Kultur : Wie finden Sie Gysi, Frau Kramer?

Nach den Anschlägen in New York klagte Chelse

Jane Kramer begann ihre journalistische Karriere bei der "Village Voice" und wechselte dann zum "New Yorker". Seit vielen Jahren berichtet die angesehene New Yorker Autorin in ihren "Letters from Europe" über die Deutschen und deren Umgang mit der Vergangenheit. Kramer, die im Winter als erste Preisträgerin des Holtzbrinck Fellowships für Journalismus an der American Academy in Berlin zu Gast war, hat gerade ein Buch über die rechtsextreme Miliz im amerikanischen Westen geschrieben, das im Frühjahr erscheint. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt "Unter Deutschen. Briefe aus einem kleinen Land in Europa" (Edition Tiamat, 1996).

Nach den Anschlägen in New York klagte Chelsea Clinton, die Tochter des ehemaligen Präsidenten, die zur Zeit in Oxford studiert, über die anti-amerikanische Stimmung in England. Wie haben Sie die Reaktionen in Deutschland erlebt?

Mich hat das ehrliche Mitgefühl vieler Leute sehr bewegt. Menschen, die ich gar nicht kannte, riefen an, andere legten Blumen vor der American Academy nieder oder hinterließen kleine Nachrichten. Nach dem Beginn der amerikanischen Gegenangriffe stimmte mich der Unterton der langen Debatten über Sicherheitsmaßnahmen und vor allem den Kriegseinsatz traurig - vielleicht, weil es so deutsch war, darüber zu reden, wie man ein "normales" Land sein kann, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Es wäre besser gewesen, wenn die Debatte eine wirklich moralische gewesen wäre, statt die Moral nur öffentlich vorzuführen. Eigentlich drehte sich alles um die Frage der eigenen Identität, darum, wie man als Deutscher gut handelt. Es ging wieder um den Sonderweg: hier die guten Deutschen, dort die bösen Amerikaner. Inzwischen gibt es aber die ausgesprochen drakonischen Maßnahmen, die in Amerika im Namen des "Kriegs gegen den Terror" ergriffen wurden. Und deshalb wünschte ich mir jetzt, dass wir in meiner Heimat mehr solcher "deutschen Debatten" geführt hätten.

Sie haben gerade ein Buch über amerikanische Milizen fertiggestellt. Halten Sie es für möglich, dass Amerikaner die Flugzeuge gesteuert haben könnten?

Nein, aus dem einfachen Grund, weil es eine Selbstmordaktion war. Die Anhänger der Milizen sind in der Mehrheit Möchtegern-Veteranen, die nie an einem echten Kampfgeschehen teilgenommen haben. Das sind keine Selbstmordattentäter.

Hat der 11. September das Verhältnis der Amerikaner zu ihrem Staat verändert?

Meine Generation ist geprägt von einem großen Misstrauen gegenüber den "Feds", der staatlichen Macht. Doch nach den Anschlägen schien mir Datenschutz plötzlich zweitrangig. Auch als linke, liberale Amerikanerin war ich sicher, dass Amerika keine andere Möglichkeit hatte, als diesen Krieg zu führen. Meine Kritik beginnt danach, als Amerika begann, sich selbstgerecht aufzuführen, ohne auf die schwierige Lage der Verbündeten einzugehen. Als ob ihnen die europäische Unterstützung einfach zustehe. Auch was die Sicherheitsmaßnahmen angeht, bestehen unterschiedliche Sensibilitäten: Obwohl der Datenschutz in Amerika nicht sehr ausgeprägt ist, seinen Fingerabdruck würde sich trotzdem kein Amerikaner in den Pass stempeln lassen. Dem steht der Glaube an die Freiheit und Unabhängigkeit des Individuums entgegen. Der Fingerabdruck ist, anders als hier, in Amerika heilig. Er ist ein Symbol.

Europa hat immer wieder seine Solidarität mit Amerika betont. Kann umgekehrt der 11. September Bushs Politik, auch seine Außenpolitik, wieder näher an Europa heranführen?

Man kann nicht einen Krieg führen und zugleich den Bundesstaaten größere Rechte einräumen wollen: Da zeigt sich die ganze Heuchelei von Bushs anti-föderaler Wahlkampf-Rhetorik. Die Gesetze, die gerade in Amerika verabschiedet wurden, standen ohnehin auf dem Programm der Regierung. Der 11. September bot lediglich die Möglichkeit, sie durchzusetzen. Was mich beunruhigt, ist die Tatsache, dass die Zeitungen über diese Maßnahmen berichten, aber keiner auf die Straße geht. Es herrscht eine Atmosphäre, in der die Solidarität kritische Fragen unmöglich macht. Bushs Entscheidung, Kriegsgerichte einzurichten, zeigt sein mangelndes Verständnis für das Wesen der Demokratie. Wie viele Liberale in Amerika war ich enttäuscht, dass unsere europäischen Partner sich in dieser Frage nicht stärker eingemischt haben. Ich hätte mir für mein Land mehr moderate Stimmen von außen gewünscht.

Amerika wirkt nicht sehr offen für solche Einmischung. Nach Debatten, wie sie in den deutschen Feuilletons stattgefunden haben, sucht man in amerikanischen Zeitungen vergeblich. Warum?

