Kultur : Wie Kain und Abel

Zum 80. Geburtstag von E. L. Doctorow erscheint sein neuer New-York-Roman „Homer & Langley“

Klaus Siblewski

E. L. Doctorows große Kunst ist es, Geschichten und Kulturgeschichte mit leichter Hand ineinanderfließen zu lassen, Recherchiertes und Fiktives virtuos miteinander zu mischen. Auch in seinem neuen Roman „Homer & Langley“, der hierzulande wie in den USA pünktlich zu seinem heutigen 80. Geburtstag erscheint, erzählt er Geschichten aus dem gesellschaftlichen Leben New Yorks, Geschichten über berühmte, anrüchige und längst vergessene Menschen – und schafft so ein flüchtiges, gleichwohl anschauliches Porträt des 20. Jahrhunderts.

Zwei Legenden New Yorks haben in seinem neuen Roman ihren Auftritt: Homer und Langley Collyer. Diese zwei Männer wurden in ihrer Heimatstadt und weit darüber hinaus wegen ihrer Exzentrik berühmt. Sie bewohnten in einer der vornehmsten Gegenden der Stadt ein riesiges Haus, das Teil des Erbes ihrer früh verstorbenen Eltern war. Vor allem Langley, der Ältere der beiden, fiel auf. Er sammelte mit manischer Wut Zeitungen und dazu den Schrott, den er in den Straßen New Yorks bei Tag und vor allem bei Nacht fand. Mit den täglichen Morgen- und Abendblättern und den vielen bizarren Funden, darunter ein gewaltiger Ford Modell T, verwandelte er die vierstöckige Stadtvilla in eine bröckelnde, alles andere als malerische Schrotthöhle – zum Entsetzen der wohlhabenden und auf diskrete Umgangsformen bedachten Nachbarn.

Diesen Collyers erfindet Doctorow nun ein Leben, und dieses Leben lässt er feinsinnig zwischen zwei Polen schwanken: Die beiden Männer dürfen sich als Opfer sehen und sind gleichwohl Täter. Langley zieht in den I. Weltkrieg und kehrt von den Schlachtfeldern Europas als Verrückter zurück. Nach einem Giftgasangriff hat er lange in einem Lazarett liegen müssen und wird mit verätzten Lungen entlassen. In dieser Zeit verwandelt er sich in einen Anarchisten der unpolitischen, aber extrem kämpferischen Sorte und lässt seinen Groll an Staat und allen Institutionen aus, die ihn mit Rechnungen oder Zahlungsanforderungen und anderen Verhaltensmaßregeln zur Ordnung rufen wollen.

Homer ist das stillere Naturell. Er wird in jungen Jahren blind und flüchtet sich ins Klavierspiel und in gelegentliche Lieben. Er kapselt sich ab und versucht über die Enttäuschung hinwegzukommen, dass er das leichte Leben nicht führen kann, das ihm offengestanden hätte.

Beide Collyers erleben nun, wie die Moden der Zeit durch ihr Haus ziehen. In den zwanziger Jahren öffnen sie ihre prächtigen Räume für Tanztees, später pflegen sie freundlichen Umgang mit Mafiagrößen und werden dafür sogar einmal mit Champagner und Frauen entlohnt. Bei ihnen wohnen Jazzmusiker und machen sie mit überraschenden Rhythmen und Klängen bekannt. Nach einer Kundgebung gegen den Krieg in Vietnam feiern Hippies wochenlang ein Fest in ihrem Haus und verlassen es erst, als es in New York kalt wird. Homer und Langley haben das vergangene Jahrhundert zu Gast, genauer: das Jazz-Zeitalter, die Gegenkultur und die Gangster. Und sie sind gute Gastgeber.

Diesen Geschichten gewinnt Doctorow eindrucksvolle Bilder ab. So setzt er etwa sehr anschaulich in Szene, wie Homer und Langley alt werden und welche Veränderungen das für sie mitbringt. Der Raum in ihrem Haus, in dem sie leben, wird durch die vielen Überreste ihrer Vergangenheit immer enger. Sie finden kaum noch von einem Zimmer ins nächste, und nachdem sich auch die Fensterläden nicht mehr öffnen lassen, ist ihnen der Blick nach draußen, in die Welt, endgültig versperrt. Ihr Haus, sein innerer und äußerer Zustand, ist der auskunftsfreudige Spiegel ihrer Seelen.

Aber die Größe des 1931 in der Bronx geborenen und heute noch in New York lebenden E. L. Doctorows besteht darin, dass er eben nicht nur eine Untergangsgeschichte erzählt. Allein der Titel seines Debütromans von 1971, „Das Buch Daniel“, verrät, worauf der einstige Lektor und Herausgeber verschiedenster Zeitschriften mit seinem Romanwerk abzielt. Doctorow fügt darin die gesammelten Episoden auf eine Weise zusammen, dass sie wie eine neue Mythologie gelesen werden können – eine Mythologie, die aus den Versatzstücken des alten Testaments gebaut ist.

In „Homer und Langley“ scheint die Geschichte von Kain und Abel durch. In Doctorows Version kommen Mordlust und Konkurrenz zwischen den Brüdern zwar nur in abgemilderter Form vor. Sie verschwören sich aber gegen ihre Zeit, und bei aller Wildheit und Zerstörungswut des 20. Jahrhunderts liegt in dieser Umerzählung eines biblischen Urmythos Doctorows Ehrgeiz und ein großer Funken Hoffnung. Homer und Langley setzen sich gegen ihren Untergang zur Wehr, jeder auf seine Weise.

Dabei entwickelt der in sich gekehrte Homer die größere Ausdauer als sein die Welt herausfordernder Bruder. Im vorgerückten Alter, nachdem ihn auch sein Gehör verlassen hat, beginnt Homer zu schreiben und auf einer Braille-Schreibmaschine seine Erinnerungen festzuhalten. Im Nachdenken über Sätze und Vokabeln findet er einen Zugang zu seinem Leben. Das gibt „Homer & Langley“ etwas Vitales – und Tröstliches. Denn so lange sich überhaupt jemand besinnen kann und in der Lage ist das zu erzählen, tritt das Schlimmste noch nicht ein.

E.L. Doctorow

Homer & Langley.

Roman. Aus dem Amerikanischen von Gertraude Krueger.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.

224 Seiten, 18,95 €.

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