Kultur : Wie hältst du ’s mit der Million?

Lola-Gala 2006: Die Filmakademie hat sich etabliert – nun muss sie sich an die Gretchenfrage wagen

Jan Schulz-Ojala

Er bebt. Er glüht. Er hebt ab. In drei wohlkalkulierten Emotionalzündungen steigt die Rakete namens Florian Henckel von Donnersmarck in den Filmhimmel auf. Seine erste Auszeichnung fürs Drehbuch nutzt der 33-jährige Regisseur von „Das Leben der Anderen“, um im Zeitraffer allerlei Möglichen an seinem Werk Beteiligten zu danken. Die Goldene Lola fürs Regieführen ist ihm Anlass, ebenso drängend wortreich die mannigfaltige Unterstützung durch seine Frau aufs Podest zu heben – „die Lola heißt für mich Christiane, und deshalb darf ich sie jetzt auch küssen“. Und schließlich wird der mit dem Deutschen Filmpreis in Gold Geehrte angesichts des Erfolgsrauschs gänzlich transzendent: „Ohne etwas Hilfe von ganz oben hätten wir’s nicht geschafft.“

Von ganz oben? Nun, Gott sei Dank verwandelte sich die 56. Deutsche Filmpreisgala am Freitagabend im Berliner Palais am Funkturm nicht gleich in eine religiöse Weihestätte – allem Anschein nach aber schwebt der Jungstar unter den deutschen Regisseuren mindestens auf Wolke 769. So viele Mitglieder zählt inzwischen die Deutsche Filmakademie, und eine Mehrheit wollte ihn mit seinem vielgepriesenen, aber auch umstrittenen Film über einen zum guten Menschen gewandelten Stasi-Mann ganz oben bei der alljährlichen nationalen Filmleistungsschau sehen.

Da mögen ehemalige Bewohner der von ihm so detailverrückt ausgemalten DDR noch so sehr darauf beharren, der in „Das Leben der Anderen“ in die Achtzigerjahre situierte Staat habe so allenfalls im ersten Mauerjahrzehnt existiert; und auch die fieberhafte Fahndung nach realen Vorbildern für einen derart geläuterten Repressionsapparatschik ist, während die echten Stasi-Veteranen sich mit neuem Stolz aus ihren Löchern wagen, bekanntlich im Sande verlaufen. Macht nichts, dachten sich offenbar die akademischen Stimmberechtigten. Ein Spielfilm darf lügen. Oder schummeln. Oder erfinden. Und wenn er es geschickt anstellt, na, umso besser.

„Das Leben der Anderen“ spielt in der düster-muffig vergangenen DDR, hat aber in seinem aus jedem Bild ablesbaren Beharren auf formaler Perfektion und mainstream-orientierter Extremgefühlsabschöpfung etwas ungemein Amerikanisches. Ebenso sein Regisseur: Spätestens mit dem auf ebenso jugendfrischem wie kalkuliertem Erfolgsgenuss gründenden, oscarreifen Auftritt bei der Gala dürfte Donnersmarck seine Visitenkarte für Hollywood abgegeben haben. Auch die Akademie selbst, die sich mit ihrer Gala lustvoll in den Würgegriff einer stets vom Wegzappen bedrohten, per Dauertremolo auf Unterhaltungsschlüsselreize setzenden TV-Auswertung begeben hat, ist in ihrem zweiten Jahr den Oscars einen großen Sprung näher gerückt. Die vom Spaßmacher und Moderator Bully Herbig geforderte Gute-Laune-Gymnastik funktionierte vorzüglich: Die Applausmaschine mochte mitunter kaum mehr zur Ruhe kommen.

