Kultur : Wie man aus seiner Wohnung ins All fliegt

Mit demSchleudersitz, empfehlen Emilia und Ilya Kabakov. In Bielefeld zeigen sie ihre Architektur-Kunst

Bernhard Schulz

Es bleibt ihr Geheimnis, wann Ilya und Emilia Kabakov zum künstlerischen Arbeiten kommen. Vor allem nämlich sind sie Weltreisende in Sachen Kunst. In der zurückliegenden Woche nahmen sie in der Kunsthalle Bielefeld die Kisten in Empfang, die kurz zuvor zum Ende ihrer Ausstellung in der Petersburger Eremitage gepackt worden waren – nur, um sogleich weiter nach Cleveland zu fliegen, wo eine weitere Ausstellung aufzubauen war. Einen größeren Gegensatz als der zwischen ihrer nun schon fünfzehn Jahre währenden Reisetätigkeit zum lähmenden Stillstand der Sowjetunion, wie ihn Ilya Kabakov in seinen Arbeiten stets zitiert und verfremdet, lässt sich kaum denken.

Emilia Kabakov wanderte bereits 1973 nach Israel aus, Ilya setzte sich 1987 von einem erstmals gewährten Auslandsaufenthalt in den Westen ab. Seither arbeitet das Paar, das sich – beide im ukrainischen Dnjepropetrowsk geboren – bereits aus Jugendzeiten in Moskau kennt, gemeinsam an der Konzeption ihrer ausgreifenden Installationen, deren Umsetzung in Gestalt zahlloser begleitender Gemälde und Zeichnungen dem gelernten Kinderbuchillustrator obliegt. Mit der Ausstellung, zu der sie die berühmte Eremitage in St.Petersburg eingeladen hatte, sind die Kabakovs nach Russland „heimgekehrt“. Emilia, die wie gewöhnlich die Gespräche mit Besuchern führt, ehe sich Ilya, der im Übrigen vorzüglich Deutsch spricht, ganz leise und über die Schulter einschaltet, Emilia Kabakov also berichtet von höchst gegensätzlichen Reaktionen. Das Ehepaar habe durch seine Emigration „Russland verraten“, so der Vorwurf. Da beide 1995 die amerikanische Staatsbürgerschaft annahmen und in einem Atelierhaus auf Long Island nahe New York leben, hätten sie vom russischen Alltagsleben keine Kenntnis mehr. Erst als die Kabakovs den Sommer über in St.Petersburg blieben, nahmen die Vorbehalte ab, wuchs stattdessen das Verständnis für die komplexen, hintersinnigen Installationen.

Deren größte, das ungemein reichhaltige „Denkmal für eine untergegangene Zivilisation“, bildet den Mittelpunkt auch der Bielefelder Ausstellung. Der Vorschlag für eine „Totalinstallation“ – Kabakovs Markenzeichen –, in diesem Fall von nicht weniger als 60 mal 80 Metern Grundfläche und bestückt mit insgesamt 38 Einzelinstallationen, nimmt wie stets den Zerfall des Sozialismus zum historischen Dreh- und Angelpunkt. In der Projekterläuterung heißt es, „im Bewusstsein und Unterbewusstsein derer, die ihn erlebt haben und seine Wirkung aus eigener Erfahrung kennen, existiert der Totalitarismus weiter“.

Diese Ahnung verdichtete sich beim Petersburger Aufenthalt. Tief sitzt in Russland die Kränkung über den Verlust der einstigen Weltmachtgeltung. Das kehrt als Vorwurf gegen die Kabakovs wieder, ihre Heimat „als Bedürfnisanstalt“ verunglimpft zu haben, wie es eine berühmte, 1992 bei der documenta in Kassel gezeigte Installation nahezulegen schien. Dass das frei stehende Klohäuschen auf dem Hof, das sich zahlreiche Familien teilen mussten, zu den Ur-Erfahrungen älterer Sowjetmenschen zählt, wird dabei verdrängt. Ilya Kabakov hat das von im Westen schier unvorstellbaren Entbehrungen geprägte Leben seiner Mutter in vielen Installationen verarbeitet: das Leben in der zwangsverordneten Gemeinschaftswohnung, die fruchtlosen Eingaben an allmächtige Hausverwalter, der Kampf ums Allernötigste. Der 1933 geborene Ilya Kabakov, mit seinen verschmitzten Augen im runden Gesicht geradezu das Urbild des gütigen Großvaters, hat die Absurditäten des Sowjetreiches auf dem steinigen Weg zum Künstlerdasein wahrlich auskosten müssen.

Gegen die Unbeweglichkeit der Zustände flüchtete man sich in Träume. Gerade diese Hirngespinste hat Ilya Kabakov immer wieder dargestellt, so 1982 in „Der Mann, der aus seiner Wohnung ins All flog“ – indem er sich mit einem selbstgebastelten Schleudersitz durchs Hausdach katapultiert.

Gleichwohl verwahren sich die Künstler gegen die Einengung ihrer Arbeiten auf sowjetische Zustände. Die schier unerschöpflichen Alltagserlebnisse dienen lediglich als Material für großartige Erzählungen zur condition humaine. Emilia setzt den narrativen Charakter ihrer Arbeiten mit der von der Literatur geprägten russischen Kultur in Beziehung. Da sieht sie auch die Verwandtschaft zu Deutschland, wo die Kabakovs häufig ausgestellt haben, so in Berlin 1990 auf dem brach liegenden Potsdamer Platz.

Nun zeichnet sich für Wiesbaden die museale Aufbewahrung von zehn bis fünfzehn der noch in ihrem Besitz befindlichen Installationen ab. Auf die Frage nach der Umsetzung des ein oder anderen Entwurfs der in Bielefeld gezeigten Architekturprojekte antworten die Kabakovs zurückhaltend. Bislang gebe es keine Angebote für eine Realisierung im öffentlichen Raum, für den das „Denkmal für einen Tyrannen“ oder das „Mahnmal für Häftlinge“ gedacht sind.

Die universelle politische Dimension ihrer Arbeiten wird leicht übersehen – überwältigt, wie der Betrachter von der labyrinthisch-wuchernden Fülle meist ist. Damit kommt ein dem westlichen Kunstverständnis entgegengesetzter Raum- und Zeitbegriff ins Spiel. Ihr eigenes Schicksal, heimatverbunden-heimatlos geworden zu sein, spiegelt sich in Ideen wie dem „Denkmal für Emigranten“, in dem die Erfahrung von Ortlosigkeit, Verlust, Wechsel und zugleich Stillstand mit bedrückender Enge als sowjetrussische Urerfahrung verschmilzt. „Wir glaubten an etwas Idealistisches“, blickt Emilia Kabakov auf ihr Sowjetleben zurück: „Nur dadurch war es möglich zu überleben.“

Kunsthalle Bielefeld, 12. September bis 14.November. Der Katalog kostet 45 Euro.

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