Kultur : Wie Inseln im Meer

Videos und Fotos von Janaina Tschäpe bei carlier/gebauer

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Eine Fotoserie von Janaina Tschäpe heißt „100 little Deaths“ („100 kleine Tode"). Die Hauptfigur dieser von 1997 bis 2001 entstandenen Serie ist die Künstlerin selbst. Auf Terrassen und Treppen, vor Häusern und Fabriken sieht man sie niedergestreckt daliegen, als sei sie vom Blitz getroffen worden. Eigentlich kein schöner Anblick, doch in der Wiederholung derselben Pose vor wechselnder Kulisse kommt irgendwann zum Schrecken die Empfindung des Absurden. Und so schwankt man zwischen Irritation, Mitgefühl und Belustigung, wobei letzteres schon nach kurzer Zeit den Sieg davonträgt.

In ihren neuesten, derzeit in der Galerie carlier/gebauer unter dem Titel „ Exercises“ ausgestellten Arbeiten, haben professionelle Schauspieler die Rollen übernommen. Das Prinzip aber ist das gleiche geblieben. Der menschliche Körper, seine denkbaren und undenkbaren Metamorphosen und die Auswirkungen, die solche Veränderungen auf Kategorien wie Identität und Eigenwahrnehmung haben, sind das künstlerische Leitmotiv der 1973 in Dachau bei München geborenen, mittlerweile in New York lebenden Deutsch-Brasilianerin. Nach wie vor gleich sind auch die Szenerien, in denen Tschäpe ihre Protagonisten agieren lässt: Kühle, in ihrer Funktion oft unbestimmbare urbane Architektur gibt den Hintergrund ab für alle möglichen Verwandlungen, in denen sich durchaus Anklänge an frühe Arbeiten von Rebecca Horn oder Franz Erhard Walter finden lassen, der Tschäpes Lehrer an der Hamburger Kunsthochschule war.

Da werden Kleidungsstücke zu Kokons, die aus ihren Trägern groteske, krakenhafte Wesen machen (ab 2000 Dollar). Wie Sequenzen aus Träumen wirken Tschäpes Videos, die im zweiten Raum der Galerie präsentiert werden (3500 Dollar): Eine Frau liegt in einem leeren Raum auf dem Bett, man schaut von oben auf sie herab, und dann steigt die Flut. Zuerst ist es nur eine Pfütze, doch bald ist das Wasser überall und die Lagerstätte der Schläferin eine Insel im Meer der Imagination. Ulrich Clewing

Galerie carlier/gebauer, Holzmarktstraße 15-18, bis 12. Oktober; Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr.

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