Kultur : Wie man auf eine Schnur beißt

ULRICH CLEWING

Eine Ausstellung der Schwäbin Romane Holderried KaesdorfVON ULRICH CLEWINGDie Versuchsanordnung läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig."Übung: Auf eine Schnur beißen" steht da in krakeliger Schrift auf weißem Grund.Und damit auch ja nichts schief läuft, führen drei Figuren vor, wie es korrekterweise funktioniert, das Auf-die-Schnur-Beißen in seiner ursprünglichsten Form.Ist eigentlich ganz einfach: Man nimmt eine Schnur zwischen die Zähne - und beißt zu. Die Urheberin dieses merkwürdigen Exerzitiums, die Malerin und Zeichnerin Romane Holderried Kaesdorf, schert sich nicht um aktuelle Trends der Kunstszene.Ihr Thema ist der Mensch, und das geht nun schon seit fünfzig Jahren so.Geboren wurde Holderried Kaesdorf 1922 im schwäbischen Biberach, wo sie noch heute ansässig ist.Das notwendige Rüstzeug erwarb sich die Künstlerin in einem Kurzstudium an der Stuttgarter Kunstakademie während des Zweiten Weltkrieges.Von einer nationalsozialistischen Indoktrinierung, die sie dort erfahren haben könnte, ist indessen nichts zu spüren.Ein Selbstporträt aus dem Jahr 1946 zeigt sie als Halbfigur im Gegenlicht, eine dunkle, düster dreinschauende Gestalt im roten Pullover, kein Zweifel: eine Davongekommene. Später widmet sie sich vor allem der Zeichnung; auch ihre Ölgemälde, von denen die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in ihrer Galerie in der Oranienstraße derzeit eine Auswahl präsentiert, sind davon bestimmt.In ihren Darstellungen beschränkt sie sich auf Umrißlinien, die sich nicht selten zu grotesken Ornamenten verselbständigen.In Bildern wie etwa "Der eine tanzt, der andere hat den Helm auf dem Kopf" (1969) oder "Zwei Frauen mit ihren Möbeln halten den Fuß mit der Hand" (1993) sieht man den Menschen in körperlichen Verrenkungen, die so unmöglich sind, daß es nahe liegt, sie als geistige zu verstehen. "Drei männliche Figuren halten ihre Fingerspitzen aneinander" oder "Nur Blumen in Vasen dürfen bei der Begrüßung angestoßen werden", Holderried Kaesdorf kritisiert nicht bestehende soziale Konventionen, sie erfindet kurzerhand neue.Freilich nur, um dadurch die Originale um so deutlicher mit Spott zu überschütten.Das hat manchmal durchaus beengende Qualitäten.Da demonstriert eine Frau dem geneigten Betrachter "wie man ein kleines Brett mit einer Hand hält".Und nicht nur das, auch "wie man ein kleines Brett mit zwei Händen hält" wird einem bedeutet.So und nicht anders soll es sein, das - so fordert es die Künstlerin - muß man sich merken.Deshalb trägt das Ölgemälde von 1990 auch den Titel "Merkblatt".Sicher: Holderried Kaesdorfs Bilder sind Mitteilungen aus einer Parallelwelt.Man kann sich nur wünschen, daß sie mit der realen nichts zu tun haben.Darauf hoffen sollte man nicht. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Oranienstraße 25, bis 10.Mai; täglich 12-18.30 Uhr.Katalog 18 DM.

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