Kultur : Wie halten Sie’s mit der Leitkultur?

Steffen Richter

isst eine französische Pizza und trinkt türkischen Wein Nun weihnachtet es wieder ganz gewaltig, und alle reden von der Liebe. Ich würde gern von der fürs Vaterland reden. Denn wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten: Politiker aller Couleur werfen sich gegenseitig Vaterlandsvergessenheit vor. Die böse Musikindustrie spricht englisch, die Speisekarte italienisch und der Pizzabäcker, der spricht türkisch.

Österreicher sind auch arm dran. Am Freitag wird Elfriede Jelinek , der Dame mit den gebremsten patriotischen Gefühlen („was mich trägt, ist die Wut auf Österreich“) in Stockholm der Nobelpreis verliehen. Freilich in Abwesenheit. Noch abwesender wäre vermutlich nur Thomas Pynchon gewesen, der große Öffentlichkeitsverweigerer. Schon dafür, dass Jelinek ihn übersetzt hat, verdient sie einen Preis. Morgen zeigt Hanna Laura Klar im Literaturhaus ihre Filmporträts „Elfriede & Elfriede“ sowie „Die Preisträgerin“ (20 Uhr). Und am 10.12. liest – wie gestern bereits gemeldet – Therese Affolter im Berliner Ensemble (20 Uhr) aus Jelineks Roman „Lust“. Anschließend wird die Nobelpreisrede auf Video übertragen.

Um die Liebe zum guten Essen kümmert sich eine andere Preisträgerin. Mit „Kleine Infamien“ (Suhrkamp) hat Carmen Posadas den opulent dotierten Premio Planeta gewonnen. Zu den größeren Infamien zählt, dass die Tür einer Kühlkammer zufällt – just als der Spitzenkoch Néstor Chaffino für Nachschub sorgen will. Offenbar wusste er zuviel. Wenn Carmen Posadas am 8.12. ins Instituto Cervantes kommt (19.30 Uhr), sollte man sie fragen, wie sie es mit der Leitkultur hält. Wuchs die gebürtige Uruguayerin doch in London, Buenos Aires und Moskau auf, bevor sie nach Madrid zog.

Heute dagegen liest Philippe Besson , bekannt durch die Romanvorlage für Patrice Chéreaus Film „Sein Bruder“, im Literarischen Colloquium (20 Uhr) aus „Eine italienische Liebe“ (dtv). Es geht um ein Dreiecksverhältnis zwischen einem bisexuellen Mann, einem Mädchen und einem Strichjungen. Schon am Anfang ist einer tot. Erzählt aber wird aus allen drei Perspektiven – auch der des Toten. Brillant! Aber warum nur siedelt der Franzose seine Geschichte in Florenz an? Selbst im Frankreich der exception culturelle ist ein Romanschauplatz also nicht mehr selbstverständlich.

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