Kultur : Wie läßt sich Kultur managen?

SANDRA LUZINA

Am Berliner Podewil schwelen seit längerer Zeit Konflikte.Eine überzeugende Lösung ist nicht in SichtUpdaten! Aber für was?VON SANDRA LUZINAIm Windschatten des Alexanderplatzes gelegen, in einem Winkel, an den es keinen Flaneur verschlägt, gleicht das Podewil einer kulturellen Insel."Das Publikum schätzt die entrückte Atmosphäre", glaubt Wilhelm Großmann, Geschäftsführer der Berliner Kulturveranstaltungs GmbH, die in der Klosterstraße ihren Sitz hat und die neben dem Podewil auch das Theater am Halleschen Ufer sowie die Schaubude betreibt.Hinter der freundlichen gelben Fassade rumort es allerdings heftig, und das schon seit geraumer Zeit.Der auf drei Jahre befristete Vertrag der künstlerischen Leiterin Margrit Hohlfeld, der soeben abgelaufen ist, wurde nicht verlängert - und nach dem Willen von Großmann wird es diese Position künftig nicht mehr geben.Der Geschäftsführer will nun die Direktion des Hauses übernehmen.Erstmals sind auch vier Programmbereiche gesondert ausgewiesen: Musik, Theater/Performance, Tanz und Neue Medien.Der Diplom-Volkswirt ist bemüht, die Vorgänge herunterzuspielen.Doch daß am Haus Grabenkämpfe tobten, ist bekannt."Es hat sich herausgestellt, daß es sehr schwierig ist für eine Person, alle Bereiche kompetent künstlerisch zu leiten," resümiert Großmann die letzten drei Jahre.Das neue Modell, beileibe kein Sparmodell, sei in einem internen Diskussionsprozeß entstanden.Angelehnt habe er sich an das amerikanische Modell, wonach ein Direktor sich als künstlerischer Manager und Moderator versteht.Angekündigt wird eine Stärkung der Ressorts - abzusehen ist ein Nebeneinander kleiner Spielwiesen.Der Kurs des Hauses, das eher ein Konglomerat von unterschiedlichen Projekten ist, wird von Künstler- und Produzentenkreisen aufmerksam beobachtet.Schon seit langem wurden Forderungen laut, an die Spitze des Hauses eine Person zu installieren, die über eine hohe Kommunikations- und Integrationsfähigkeit nach innen und außen verfüge.Margrit Hohlfeld wurde zwar als freundliche Partnerin geschätzt, als künstlerische Leiterin blieb sie aber eine blasse Figur.Die Fäden hielt sie offenkundig nicht in der Hand.Daß der künstlerisch nicht ausgewiesene Wilhelm Großmann dem Haus eine deutliche Linie zu geben vermag, wird von vielen bezweifelt.Nun werden bereits Befürchtungen laut, daß die Uhren zurückgedreht werden und einem administrativ geprägten Modell der Vorzug gegeben wird.Entschieden ist freilich noch nichts - demnächst wird der Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender Kultursenator Radunksi ist, über die vorgeschlagene Personal- und Arbeitsstruktur beraten.In der Kulturverwaltung hegt man derweil anscheinend andere Vorstellungen: Die Stelle des künstlerischen Leiters soll demnächst neu ausgeschrieben werden."Updaten" - mit diesem Begriff umschreibt Radunskis Sprecher Axel Wallrabenstein die Anstrengungen, das Haus für die Zukunft flottzumachen.Es soll einen neuen "Aufgabenzuschnitt" erhalten, damit endlich die gewünschten Synergieeffekte eintreten.Die dritte Strukturänderung in sechs Jahren kündigt sich derzeit an - ein Zeichen dafür, daß die Gesamtkonstruktion nicht stimmt.Hervorgegangen aus dem abgewickelten "Haus der Jungen Talente", ist das Podewil eine Schreibtischgründung gewesen.Schon der erste Hartmut Faustmann, redete seinen Ressortleitern in die künstlerischen Belange hinein.Es dauerte nicht lange bis zum Konflikt."Die Kunst kollabierte", sagt Carola Friedrich-Friedländer, damals für Theater am Podewil zuständig, heute Dramaturgin am Maxim-Gorki-Theater.Es sei aberwitzig, dem Geschäftsführer künstlerische Kompetenzen zu übertragen.Von Anfang an hatte das Podewil aber auch mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen, die teils mit der DDR-Vorgeschichte des Hauses, teils aus dessen baulichen Eigenschaften und der insulären Lage in der Stadt resultieren.Wer durch die labyrinthischen Flure irrt, wähnt sich eher in einer altgewordenen Volkshochschule denn in einer Künstlerwerkstatt.Die verstärkte Auslastung des Hauses in den vergangenen drei Jahren habe aber auch eine atmosphärische Neuerung gebracht, glaubt Wilhelm Großmann.Seiner Aufgabe als Arbeitsstätte und Produktionsort wird das Haus aber noch nicht gänzlich gerecht.Das Residenz-Programm ist zwar ausgeweitet worden - teils muten die geknüpften Arbeitskontakte aber recht willkürlich an.Die Sparten haben derzeit am Podewil einen unterschiedlichen Stand.In der Musik und im Tanz zählt das Haus zu den Konstanten in der Stadt.Hier ist es gelungen, internationale Kontakte zu knüpfen und kompetente Partner zu gewinnen.Mit der bildenden Kunst hat man sich stets schwer getan - optimale räumliche Bedingungen bietet das Podewil nicht.Kuratoren, die Konzepte für die Bespielung des Foyers entwicklen sollten, zeigten sich frustriert vom lieblosen Umgang mit der Kunst.Auch das Theater geriet ins Hintertreffen - hier böte sich das Haus freilich eher für grenzüberschreitende Projekte an.Als multidisziplinäre Einrichtung habe das Podewil enorme Chancen, betont Großmann.Die Gefahr ist allerdings, daß hier ein Gemischtwarenladen entsteht.Bislang war eher Wankelmut in der Programmgestaltung und ästhetischen Ausrichtung erkennbar; hinzu kommt Ratlosigkeit, wie sich die räumlichen Kapazitäten nutzen lassen.Unter Faustmann wurde das Foyer viermal geweißt - zusätzliche Attraktivität hat das dem Haus nicht eingetragen.Die Aufenthaltsqualität zu verbessern, hält Wilhelm Großmann nach wie vor für eine dringliche Aufgabe - zu Recht.Eine junge Generation von Künstlern soll im Podewil ihr Domizil finden.Heftig umworben wird derzeit auch ein hippes Publikum - an einigen Abenden sind hier tatsächlich "Kunstglatzen" anzutreffen.In die Richtung gehen auch die Versuche, am Haus eine Klub-Kultur zu etablieren.Beim Betreten des Podwils fällt der Blick derzeit auf Sandbilder - tatsächlich knirscht der Sand im Getriebe.Energien zu bündeln, gar die Entwicklung neuer Präsentationsformen zu befördern, ist noch nicht gelungen.Dabei muß sich das Podewil sputen, um seinen Platz in einer wandelnden Kulturlandschaft zu finden.Das weiß auch Großmann.Er gibt sich kämpferisch: "Künftig wollen wir nicht mehr nur in der vierten Liga spielen."

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