Natürlich feiert die Filmbranche sich nicht nur selbst, sondern findet – und dies ist das bislang wertvollste Verdienst der Akademie – neuerdings zu einem geradezu fühlbar synergetischen Selbstverständnis. Und wenn sie, völlig losgelöst von ihrer wackeligen Gründungsphase, so weitermacht, dürfte sie bald vor Kraft kaum mehr laufen können. Die Schattenseite: Schon jetzt entfernt sie sich, das zeigen ihre Entscheidungen für Dani Levys „Alles auf Zucker“ im vergangenen Jahr und nun „Das Leben der Anderen“, immer mehr vom auch mal Spröden, vom ästhetisch und thematisch Innovativen. Mit anderen Worten: von dem Kulturauftrag, der mit der Vergabe des staatlichen Preisgelds nach wie vor verbunden ist. Die beträchtlichen rund drei Millionen Euro für die Goldenen und Silbernen Lolas wirken in erster Linie als Nivellierungsinstrument.

Es ist kein Zufall, dass Filme wie Christian Petzolds „Gespenster“ und Benjamin Heisenbergs „Schläfer“, im Ausland gefeierte Vertreter einer nouvelle vague allemande, beim Deutschen Filmpreis keine Chance haben. Sie schafften es zwar auf die Vorschlagsliste, Stufe 1 des komplizierten Nominierungsverfahrens, wurden dann aber umstandslos ausgesiebt. Und auch die Produzenten von Christoph Hochhäuslers „Falscher Bekenner“, letztes Jahr in Cannes und ab 18. Mai im Kino, oder von Valeska Grisebachs jüngstem Berlinale-Beitrag „Sehnsucht“ dürften sich die aufwendige Bewerbung für die Lolas 2007 zweimal überlegen. Minimalistische Low-Budget-Filme, gar noch besetzt mit Laien? Die Deutsche Filmakademie hat keine Lust auf Experimente – und seien sie, vielleicht nicht für das allerbreiteste Publikum, noch so imponierend geraten.

Dieses Jahr muss sie sich sogar den Vorwurf gefallen lassen, bei allem guten Willen die Kino-Karriere dreier von ihr selbst nominierter Filme kaputtgemacht zu haben. Da mochten Hans-Christian Schmids „Requiem“, Detlev Bucks „Knallhart“ und Vanessa Jopps „Komm näher“ bei der Berlinale noch so wunderbar bei Kritik und Publikum angekommen sein: Weil die WM-bedrängte Akademie ihren Gala-Termin um zwei Monate vorzog und bei den Preisen nur gestartete Filme berücksichtigt, drückte sie das Trio Anfang März jeweils binnen Wochenfrist ins Kino. Bei starker internationaler und nationaler Konkurrenz blieb diesen allesamt starken, aber kleinen Filmen die Luft weg. Immerhin durften sich am Freitag zumindest Buck und Schmid mit ihren Silbernen Lolas über ein Trostpflaster – und wohl auch das Eingeständnis eines schlechten Gewissens – freuen.

Das strukturell schlechte Gewissen einer Branche, die erkleckliche staatliche Kulturpreis-Millionen ohne externe Kontrolle unter sich verteilt, bleibt davon freilich unberührt. Vielleicht reift in der so jugendfrisch erfolgreichen Akademie auch im Lichte ihrer Etablierung als deutsches Oscar-Pendant die Erkenntnis, dass man Ehre und Geldverteilen trennen muss. Denn der von Kollegen verliehene Lorbeer ist mehr wert ist als einige 100 000 Euro zur Finanzierung eines nächsten Films.

Dann könnte das kulturgebundene Geld gezielt anders ausgegeben werden – warum nicht durch eine Jury aus Branchen-Kreativen plus ein paar Kultur-Ministeriale, warum nicht für einen fulminanten Erst- oder Zweitfilm? Vorschläge dazu hat es in der Gründungsphase der Akademie gegeben; sie ließen sich modifizieren. Erst dann wird man sich ohne jeden Vorbehalt über den Gewinn freuen können, den diese Akademie bedeutet. Und wenn dann ein Erstlingsfilmer wie Florian Henckel von Donnersmarck dabei sein sollte, extra bedacht von eben jener Jury? Nichts sauberer als das.

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