Kultur : Wie man einen Menschen brechen kann

Amerika diskutiert darüber, ob Kathryn Bigelow mit ihrem Bin-Laden-Film „Zero Dark Thirty“ Foltermethoden rechtfertigt.

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Die Wegweiserin. Regisseurin Kathryn Bigelow (rechts) mit ihrer Hauptdarstellerin Jessica Chastain. Foto: Universal Pictures
Die Wegweiserin. Regisseurin Kathryn Bigelow (rechts) mit ihrer Hauptdarstellerin Jessica Chastain. Foto: Universal Pictures

Der Film beginnt mit einer Zeitreise. Notrufe aus den brennenden Türmen des World Trade Center füllen den Raum und Abschiedsbotschaften aus den Flugzeugen, deren Passagiere allmählich begreifen, dass ihre Reise in den Tod führt. Noch ist die Leinwand dunkel. Dann sind die Zuschauer in einer der berüchtigten „Black Sites“: einem Geheimgefängnis, in dem die CIA Terrorverdächtige verhörte, um Hinweise auf weitere Anschlagspläne zu erhalten und der Spitze des Terrornetzwerks Al Qaida auf die Spur zu kommen.

Quälend lange ziehen sich die Misshandlungen hin: Schläge, Waterboarding, schmerzhafte Körperstellungen in einer engen Kiste, Schlafentzug. Ein Mann mit geschwollenem Gesicht wird nur noch von zwei Seilen, die über Umlenkrollen an der Decke führen und seine Arme nach oben reißen, auf den Beinen gehalten. Bedrückend lange dauert es, bis er redet. Bedrückend lange, weil Regisseurin Kathryn Bigelow die Zuschauer mit den CIA-Leuten zittern lässt, die Informationen brauchen, um Terrorakte zu verhindern, sie aber auch mitleiden lässt, wie da ein Mensch gebrochen wird.

Am Freitag ist „Zero Dark Thirty“ im Großteil der USA in die Kinos gekommen: der Film über die annähernd zehn Jahre lange Suche nach Osama bin Laden, die im Mai 2011 zu seiner Tötung in Abbottabad, Pakistan, führte. Die entscheidende Spur zu seinem Haus ergab sich aus der Identifizierung und Beobachtung des Kuriers Abu Ahmed al Kuwaiti, der die persönlichen Botschaften zwischen bin Laden und Al Qaida transportierte. Der Film erzählt dies aus der Perspektive von Maya, einer jungen CIA-Agentin, die diese Spur wie eine Besessene verfolgt.

Nun erst können sich Interessierte ein eigenes Urteil in der Debatte bilden, die bereits seit Wochen in Amerikas Medien tobt: Haben Drehbuchautor Mark Boal und Regisseurin Bigelow die Rolle, die die „harten Verhörmethoden“ spielten, übertrieben? Rechtfertigen sie Folter?

Die Antwort auf die erste Frage scheint eindeutig. Die Filmmacher betonen zwar gerne, dass ihre Darstellung auf unzähligen Interviews mit Insidern beruhe. Experten sind sich aber einig, dass sie sich bei den Folterszenen große künstlerische Freiheiten erlaubt haben. Der CIA-Mann Jose Rodriguez, der das Verhörprogramm leitete, hat klargestellt, dass der erste Hinweis auf al Kuwaiti von einem Gefangenen kam, der kein Waterboarding erlebt hatte. Überhaupt war Waterboarding nur an ganz wenigen Personen vollzogen und 2003 eingestellt worden. Eine indirekte Bestätigung, wie wichtig al Kuwaiti war, kam von Khalid Sheik al Mohammed. An diesem Topterroristen hatte die CIA Waterboarding erprobt. Das hatte aber nicht dazu geführt, dass er plauderte. Sondern die Art, wie er leugnete, al Kuwaiti zu kennen, führte die CIA zum Schluss, dass die Spur heiß war.

Insider kritisieren eine Reihe falscher Darstellungen im Film. Das tatsächliche Waterboarding wurde mit kleinen Wasserflaschen, nicht mit Eimern vollzogen. Die Szene mit den Seilen an der Decke sei erfunden. Eine andere, in der der Gefangene an einem Hundehalsband herumgeführt wird, stammt aus Abu Ghraib im Irak, nicht aus einem CIA-Gefängnis. Drei prominente Senatoren, die aus ihrer Arbeit im Geheimdienstausschuss die Fakten kennen – die Demokraten Dianne Feinstein und Carl Levin sowie der Republikaner John McCain – nennen diese Seite des Films „grob irreführend“. Drehbuchautor Boal sagt dazu, dies sei ein Kinofilm, keine Dokumentation.

Eines haben der Film und die parallele Auseinandersetzung, ob die Regierung die Fotos des toten Osama bin Laden veröffentlichen muss, erreicht: Amerika diskutiert noch einmal über Erfolge und Fehler der Terrorabwehr nach 9/11. Dieser Streit wird mit verqueren Fronten ausgetragen. Üblicherweise werfen Republikaner Hollywood-Größen vor, mit Filmen und Geld die Demokraten zu unterstützen. Ursprünglich sollte der Film vor der Wahl 2012 erscheinen – was Argwohn auslöste, er sei als Wahlhilfe für Barack Obama gedacht. Nun sagen Konservative, der Film belege den Nutzen von Folter. Die Sachwalter der Geheimdienstinteressen beklagen sonst, dass politische Auflagen ihre Arbeit behindern. Hier bemängeln sie, Boal und Bigelow hätten die Verhörmethoden übertrieben. Warum sie das taten, darüber kann man nur spekulieren. Dem Erfolg geschadet hat es nicht. „Zero Dark Thirty“ ist Favorit für die Oscars. Christoph von Marschall

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