Polyglossolalie augenzwinkernd formulierte Einstellungsvoraussetzung erfüllen, der Kandidat müsse "zumindest flüssiges Deutsch" sprechen?

Am Freitag wird sich das Berliner Festspiele-Kuratorium einstweilen mit vergleichsweise leichten Übungen beschäftigen müssen. Zwei Briefe liegen auf dem Tisch - einer von Moritz de Hadeln, der bohrend eine, wie er in Cannes gegenüber dem Tagesspiegel sagte, "sachliche und strukturell argumentierende Begründung" für seine Kündigung fordert. Immerhin hat er für seine letzte Berlinale noch einmal vollen Einsatz versprochen. Den anderen Brief hat Forums-Chef Ulrich Gregor geschrieben, dessen laufender Vertrag zwar ebenfalls mit Klausel abgeschlossen worden war, aber nicht gekündigt wurde. Dem Vernehmen nach soll er darin sein Ausscheiden nach der Berlinale 2001 anbieten, sofern das Kuratorium seinen Mitarbeiter, den Filmjournalisten Christoph Terhechte, zum Nachfolger ernennt. Noch ein Junktim, das in das große, neu zu bauende Karussell einzufügen ist.

Und die Führungsstruktur in Cannes selbst? Die französischen Filmwirtschaftler blicken nicht minder gespannt auf das, was nach ihrem "Festival des Übergangs" kommt. Nach dem "achtkantigen Rauswurf" (Le Canard Enchainé) seines gerade erst designierten Nachfolgers Olivier Barrot setzt der 70-jährige Gilles Jacob, bereits seit 1978 im Amt und Ende Juni zum Festival-Präsidenten aufsteigend, auf einen überraschenden Namen: Frédérique Bredin, Vizebürgermeisterin des nordfranzösischen 20000-Seelen-Städtchens Fécamp. Die 43-jährige sozialistische Abgeordnete der Assemblée Nationale hat einst Kulturminister Jack Lang in Filmangelegenheiten beraten - weshalb der Vorschlag nicht gar so sensationell ist. Schon im Winter hieß es in der französischen Presse, die gelernte Volkswirtin solle neben Barrot als künstlerischem Leiter die Verantwortung für die Organisation übernehmen. Diese Aufgabe kommt, sofern der Aufsichtsrat des Festivals zustimmt, auch jetzt auf sie zu; dann aber wohl unter Jacob, nicht neben oder gar über ihm. Nach dem Debakel um Barrot dürfte Gilles Jacob nun erst recht - "noch mindestens zwei Jahre" - die alleinige Kompetenz für die Filmauswahl behalten.

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