In den amerikanischen Tageszeitungen gibt es dafür keine Tradition. Der "New Yorker" oder die "New York Review" sind zwar immerhin solche Foren für "public intellectuals". Ich wünschte aber, wir hätten noch viel mehr solcher Diskussionen in anderen Medien. Die Arts Section der "New York Times" veröffentlicht vor allem Rezensionen von Büchern, Ausstellungen, Filmen und Theateraufführungen oder auch Porträts. Das machen sie sehr gut, aber es gibt dort kein politisches Feuilleton jenseits der Meinungsseiten. Bei uns fehlt die Vorstellung, dass intellektuelle Debatten Nachrichtenwert besitzen können. Dazu kommt, dass die Illusion, politischen Einfluss ausüben zu können, in den amerikanischen Medien weniger stark verbreitet ist. Es herrscht sogar ein großes Misstrauen gegenüber einem solchen Journalismus. Die amerikanischen Medien verstehen sich als unabhängig von der Macht. Das macht uns sehr frei und, theoretisch jedenfalls, unideologisch. In Deutschland gibt es hingegen die Illusion, Einfluss ausüben zu können, und die Zeitungen verhalten sich entsprechend - auch wenn es sich um eine Illusion handelt. Ich bewundere die deutsche Presse dafür, sie ist kritisch und gibt Leuten eine Stimme, die sonst keine haben.

Wie haben Sie als Autorin auf den 11. September reagiert?

Bis vor kurzem habe ich alles weggeworfen, was ich darüber geschrieben habe. Wie eine Süchtige hatte ich in den Tagen nach den Anschlägen BBC und CNN gesehen und gemerkt, dass meine Urteilskraft von der Informationsfülle erdrückt wurde. Ich war nicht in der Lage, die Situation zu bewerten. Es hat mich erschreckt, dass wir so leicht abhängig werden können von der Emotion des Moments, von dieser trügerischen Intimität reiner Fakten. Inzwischen beschäftigt mich die Frage, wie viel mir diese nicht gerade attraktiven und oft belächelten Gebäude bedeutet haben. Diese Türme verkörperten in gewisser Weise das Gute, Mutige, fast absurd Unschuldige Amerikas, aber auch das Anmaßende - plötzlich wirken sie emblematisch für das ganze Land. Emotional habe ich auf den Absturz auf das Pentagon viel weniger reagiert, das Gebäude war in diesem Sinn keine Ikone.

In Ihren "Letters from Europe" haben Sie über einen Mann namens Peter Schmidt geschrieben, der aus der DDR geflohen ist und im Westen nicht zurechtkommt, oder über ein Restaurant in Kreuzberg, das immer wieder von Autonomen zerstört wird. Verstehen die Amerikaner so etwas?

Ich weiß, dass ich eine Leserschaft habe, die bestimmte Nuancen nicht automatisch versteht. Vor allem, weil ich am liebsten über gesellschaftliche Randfiguren wie Peter Schmidt schreibe, die in Amerika keiner kennt. Auf die Attacken aufs "Maxwells" hatte mich damals Otto Schily aufmerksam gemacht, den Autonomen war das Restaurant zu schick. Eines der schwierigsten Dinge ist es, den Amerikanern ein Gefühl dafür zu vermitteln, was solche Auseinandersetzungen in Deutschland bedeuten, ohne in Klischees zu verfallen.

Sie haben einmal Lea Rosh beschrieben, wie sie Weißwein nippend über das HolocaustMahnmal spricht. Die Passage ist vor allem deshalb so entlarvend und komisch, weil sie die Szene literarisch zuspitzt.

Ich möchte den Leuten nicht vorschreiben, was sie denken sollen. Doch bestimmte Erzählformen können Fragen formulieren, ohne sie zu beantworten. Ich möchte aus der Realität eine Geschichte herausfiltern und eine Welt darstellen, die zum Nachdenken anregt und nicht nur informiert. Das bestimmt meine Herangehensweise. Deshalb habe ich eine Vorliebe für Außenseiterperspektiven: Bei solchen Menschen wird die Distanz zwischen der dargestellten und der erfahrenen Realität besonders deutlich. Außerdem lebt meine Perspektive besonders von der Faszination für Details des Alltags.

Diese "literary non-fiction" ist ein Genre, das Autoren wie George Orwell oder Truman Capote geprägt haben. Warum ist es ein angelsächsisches Genre geblieben?

In Deutschland ist die philosophische Tradition des Essays sehr stark, während die narrative Tradition hier noch immer ein ausschließlich belletristisches Genre ist. Vor vielen Jahren hat Enzensberger mit dem Magazin "Transatlantik" den Versuch gestartet, der literary non-fiction ein Forum zu geben. Das hat, so weit ich weiß, nicht funktioniert.

Sie erlebten während Ihres Aufenthalts in der American Academy nicht nur den 11. September hier in Berlin, sondern auch die Senats-Wahlen. Hat Sie der Ausgang überrascht?

Ich finde es sehr merkwürdig, dass nur ein Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer die Nachfolgepartei der SED hier an die Macht gekommen ist. In den ersten Wochen nach der Wahl wurde darüber erstaunlich wenig debattiert, es herrschte ein verlogener Pseudo-Pragmatismus. Ich finde das etwas beschämend. Und wenn ich mir die Strukturen im Osten anschaue, die Verfilzung, dann bin ich mir nicht sicher, ob Gregor Gysi den Willen besitzt, all das zu verändern. Nach der Bankrotterklärung der alten Regierung werden hier schlicht zwei korrupte Systeme verbunden - das ist das italienische Modell.

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