Kultur : Wie im Schlaraffenland

Matthias Thibaut

In New York winken erneut „Rekordpreise“, denn die beiden Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s haben in den nächsten zwei Wochen Großes vor. Steigende Preise locken beste Kunst aus den Wohnstuben und sogar Museen in die Auktionssäle. Kunstfreunde mit Geld fühlen sich wie im Schlaraffenland.

Christie’s bietet in der Contemporary Auktion am 16. Mai die „Lemon Marilyn“ an, eine jener 13 „Ur-Marilyns“, die Andy Warhol nach dem Selbstmord des Filmstars 1962 fertigte. Der Einlieferer kaufte sie damals in einer von Warhols ersten Ausstellungen für 250 Dollar, blieb ihr 45 Jahre treu und wird nun dafür belohnt: Christie’s schätzt den exzellent erhaltenen, übermalten Siebdruck auf mindestens 15 Millionen Dollar.

Unter den nicht weniger als zehn Warhols, die Christie’s allein in der Abendauktion anbietet, ist auch das Katastrophenbild „Green Car Crash“. Dafür gibt es einen 100-seitigen Sonderkatalog und einen Preisvoranschlag von 25-35 Millionen Dollar – es soll der teuerste Warhol aller Zeiten werden.

Sotheby’s hat zwar nur fünf Bilder des Pop-Artisten, dafür aber „das beste Papstbild von Francis Bacon“ wie Sotheby’s Experte Tobias Meyer behauptet. Die Größe und das edle Kardinalsrot bestimmen den Preis – mindestens 30 Millionen Dollar. Noch mehr kosten soll Mark Rothkos „White Center“: Es ist eines der ersten Gemälde, auf denen der Maler die Farbfelder zum Schweben brachte, und kommt direkt aus dem Büro von David Rockefeller, dem Enkel des Ölmilliardärs, wo es 40 Jahre lang hing. Das addiert sich zu einer Preisvorstellung von über 40 Millionen Dollar.

Davor werden nächste Woche allerdings erst einmal Impressionisten und Werke der Moderne versteigert, aber man wird sehen, dass die Contemporary Art am Umsatz gemessen die klassische Moderne überholt – sie ist nun das Logo des Superreichtums. So hat Sotheby’s mit den „Jesuiten“ ein wichtiges Gemälde von Lyonel Feininger mit sieben bis neun Millionen Dollar auf ein Rekordniveau taxiert. Gerhard Richters Fotobild „Zwei spanische Akte“ ist mit neun bis zwölf Millionen Dollar Taxe in der Contemporary-Auktion allerdings schon teuerer.

Christie’s hat, nach dem für Berlin bitteren Erfolg mit Ernst Ludwig Kirchners „Straßenszene“ einen weiteren Kirchner aus einem Museum gelockt: „Dodo mit großem Fächer“, das eigentlich schon dem Kunstmuseum in Cincinnati versprochen war. Aber angesichts einer Schätzung von zwölf bis 18 Millionen Dollar hat es sich der Besitzer anders überlegt. Dodos Akte sind nach den Straßenszenen das Begehrenswerteste von Kirchner. Auch ihm selber war das Gemälde wichtig: Das Aktporträt von Kirchners Leipziger Freundin wurde 1010 noch in Leipzig gemalt, stand dann aber fünf Jahre im Berliner Studio des Künstlers.

Sotheby’s wiederum hat mit hohen Garantien ein starkes Angebot. Dazu gehört ein kleiner Picassokopf aus der blauen Periode: Es zeigt den Akrobatenjungen, der auch auf Picassos Rekordbild „Garçon à la pipe“ abgebildet ist (14 bis 18 Millionen Dollar). Wichtigstes Los der Impressionistenserie ist aber wohl das Cézanne- Aquarell „Nature Morte au Melon“ bei Sotheby’s – frei und kühn, ohne Vorzeichnung gemalt, führt es direkt in Cézannes kompositorisches Denken. Sotheby’s versteigert es zum dritten Mal, immer aus großen Sammlungen: 1978 für 330 000 und 1989 in der British Rail Auktion für 2,5 Millionen Pfund. Nun liefert es Londons berühmter Ostasiatikahändler Giuseppe Eskenazi ein. Es wird auf 14 bis 18 Millionen Dollar geschätzt: Das ist keine so rasante Steigerung wie bei Warhols limonengelber Marilyn. Aber je älter und würdiger die Kunst, desto gesetzter sind eben die Preise.

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