Kultur : Wie lange wirkt das Trauma von Srebrenica, Frau Schedlich?

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Frau Schedlich, Sie leiten seit 1992 ein Kulturzentrum für Südost-Europa – aber Kultur konnte nicht immer im Zentrum stehen. Mitte Juli 1995 etwa, als in Berlin der Reichstag verhüllt worden war, dachte in Bosnien niemand an Kultur.

Vom 11. bis 17.Juli 1995 ermordeten serbische Truppen in Srebrenica 7500 Zivilisten, Jungen, Männer und Greise. Hunderte der Hinterbliebenen, Frauen und Mädchen aus Ostbosnien, kamen damals als Flüchtlinge nach Berlin und in unser Südost-Europa-Zentrum. Sie standen unter Schock. Und sie brauchten Unterkunft, Kleidung und Essen. Aber ich muss Ihnen widersprechen: Kultur war auch und gerade für diese Geflüchteten wesentlich. Wer zu uns kam, sollte Räume betreten, in denen Bilder ausgestellt waren, wo es Musik gab, Ruhe zum Erzählen und Zuhören. Flüchtlinge werden hier mit Kunst empfangen.

Auch Frauen aus Srebrenica?

Sicher! Für schwer Traumatisierte ist Kunst oft essenziell. Viele konnten erst nach zwei, drei Jahren von ihren Erfahrungen sprechen. Bis dahin halfen Bilder, Musik und Lyrik. Es gab bei uns einen Workshop mit Irena Vrkljan, eine kroatische Poetin, die ich mit Marina Zwetajewa oder Anna Achmatowa vergleichen möchte. Sie las und schrieb mit Frauen aus Srebrenica, und die waren davon begeistert. Mit anderen Flüchtlingen betrachteten wir Bilder einer Künstlerin aus Sarajevo, abstrakte Naturdarstellungen. Eine Frau kommentierte: „Das ist ein Bild, und doch keins, das ist ja Leben ohne Leben. Die Blume blüht gar nicht, sie sprüht Granatfeuer!“ Solche Aussagen sind sehr beeindruckend. Oder die Theaterpädagogin Zvjezdana Ladika war bei uns – sie inszenierte Stücke mit Kindern aus Bosnien und vom Prenzlauer Berg. Aber uns war klar, wir brauchen auch Therapiegruppen, Gesprächskreise, in denen zur Sprache kommen kann, was die Geflüchteten schlaflos macht oder ihnen Alpträume verursacht. Die Therapeuten mussten selbst erst lernen, was ein Kriegstrauma bedeutet, dafür waren sie nicht ausgebildet. Auch die Betroffenen, die sich oft schuldig oder krank fühlten, begriffen nur allmählich: Ein Trauma ist nicht unnormal, sondern die normale Reaktion auf unnormale Zustände.

Die meisten Flüchtlinge kamen aus Bosnien. Die meisten Künstler bei Ihnen auch?

Nein. Auch Künstler aus Chile oder Südafrika haben hier ausgestellt oder gelesen. Und natürlich Kroaten, Serben und Kosovo-Albaner. Der große serbische Schriftsteller Bora Cosic, der seit 12 Jahren in Berlin lebt, ist sozusagen ein Pate des Zentrums. Gelesen haben hier unter anderen Dragan Velikic, Dubravka Ugresic und Slavenka Drakulic. Drei Jahre lang leitet der Maler Danilo Pravica unsere Galerie. Die Flüchtlinge leiden übrigens ausnahmslos alle darunter, dass sie nicht arbeiten dürfen. Ich denke etwa an die 60 Ärzte oder die 40 Professoren und Lehrer, die ein Jahr nach der Eröffnung des Zentrums kamen. Sie boten an, ihre Landsleute umsonst zu behandeln. Und die Lehrenden organisierten eine Art Nachmittagsschule.

Und ihre Mitarbeiter?

