Kultur : Wie geht es dem Mann mit dem Goldhelm?

ULRICH CLEWING

Sie rückten ihm mit Skalpell und Tupfer zu Leibe, bedrängten ihn mit Röntgenstrahlen und Neutronenautoradiographien, und - nicht zuletzt - mit ihrem unbestechlichen Blick.Am Ende war ein guter Name verloren, doch unvergleichlich mehr gewonnen: Der "Mann mit dem Goldhelm" war kein Rembrandt mehr, aber dafür aus dem Umfeld des großen Niederländers.

Während die westlichen Bestände der Gemäldegalerie noch in Dahlem "ausgelagert" waren, gab es dort nicht allzu viele Sonderausstellungen.Und wenn, dann entsprach deren Umfang nicht gerade dem, was man heute ein event nennen würde.Im Fall der 1986 veranstalteten Schau "Bilder im Blickpunkt: Der Mann mit dem Goldhelm" reichten sogar nur einige wenige Texttafeln und Fotos.Die in der Schau vorgebrachte These sollte weit über die Grenzen Berlins hinaus Wellen schlagen.Sie lautete: Rembrandts "Mann mit dem Goldhelm", bis dahin eines der populärsten Gemälde der Berliner Museen, sei gar nicht von Rembrandt.

Das war die Art von Mitteilung, die Weltbilder ins Wanken bringt.Schließlich handelte es sich um ein Werk, das zum "kulturellen Allgemeingut" gehört.Doch von der Gültigkeit dieser Aussage ist Jan Kelch, inzwischen Direktor der Gemäldegalerie, damals Kurator für die "Bilder im Blickpunkt"-Ausstellung, noch heute überzeugt.Unzählige Male reproduziert, hing es einst in den Stuben der Bildungsbürger, zur Adoption freigegeben wie Christian Daniel Rauchs massenhaft vervielfältigte Goethe-Büste.Seit das Bild 1897 aus einer Schweizer Privatsammlung für Berlin erworben worden war, fanden sich die Deutschen in ihm wieder, obschon von einem Holländer gemalt.Und nun dann dieses Verdikt: die Arbeit eines Schülers! In Expertenkreisen waren bereits Anfang der siebziger Jahren erste Zweifel an Rembrandts Urheberschaft geäußert worden.Wie bei so vielen Werken, die dem Meister zugeschrieben wurden.Um die Jahrhundertwende galten noch 1600 Bilder als eigenhändige Arbeiten Rembrandts.Gegenwärtig schätzen Experten sein µuvre auf rund 280 Gemälde, was ihm noch immer den Status als einer der produktivsten Künstler des 17.Jahrhunderts garantiert.

Als Anfang der achtziger Jahre die überfällige Reinigung des "Manns mit dem Goldhelm" anstand und er daher eine Zeitlang aus der ständigen Sammlung genommen werden mußte, bemerkten die Museumsleute bei der anschließenden, gründlichen Untersuchung des weder datierten noch signierten Bildes viele Ungereimtheiten.So erscheint der Prunkhelm des Kriegers viel heller als das tief verschattete Gesicht.Dadurch entsteht der Eindruck, es gebe im Bild zwei verschiedene Lichtquellen.Auch zeigte sich bei genauer Betrachtung, daß der Helm schief sitzt; seine Mittelachse stimmt nicht mit der des Gesichts überein.Uneinheitlich wirkte auch die malerische Behandlung des Motivs.Für die Darstellung des Goldhelms hatte der Künstler die Farbsubstanz wesentlich pastoser aufgetragen als im übrigen Bild.Da hatte offenbar jemand versucht, rembrandtesker zu malen, als Rembrandt es je getan hätte.

Als nächstes wurde das Gemälde einer sogenannten Neutronenautoradiographie unterzogen.Dabei stellte sich heraus: Die Vorzeichnung besteht lediglich aus wenigen simplen Strichen, anders als bei Rembrandt zweifelsfrei zugeschriebenen Werken.In ihnen ist immer wieder das spätere Gemälde schon als Skizze fast vollständig angelegt.Dies alles dokumentierte die damalige Ausstellung Schritt für Schritt, bis es einem wie Schuppen von den Augen fiel.Der Betrachter begriff nicht nur, daß dieses Bild unmöglich vom Meister selbst stammen konnte, er lernte viel über Rembrandts ureigene Vorgehensweise.Eine Sehschule im besten Sinne: So konzentriert gibt es selten eine Anleitung zur ästhetischen Wahrnehmung.

Nicht alle in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz waren damals glücklich über die Erkenntnisse der Kunstwissenschaftler, zumal man bis heute nicht weiß, wer aus dem Schülerkreis den "Mann mit dem Goldhelm" gemalt haben könnte.Andererseits hat das der Beliebtheit des Werkes keinen Abbruch getan, wie man auch in der neuen Gemäldegalerie beobachten kann, wo das Bild von den Besuchern nach wie vor zielstrebig angesteuert wird: es sei, wundert sich Jan Kelch, beim Publikum immer noch "erstaunlich populär".

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