Kultur : Wie man Zeit malt

Lauter verlorene Träumerinnen: Alissa Walsers Erzählungsband „Immer ich“

Jörg Magenau

Nur nie Wurzeln schlagen, und nie was kappen müssen“, sagt eine der Heldinnen in Alissa Walsers Erzählungsband „Immer ich“. Sich binden, sich festlegen, sesshaft werden – das wäre ihnen eine unangenehme Perspektive. Zugleich aber sehnen sie sich nach Beziehungen, die vielleicht doch länger dauern als nur einen Augenblick. Sie sind Einzelgängerinnen, aber allesamt an Männern orientiert – oder vielmehr auf ihre eigene Lust, ihre Bedürftigkeit. Wie funktioniert das dann aber zwischen Frau und Mann, wenn Bindungslose sich binden? Wie sehen Beziehungen aus, wenn das Sesshaftwerden ausgeschlossen sein soll?

Dieser unauflösbare emotionale Widerspruch treibt Walsers Frauenfiguren um und ihre Prosatexte voran. Nach dem großartigen historischen Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ um den Magnetiseur und Heilkünstler Franz Anton Mesmer knüpft sie damit wieder an Thematik und Form des Kurzgeschichtenbandes „Die kleinere Hälfte der Welt“ an. Der soziologisch-technische Begriff der „Geschlechterverhältnisse“ ist ihrer poetischen Sprache zwar unangemessen, und trifft es doch sehr konkret. „Ich mag das Samtige am männlichen Geschlecht und am Weiblichen das Seidige“, lautet ein Satz, den sich eine dieser Frauen unter der Rubrik „Was ich vermissen werde, wenn ich tot bin“ in ihr Notizbuch schreibt. Das Verhältnis der Geschlechter wird in diesen Geschichten immer wieder auch als Verhältnis der Geschlechtsteile dekliniert. Übers Personal sind manche der Geschichten locker miteinander verknüpft. Dass der Verlag das Buch jedoch als „Erzählung“ anpreist, als handele es sich um einen einzigen, zusammenhängenden Text, ist nicht nur falsch, sondern schafft unnötige Verwirrung. Der Umfang liegt zwischen einer nur vier Seiten langen Episode wie der Titelgeschichte und knapp vierzigseitigen Fast-Romanen. Da schickt eine Frau ihren Geliebten ins Pornokino, damit er dort „etwas über Deutschland lernt“. Seinen Namen aber kann sie sich nicht merken. Eine andere entspannt im Yoga-Kurs, bewundert die muskuläre Wohlgeformtheit des Lehrers und denkt über ein Telefongespräch nach, das sie mit ihrem Ex-Geliebten führte, während der momentane Lebenspartner verzweifelt mit den Fäusten auf die Wand einschlug. Der Ex-Geliebte wartet in einer anderen Geschichte am Bahnhof auf eine Frau, mit der er per Anzeige Kontakt aufgenommen hat. Er wird sie wohl nicht erkennen und denkt unterdessen an seinen letzten Besuch bei der, die er zurückließ und dem gemeinsamen kleinen Sohn nach.

So überlagern sich die Zeiten und die Zustände – Verführung, Trennung, Erinnerung. Sie sind nur miteinander zu haben. Vorzugsweise handelt es sich um Künstlerinnen. So wie die Fotografin, die sich darauf spezialisiert hat, Menschen so zu fotografieren, „wie sie im Innersten zu sein glauben“. Sie lichtet dann ein Paar mittels Fotoshop als „Judith und Holofernes“ ab, und der junge Grieche, der ihr wie ein Faun vorkommt, entpuppt sich, als er nackt im Atelier posiert, tatsächlich als so ein Fabelwesen mit vorderem und hinterem Schwanz. Eine andere Geschichte dreht sich um die impressionistische Malerin Berthe Morisot, die mit Edouard Manet befreundet war und dessen Bruder Eugene heiratete: eine selbstbewusste Frau, die sich in der Männerdomäne der Kunst behauptet. Die impressionistische Malweise und die Übungen, die sie dorthin führen, beschreiben vielleicht auch den Stil Alissa Walsers: „Wir üben Schraffieren. Schräge Striche und schräge Striche, monatelang.“ Unschärfen, Schwebezustände, unklare Gefühlslagen: darum geht es. Und um das Problem, das Berthe Morisot beschäftigt: „Wie malt man Zeit? Wie man einen Blick zurück malt? Wie festhalten, was nie anhält?“

Das Erotische ist die große Attraktion, etwas, was da ist und immer verschwindet, wenn man es festhalten will. Walser ist eine Meisterin darin, Sexualität zu schildern, ohne peinlich direkt oder peinlich verzuckert zu werden. Sexuelle Begegnungen sind hier Zwischenzustände, die aus dem Alltag herausfallen, weil sie die Illusion einer Zusammengehörigkeit erzeugen. Dabei wissen die Beteiligten aber jederzeit, dass es sich um eine Illusion handelt. Vielleicht liegt es daran, dass man beim Lesen das Gefühl bekommt, es mit lauter Verlorenen zu tun zu haben. Oder mit Menschen, die ihr Leben bloß träumen. In den Bildern, die dabei entstehen, sind sie aber ganz genau und mit allen Sinnen beteiligt.

Alissa Walser: Immer Ich. Erzählung. Piper Verlag,

München 2011.

158 Seiten, 16,95 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben