Kultur : Wie man sich bettet

Leben im Karton: Die Münchner Pinakothek der Moderne erforscht die „Architektur der Obdachlosigkeit“

Steffen Kraft

Seltsam, die Bilder dieser Ausstellung sind fast menschenleer. Die wenigsten der Fotografien zeigen Wohnungslose, statt dessen sieht der Betrachter mannshohe Bilder von Matratzen und Decken. Flecken, Risse, geplatzte Nähte – Spuren von Nächten in der Kälte, von Tagen im Regen, von Monaten unter freiem Himmel, von Jahren auf der Straße haben sich ihnen eingeschrieben. Doch alles glänzt, funkelt, strahlt. Der Berliner Fotograf Wolfgang Bellwinkel hat die Matratzen Münchner Obdachloser auf Hochglanzkarton abgelichtet. In der Ausstellung „Architektur der Obdachlosigkeit“ der Münchner Pinakothek der Moderne stehen sie buchstäblich im Zentrum: Seine Fotografien hängen an jener Wand, die den Ausstellungsraum in der Mitte teilt.

Der herausragende Platz ist berechtigt. Seine Fotos der Schlafaccessoires demonstrieren wie kein anderes Werk die paradoxe Stärke der Fotoschau: Die Bilder wirken gerade dann am intensivsten, wenn sie von den Menschen selbst absehen. Dort, wo die Fotografen mit dem städtischen Umfeld der Obdachlosen, ihren temporären Bauwerken und den umfunktionierten Alltags-Materialien konfrontieren, verstören sie den Blick des Betrachters.

Die Münchner Straßenzeitung „BISS“ hat anlässlich ihres 10-jährigen Jubiläums die Ausstellung angeregt. Sie hat Mittel aufgetrieben, mit denen sie das Fotografenpaar Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch für drei Monate nach Bangkok, Tokyo, Osaka und Hongkong schickte. Die Bilder, die die beiden Münchner von der Reise zurückbrachten, zeigen die Behelfsbauten der Obdachlosen in Bahnhöfen, Unterführungen und Hauseingängen. Vor einer gekachelten Wand haben zwei Wohnunglose ihre Kartons penibel symmetrisch auf einem weißen Tuch arrangiert – das Ringen um ein würdevolles Wohnen geben sie selbst auf der Straße nicht auf. Mitleid wollen die Fotografen nicht erregen. Vielmehr zeugen ihre Bilder vom täglichen Kampf der Wohnungslosen gegen das Chaos.

Der für seine authentische Bildsprache gefeierte Foto-Star Wolfgang Tillmans hat den Ausstellungsmachern mit seinem Beitrag die Türen der Pinakothek geöffnet. Seine Zusage, sechs Fotografien zur Verfügung zu stellen, überzeugte die Verantwortlichen, den Ausstellungsraum der Graphischen Sammlung bereitzustellen. Konsequent für einen, der von sich sagt, ihn interessiere „die Negativität“ nicht, zeigt Tillmans eine vieldeutige Szene aus der Vogelperspektive: Ein alter Bettler mit seiner Habe im Einkaufswagen und eine junge Frau drehen sich auf der Straße nacheinander um. Obwohl niemand weiß, worüber die beiden sprechen, fängt der Fotograf scheinbar beiläufig einen charakteristischen Augenblick des städtischen Lebens ein: das überraschende Treffen von Fremden.

Dass sich aber die Panik vor der Begegnung mit den Armen inzwischen selbst in der Architektur verkörpert, zeigt eines der beeindruckendsten Bilder Tillmans: In einen überdachten Bürgersteig sind direkt neben der Häuserwand Betonstacheln eingelassen, um das Hinsetzen zu verhindern. Neben den Stacheln krümmt sich ein Mensch. Da grelles Sonnenlicht unter das Dach fällt, kann sich der Mann nur in einem schmalen Schattenstreifen betten. Die Verdrängungsarchitektur verengt den Lebensraum, verschwinden lässt sie die Wohnungslosen nicht.

In München hängen Tillmans Fotografien in einem Raum mit der 1999 entstandenen Serie „case history“ des zweiten Stars der Ausstellung: Boris Mikhailov. Er hat den Obdachlosen seiner ukrainischen Heimatstadt Charkow im wahren Wortsinn die Hosen heruntergelassen. Zum Vorschein kommen die Geschwüre und Hautabszesse der von der post-sozialistischen Gesellschaft Ausgespienen. Die Kombination mit Tillmans erstaunt, achtet der doch sonst penibel darauf, seine Werke nicht neben allzu drastischen Bildern auszustellen. So direkt jedes einzelne Bild von Mikhailov den Betrachter mit dem Leid der Abgebildeten konfrontiert, in einer Ausstellung zur Architektur der Obdachlosigkeit wirken Fotos, die den Körper thematisieren, fehl am Platz. Wahrscheinlich hat einfach Mikhailovs berühmter Name die Bilder für Kuratorin Karin Sagner attraktiv gemacht.

Dabei glückt in München der clash unterschiedlicher fotografischer Zugänge anderen durchaus. Neben den Matratzen-Bildern Wolfgang Bellwinkels, ordnet sich die dokumentarische Arbeit des belgischen Fotografen John Vink erstaunlich gut ein. Als hätte Vink schlicht von den Matten weggezoomt, zeigt er die Zelte kambodschanischer Landloser. Allerdings verfängt er sich dabei in einer Mitleids-Ästhetik. Neben den Fotos der Hütten klafft der Krater einer explodierten Landmine. Die Botschaft: Seht her, wie schlecht es den Leuten geht! Auch die Fotografien der Inderin Dayanita Singh brüllen ihre Aussage unmissverständlich heraus. Die Bilder des Eunuchen Mona Ahmed atmen den Geist eines Humanismus, der sich mit den Ausgestoßenen vorbehaltlos verbrüdert. Zu einem Bild des trauernden Eunuchen findet sich etwa die wenig überraschende Unterschrift „Im Dezember 1998 verfiel ich in eine bis heute andauernde Depression“.

Eine Ausstellung, der es nicht in erster Linie um die Obdachlosen selbst geht, sondern um deren Lebensbedingungen, mag mancher anti-humanistisch nennen. Das Absehen von den Menschen dient ihnen aber gleichwohl, weil dadurch die lebensfeindlichen Strukturen in den Blick kommen, die das Leid erst verursachen. Mit denen muss letztlich auch der Besucher zurande kommen. Bellwinkels aseptisch saubere Matratzenbilder etwa scheinen das obdachlose Lebens zu ästhetisieren. Mustert der Betrachter die Hochglanz-Oberflächen jedoch genauer, entdeckt er auf den Matratzen etwas anderes: sein Spiegelbild.

München, Pinakothek der Moderne, bis 21. September. Der Katalog kostet 27 Euro.

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