Kultur : Wie Freddie Mercury zu Mozart kam

„Ballet for Life“ in Berlin: Eine Begegnung mit der Tanz-Legende Maurice Béjart – oder wie der Tod von Göttersöhnen gefeiert wird

Rüdiger Schaper

Der Star-Tänzer und der Rock-Star: zwei Biografien, die sich im Tod erst kreuzen. Jorge Donn starb 1992 an den Folgen von Aids, ein Jahr zuvor war Freddie Mercury Opfer derselben Krankheit geworden. Zwei göttergleiche Gestalten, die in der Mitte des Lebens abdanken mussten. Maurice Béjart, selbst schon eine wandelnde Legende des modernen Tanzes, hat den beiden maskulinen Diven ein Denkmal auf die Bühne gesetzt. Ein saftiger Brocken, ein Vermächtnis.

Das „Ballet for Life“, durchdrungen von der Spannkraft junger Tänzer und dem Pathos hermaphroditischer Morbidität, verbindet sich auch mit dem Namen eines dritten Toten: Gianni Versace hatte für Béjart die Kostüme entworfen. Der Designer-Fürst wurde 1997, in dem Jahr, als das Spektakel zur Uraufführung kam, in seiner Villa in Miami erschossen.

Eine seltsame Aura liegt auf dieser Kreation des heute 76-jährigen Béjart. Der Tod tanzt mit in einem Stück, das zwischen klassischem Spitzentanz, Laufsteg und Video-Clip changiert. Der Tod ist ein springlebendiger Gesell, und es scheint, als verlöre er in den üppigen Arrangements seinen Stachel. Béjart betrachtet „Ballet for Life“ als „Exorzismus“. Die Kunst, sagt er beschwörend, führt über den Schmerz hinaus. Ars longa, vita brevis, hieß das in der Antike. Die Songs von Queen und Freddie „Götterbote“ Mercury aus den Siebziger- und Achtzigerjahren wirken längst klassisch. Im Pop zählt ein Jahrzehnt wie ein Jahrhundert. Und so kontrastiert Béjart den opulenten Rock der einstigen britischen Glamour-Band mit Mozart – „ich kann ohne Mozart nicht atmen“, erklärt Béjart. Queen waren die Opernkönige des Pop, Freddie Mercury liebte den Pomp und den Arienzirkus, die rauschhafte Geste, er bewunderte die spanische Primadonna Montserrat Caballé und sang mit ihr im Duett.

Maurice Béjart und Freddie Mercury sind sich nie begegnet. Doch sie waren Nachbarn. Béjart lebt in einem Haus in den Bergen von Montreux, über dem Genfer See, und dorthin waren seinerzeit auch Freddie Mercury und die anderen Queen-Musiker gezogen, um das letzte Album mit ihrem vom Sterben gezeichneten Leadsänger aufzunehmen: „Made in Heaven“. Auch Mozart, sagt Béjart, starb jung. Und dann schlingt der alte Mann seinen langen roten Schal um den Kopf, blinzelt diabolisch und demonstriert, wie er bei einer Aufführung des „Ballet for Life“ in London Freddies Mutter kennen lernte. Mercury (sein bürgerlicher Name war Farukh Bulsara) wurde in Sansibar geboren, als Kind einer Parsen-Familie, da tragen die Frauen Kopfbedeckung.

Die Bühne ist übersät mit Leichentüchern. Darunter liegen die Tänzerinnen und Tänzer der Béjart-Compagnie – und die Show beginnt mit dem Song „It’s A Beautiful Day“. Zu „I Was Born To Love You“ dreht sich ein Hochzeitspaar, verfolgt, umgarnt von einer dunklen Geliebten. Bei der ersten Mozart-Passage (aus dem Klavierkonzert No. 21) entwickelt sich ein bizarrer Pas de deux aus Krankenhausbetten. Vor Röntgenbildern (und zu einer Mozart-Sinfonie) tanzt Gil Roman, der Star der Truppe, ein martialisches Solo, und immer wieder fegt das Corps de ballet mit athletisch-skurrilen Nummern Kitsch und Trauer und Schwermut von der Bühne. Bei „Radio Ga Ga“ drängt sich ein Dutzend bis auf den Slip nackter Männer in eine weiße Box, in eine Art hell erleuchteten Dark Room, und zu „A Winter’s Tale“ entspinnt sich eine zarte heterosexuelle Liebesszene.

Béjarts „Ballet for Life“ ist ein heftiges Wechselbad. Kein Totentanz, vielmehr ein Auferstehungsritus. Es lebt aus der Erinnerung. Es sind geliehene Emotionen, die aber ihre Wirkung nicht verfehlen. Man spürt die Spannung des Widerspruchs, wenn sich die so ephemere Kunst des Tanzes mit der unsterblichen Aura des reproduzierten Kunstwerks umgibt; mit der Konserve. Béjart wählte Live-Songs von Freddie Mercury und Queen. „Studioaufnahmen sind weitaus langsamer, und es fehlt die Atmosphäre, die das Publikum verströmt“, sagt der Choreograf. Zum Ende tanzt Béjarts toter Freund Jorge Donn selbst über die Leinwand – ein Stück aus einem Ballett-Film, Jorge Donn als Nijinski, als die russische Ballett-Ikone, die im Wahnsinn endete, als gekreuzigte drag queen. Und Freddie singt „I Want To Break Free.“ Was sonst: „The show must go on“.

Erst jetzt, nach ausgedehnten Welt-Tourneen, wird „Ballet for Life“ im Theater des Westens zu sehen sein und damit zum ersten Mal in Deutschland – Berlin ist nun mal nicht der Nabel der Tanzwelt, hier braucht es Geduld. Der holländische Impresario Henk van der Meyden steht hinter dem zweiwöchigen Gastspiel. Berlin und Béjart, das ist auch eine spezielle Geschichte. Ende der Fünfzigerjahre hatte der junge Tänzer und Choreograf bei Auftritten in der Kongresshalle und im Titaniapalast erste internationale Erfolge. Zuletzt hat er an der Staatsoper bei Barenboim gearbeitet, auch die Deutsche Oper hatte Béjart-Stücke im Repertoire. Zu einer dauerhaften Verbindung kam es nicht. Béjart blieb in Lausanne, wo der alte Mann noch immer jeden Tag im Studio arbeitet. Seit einem halben Jahrhundert leitet er seine eigene Tanz-Compagnie.

Es scheint so zu sein in dem knochenharten Tanzgewerbe, dass man entweder früh abtritt oder zum Methusalem der Bühne wird, wie Merce Cunningham oder Martha Graham. 1957 gründete der aus Marseille stammende Béjart in Brüssel das „Ballett des 20. Jahrhunderts“. Der Mann ist längst Epoche, bewundert und oft als Populist kritisiert für seinen Drang, den Opernhäusern zu entfliehen, um in großen Hallen und Arenen spektakuläre Kreationen zu verwirklichen. Bei der Pariser Premiere des „Ballet for Life“ vor dreitausend Zuschauern im Palais de Congrès, trat er wie ein Schlachtenlenker aus dem Dunkel ins Schweinwerferlicht – die Faust hochgereckt, mit Siegerlächeln. So stellte sich der Meister vor seinen Tänzern in Pose. Der Ballettstar als Altrocker.

„Ballet for Life“, Theater des Westens, vom 15. bis 25. Mai. – Am 27. und 28. Mai findet eine Béjart-Gala mit „Bolero“, „Brel & Barbara“, „7 Danses Grecques“ statt.

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