Kultur : "Wie im Schrank die Tassen, so im Kampf die Klassen"

Kerstin Decker

Die Szene am Prenzlauer Berg in Berlin nutzt die Diskussion, um sich selbst zu bespiegelnKerstin Decker

Noch mal Sascha Anderson, der Spitzel. Aber Spitzel, klingt das nicht irgendwie - zu klein? Ein bisschen minderbemittelt? Vor sowas hatte Anderson Angst. Anderson war anders. Er war der Spitzel als Souverän.

Noch mal Anderson? Nein, jetzt wir! sagten sich Maler und Dichter vom Prenzlauer Berg, die man nun "die Opfer" nennt. Wessen Inszenierung waren sie? Die der Stasi? Die von Anderson? Die des Westens? Oder doch - ihre eigene? Das wollen sie rauskriegen in der Literaturwerkstatt Pankow.

Doch da hält der Kennzeichen-D-Journalist Holger Kulick einen Vortrag. Er spricht über die Gemeinheit von Sascha Anderson. Kulick war mal mit ihm befreundet. Er hat nie was gemerkt. Er versteht es noch immer nicht. Jedenfalls nicht wirklich. Darum las er alle Akten - 1350 Seiten, die man als Papierschnipsel in Säcken fand und gerade wieder zusammengesetzt hat (siehe Tagesspiegel vom 11.1. 2000). Kulick las und las. Irgendwann, dachte er, muss Lesen in Begreifen umschlagen. Eine Anstrengung, die er jetzt fest entschlossen ist, mit uns zu teilen.

500 Ost-Mark monatlich bekam der IMB Anderson von seiner Behörde. Ein IMB ist ein "Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindberührung". Sogar seine Fahrerlaubnis machte er noch bei der Stasi, bevor er 1986 in den Westen ging. Im Westen muss man Autofahren können. Aber am unterhaltsamsten sind die Stellen, wo er die Stasi-Offfiziere darauf hinweist, dass sie nicht nur auf seine Informationen achten sollten, sondern vor allem auf seine Schlussfolgerungen. Sicher wollte Anderson nicht nur Underground-Kulturminister sondern mindestens inoffizieller Führer der Staatssicherheit werden.

Ist das langweilig hier! Ich will endlich die Opfer sehen!, ruft eine aus der ersten Reihe. Vereinzeltes Lachen im Saal. Die Opfer nehmen ihre Plätze auf dem Podium ein. Die Malerin Cornelia Schleime sagt im Vorübergehen zu der kleinen Schwarzhaarigen, die Opfer langweilten sich auch lange schon, und sie müsste jetzt erstmal auf Toilette.

Alle warten auf die Malerin. Das Podium trägt Schwarz bis Anthrazit-Bleigrau. Nur Bert Papenfuß, der Dichter, kommt in Leder. Und hat so eigenwillige Haare, wie sie nur hinbekommt, wer drei Wochen auf dem Rücken im Bett gelegen hat. Papenfuß hält den Gegenvortrag. Nein, es ist ein Gegengedicht. Es kommen Zeilen darin vor wie "Kulicke, Kulacke/ es dampft die Kacke" oder "Wie im Schrank die Tassen/ so im Kampf die Klassen". Papenfuß ist Avantgarde.

Jan Faktor, der Dichterkollege neben ihm, sieht das nicht so. Schade um die Zeit, sagt er. Dabei wollte Papenfuß nur zum Ausdruck bringen, dass Kulick nervt. Dieser Obermoralismus. Daraufhin findet Kulick, dass Papenfuß sich genau so anhöre wie Andersons Führungsoffizier. Der Gesprächsleiter sagt, er verstehe nichts mehr. Zuvor fand er, dass wir zwischen Szene und Nichtszene unterscheiden müssen. Nichtszene sei der Staat. Eigentlich eine schöne Benennung für den Staat.

Der Gesprächsleiter schlägt nun vor, sich in der Mitte zu treffen. Cornelia Schleime, die Malerin, die das Opfersein langweilig findet, sagt, dass "Mitte" Quatsch ist: "Wir sind hier nicht im Rheinland!" Papenfuß raucht schon wieder.

Der Kunsthistoriker Eckerhard Gillen sieht einen Ausweg. Wir müssen die Metaebene erreichen!, sagt er. Gillen hat vor drei Jahren die Ausstellung "Deutschlandbilder" gemacht. Ohne ein einziges Prenzlauer-Berg-Bild. Da ist die Malerin schon ganz oben auf der Metaebene: Ein Hühnerhof sei der Prenzlauer Berg gewesen und Anderson das Huhn, jawohl. - Der Hahn! Der Hahn!, kommt es aus dem Publikum. - Der Hahn, genau, fährt die Malerin fort, und wir waren seine Hühner. Es waren seine Eier, die wir legten! Oder doch unsere eigenen?

Darum ist sie dann auch in den Westen gegangen. Endlich raus aus dem Hühnerhof! Aber als sie im Westen ankam, war sie immer noch eine vom Prenzlauer Berg. Die Malerin beschließt, dass die Prenzlauer-Berg-Szene eine Erfindung der Journalisten sei. Papenfuß gibt zu bedenken, auch Adolf Endler habe von der Prenzlauer-Berg-Connection gesprochen. Jan Faktor findet es gut, dass Anderson ihn 1986 beklaute. Das hätte gleich eine richtig gute Distanz geschaffen.

Die drei anwesenden Kunstwissenschaftler aus dem Westen sprechen inzwischen von "politisch beauftragten Handlungsspielräumen", die Anderson "ausgeschritten habe" und von "Außenräumen des Biotops". Papenfuß sieht traurig aus. Als säße er mitten im äußersten Außenraum irgendeines äußersten Biotops. Überhaupt ist den Dichtern und Malern das hier alles schon lange viel zu politisch. Politik, war das für sie nicht die Sprengkraft eines abstrakten Stilllebens?

Hat Anderson sie entpolitisiert? Nun gut, als es darum ging, einen Verband unabhängiger Künstler zu gründen, schlug er vor, gegen die Punks Fußball zu spielen und anschließend eine Busfahrt ins Erzgebirge zu machen. Die Punkband! Anderson hat unsere Punkband kaputtgemacht, ruft die Malerin, mit seinen Free-Jazz-Elementen. Was soll Free Jazz im Punk? Papenfuß wacht noch mal auf: Es war Schweinerock zum Schluss, dekretiert er. Ist Punk richtigen Künstlern am Ende wichtiger als Verrat? Sie sagen noch immer Sascha. Ohne Hass. Eher wie man über einen seltsam Abwesenden redet, einen Toten-Untoten. Sie wussten ja, dass er mit dem Status der Schizophrenie spielte: "Geh über die Grenze. Auf der anderen Seite steht ein Mann!" Das läßt sich unendlich fortführen. Ein Spiegelspiel. Das Profil des Künstlers wie des Verräters. Ich habe keine Moral, sagte Sascha Anderson. Die anwesenden Wissenschaftler finden, so einer müsse unbedingt therapiert werden. Die Künstler schweigen. Sie wissen, dass dieses Keine-Moral-Haben zur Kunst gehört. Zur Freundschaft nicht. Zum Leben nicht.

Dass es der Mythos Sascha Anderson sein soll, was von ihnen bleibt, ist den Künstlern unerträglich. Kunst ist für die Ewigkeit gemacht! ruft eine Enthusiastin tröstend aus dem Publikum. Papenfuß geht sich ein neues Bier holen.

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