Die kommen von überallher: Aus Armenien, Rumänien, Serbien, Israel, Polen, Indien, den USA, Kosovo, Kroatien – und natürlich aus Deutschland. Wir entwickeln uns mehr und mehr zu einem Zentrum für Kulturtransfer. Leider ist das Interesse der Deutschen oft noch gering. Das liegt auch daran, dass dieses Land seit 1989 wiedervereinigt ist, während Jugoslawien seit 1989, als Milosevic am 28. Juni im Kosovo seine berüchtigte Amselfeld-Rede hielt, zerfiel.

Der Sommer 1995 stand hier zu Lande nicht im Zeichen von Srebrenica. Man feierte die Verhüllung des Reichstages.

Wie sollte ich das jemand vorwerfen? Aber ich habe bis heute das Gefühl, in einem unsichtbaren Sonderzug voller Exilanten und aufwühlender Erzählungen durch diese Stadt zu fahren. Ich weiß nicht, wo wir aussteigen können, um unsere Geschichten hier zu erzählen. Als ob man gerade hier, wo ständig Menschen abgeschoben werden, mit den Traumata der Leute, mit der Dynamik der Psyche und deren Gesundungsbedürfnis kaum umzugehen weiß.

Warum gerade hier?

Ich denke, dass hier viele der eigenen Traumata nie angesprochen werden. Sie leben unterirdisch weiter, seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Aber wir können die Gegenwart, ob hier oder in Südosteuropa, nur verstehen, wenn wir den Phantasmen der Vergangenheit und des Zweiten Weltkrieges auf die Spur kommen. Krieg bedeutet immer Trauma, ob für Täter oder Opfer. Tabus, Leiden, Ängste, das wird über Generationen weitergegeben, wenn die eingekapselten Bilder von Angst und Gewalt nicht geöffnet und aufgelöst werden. Oberflächlich mag sich alles okay anfühlen, aber darunter sind zwei, drei Generationen mit ihren „Kapseln“.

Lange galt es als reaktionär und selbstmitleidig, sich als Deutscher mit den eigenen Traumata zu befassen – wie Günter Grass es nun mit seinem Gustloff-Roman versucht.

Das Anerkennen von Traumatisierung als einer großen seelischen und sozialen Belastung ist ein enormer kultureller Fortschritt. Erst nach dem Vietnamkrieg begannen Männer, Soldaten, von ihren seelischen Leiden zu sprechen. Weltweit kommt man nun zu der Einsicht, dass Krieg und Gewalttaten eine Verletzung aller Beteiligten bedeuten, ein moralisches Skandalon. Heute, nach einem Unglück wie in Eschede, Erfurt oder Überlingen ist psychologische Hilfe selbstverständlich geworden. Das war früher undenkbar. Auch Psychologen bei der Bundeswehr, die Soldaten helfen, zum Beispiel, wenn Sie im Kosovo Schreckliches erlebt haben, werden allmählich von der Truppe als Angebot akzeptiert. All das ändert unser Verständnis von den Bedürfnissen der Psyche. Sie werden nicht durch Ratio allein befriedigt, dazu bedarf es des Ausdrucks, der Bilder, Klänge und Worte. Aber es ist erst ein Anfang. Wir brauchen eine Aufklärungskampagne über Traumata, wie im Fall von Aids. Die Behörden, die jetzt in Berlin 500 Schwertraumatisierte abschieben wollen, wissen viel zu wenig darüber. Dabei will ich einzelnen Mitarbeitern keine Vorwürfe machen, denn sie wurden in der Verdrängung sozialisiert und führen nur das aus, was die Vorgesetzten entscheiden. Aber von gebildeten Leute und privilegierten Behördenvertretern, etwa von Innensenator Ehrhart Körting, der Jurist ist, erwarten wir, dass sie den Experten zuhören, dass sie dazulernen, human werden und ihre Verhärtung lösen lernen.

Wovon träumen Sie zur Zeit?

Ich wünsche mir, ganz im europäischen Sinne, die Gründung einer wirkungsvollen Stiftung für den Kulturaustausch zwischen Deutschland und Südosteuropa. Und ich denke, dass wir mit unseren intensiven Erfahrungen hier am Zentrum dazu beitragen können.

Das Gespräch führte Caroline Fetscher.

Südosteuropa Kultur-Zentrum Großbeerenstraße 88, 10963 Berlin, Tel. 030/25377990

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