Kultur : Wie ich einmal ganz schnell erwachsen wurde

Jan Oberländer

Kein Roman über die DDR. Kein Buch über die Wende und keines über das Jüdischsein in Ostberlin. Und doch ist Jakob Heins drittes Buch all dies – indem er von seiner Mutter erzählt, die im Januar 2002 im Alter von 57 Jahren an Krebs starb. Hein macht aus seinen Erinnerungen Episoden und aus diesen Episoden eine eindrucksvolle Geschichte: die von Christiane Hein, der Dokumentarfilmerin, der Köchin, der Jüdin.

Siebenundzwanzig ist Jakob Hein, als bei seiner Mutter Krebs diagnostiziert wird. Hein, im Hauptberuf Arzt, beschreibt in mehreren Kapiteln den Verlauf der Krankheit seiner Mutter, ihren Mut, ihre Stärke. Er schreibt über ihre Ärzte, die Chemotherapie, die Erholungsphase und den Rückfall. Er begleitet ihren Verfall hautnah. Eine Erfahrung, die er lakonisch fasst: „So wurde ich in meinem dreißigsten Lebensjahr doch noch plötzlich und unerwartet erwachsen.“

Rein altersmäßig gehört der 1970 geborene Hein zu einer Generation jüngerer Autoren, die die DDR sehr bewusst erlebt und verarbeitet haben. Das „wir“ verwendet er jedoch nur in Bezug auf sich und seine Mutter. Sein Vater, der Schriftsteller Christoph Hein, taucht nur als Randfigur auf, ebenso sein Bruder. Rund die Hälfte der 25 Kapitel sind Rückblenden, eingeleitet durch Schlaglichter wie: „Ich bin acht Jahre alt und stehe in der Uniform eines Verkehrspolizisten in Großmutters Wohnzimmer“ – hier sitzt sein angeheirateter Großvater und liest „lange linientreue Aufsätze über den Sozialismus“. Sein leiblicher Großvater hat die Flucht vor den Nazis nicht überlebt, seine Großmutter flieht in den Konsum. Sie wird die Wende begrüßen, „weil sie nun nicht mehr nach Westberlin zum Einkaufen fahren musste.“ So lässt Hein, quasi auf dem Weg seiner Erzählung, auch die Zeitgeschichte durchscheinen.

Im Verlauf des Buchs ist er vier, sieben, zehn, fünfzehn Jahre alt, findet sich krank im Bett, am Bahnsteig des Berliner Ostbahnhofs, neben seiner Mutter im Auto. Hein lässt die Situationen kurz szenisch hochsteigen, erzählt dann jedoch konsequent aus der Distanz der Erinnerung. Dem entspricht auch der Ton des Buches. Nüchtern und direkt, dabei nicht humorlos, aber ohne die Pointenfülle, die die Texte auszeichnet, die Hein sonst auf der „Reformbühne Heim und Welt“ im Kaffee Burger vorträgt.

Beispielhaft ist das Kapitel über die weihnachtliche Anstrengung, Zutaten für einen Lebkuchen „nach altem Rezept“ aufzutreiben. Die Familie schwärmt in alle Richtungen aus, klappert alle Läden ab. Die Ostberliner Versorgungslage zwingt zur Improvisation: Es gibt Kunsthonig, Margarine statt Butter, geröstete weiße Bohnen statt Mandeln. Das Gemeinschaftsprodukt wird glücklich fertig. Und schmeckt abscheulich: „Wir beendeten stillschweigend das Kaffeetrinken.“

Auf dem letzten Foto, das Hein von seiner Mutter macht, sieht sie „sehr krank“ aus. In seinen Erinnerungen zeigt er sie jedoch vor allem als starke, kämpferische Frau. Und als Jüdin. Die jüdische Gemeinde Ostberlins, zu der er seine Mutter oft begleitete, zeichnet Hein als Versammlung frustrierter, versprengter Einzelner. Eine amerikanische Freundin seiner Mutter bemerkt in den achtziger Jahren angesichts der Abwesenheit jüdischen Lebens in Berlin: „Hitler hat doch gewonnen.“ In Kontrast hierzu setzt Hein die Gemeinschaft und den selbstverständlichen Umgang der amerikanischen Juden mit ihrer Tradition.

Nach der Wende verbrachte Hein drei Jahre in den USA, eine Zeit, von der sein zweiter Roman „Formen menschlichen Zusammenlebens“ handelt. Ein Leben als liberaler Jude ist ihm jedoch auch nach dem Fall der Mauer in der Westberliner Gemeinde unmöglich. Der Rabbiner hat ihm nichts zu sagen, die Regeln sind starr. Und unendlich schwerer wiegt, dass sich auf dem jüdischen Friedhof kein Platz für Christiane Hein findet: Sie ist nicht jüdisch genug, weil ihre Mutter nicht Jüdin von Geburt war. Auch wenn sie jüdisch genug war, den Holocaust nur durch die Hilfe und das Risiko „arischer“ Freunde zu überleben.

Warum aus seinem Buch keine lineare Erzählung geworden ist, erklärt eine vorangestellte Passage aus Kurt Vonneguts Roman „Schlachthof 5": „Alle Momente, die vergangenen, die gegenwärtigen und die zukünftigen, haben immer existiert, werden immer existieren.“ Und: „Es ist nur eine Illusion, die wir hier auf der Erde haben, dass ein Moment auf den anderen folgt, wie Perlen auf einer Schnur, und dass, wenn dieser Moment vergangen ist, er für immer vorbei ist.“ In „Vielleicht ist es sogar schön“ sind zumindest entscheidende Momente von Heins Leben ganz in diesem Sinne aufgehoben.

Dieses Buch bestellen Jakob Hein: Vielleicht ist es sogar schön. Piper Verlag, München 2004. 163 Seiten, 16,90 Euro.

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