Kultur : Wie Peter Handke die Kinder zu Weltweisen machen möchte

Claudia Kramatschek

Kinder und Narren sagen bekanntlich die Wahrheit. Auch Peter Handke ist in Sachen Wahrheit - einer poetischen, einer politischen - seit geraumer Zeit unterwegs: unbeirrbar in seiner Rolle als dichtender Hofnarr und Weltenverbesserer. Betätigt er sich nicht gerade als Fürsprecher der geächteten Serben, kehrt er dorthin zurück, wo all das seinen Anfang nahm: zum Geschichtenerzählen. "Lucie im Wald mit den Dingsda", ein kleines Werk mit elf Zeichnungen von der Hand des Autors, gibt sich nur auf den ersten Anschein im Mantel des Kindlich-Märchenhaften. Erneut schwingt sich Handke auch hier auf zu einer missionarischen Belehrung über das große Ganze des Menschheitsgeschehens und verhandelt auf wenigen Seiten grundlegende Fragen wie die der Liebe, des Andersseins, des Fremdenhasses. Dieses Sein aber erwächst laut Handke, da ist er ganz Poet, immer nur aus den Worten, die wir für das erfinden, was wir staunend-sehend in Anschauung erfahren. Den Leser selbst weist Handke auf dieses Faktum gleich zu Beginn seiner Geschichte hin. Lucie nämlich, seine zehnjährige Protagonistin, ist in Wahrheit erst sieben und heißt eigentlich ganz anders. Egal, schließlich seien wir in einer Geschichte . . . Um dann diesen belehrenden Grundton bis zum Schluss nicht mehr abzulegen.

Dieser Stil jedoch geht leider auf Kosten der an manchen Stellen tatsächlich bezaubernden Märchenstunde einer "wahren Empfindung": Denn Lucie hat nicht nur eine von ihr bewunderte, da schöne und als Kriminalpolizistin machtvolle Mutter. Auch einen Vater gibt es, der mit Frau und Kind zusammenlebt, aber das - hier beginnt das Drama - am Waldrand. Im tiefen Wald hegt dieser seltsame Vater seine Leidenschaft: das Sammeln der ihm noch aus den Hosentaschen tropfenden "Dingsbums", der "Waldbodenwichte", die ihm das Leben retten werden. Alles an diesem Vater ist anders, also fremd - und das auch der Lucie, die sich seiner immer ein wenig schämt: verschmutzt wie er ist in seiner Arbeit als Gärtner; unverständlich in seinen ellenlangen und umständlichen Reden; bemitleidenswert in seinem Zittern, das er von seiner Flucht "über eine Grenze zur andern" davongetragen hat.

Den Wald, den der Vater so sehr liebt, verabscheut Lucie. Dennoch weiß sie - besser als der Vater - nicht nur die "ungezählten Arten und Unarten" der "Dingsbums" zu benennen, sondern vermag diese auch beim gemeinsamen Suchen in Windeseile zu finden. Weil alles an ihr "ganz Auge und Ohr" ist, ein Lehrbeispiel der Unmittelbarkeit - im Gegensatz zum Vater, der der "Irrtumsbetrachtung" huldigt und wie ein trauriger Philosoph stets etwas findet, was er nicht gesucht hat, um die Suche unter dessen Vorzeichen erneut zu beginnen.

Alle aufgepaßt, möchte man rufen, damit auch niemandem entgeht: zwei Weisen, die Welt wahrzunehmen, werden hier verhandelt. Doch Handke trachtet nach mehr, sucht die kindlich-begrifflose Anschauung und die philosophisch-wesenhafte Reflexion zu einen: im ursprünglichen Spiel der Poesie, dort wo sie ensteht als weltenverändernde Kraft. Also: turning point der Geschichte und Ziel genommen auf das Happy-End, ein utopistisch dämmerndes Bild vom umfassenden Weltfrieden. Denn Lucies Vater, des Hochverrats gegen das königliche Landesoberhaupt verdächtig, wird eines Tages verhaftet und zum Tode verurteilt. Aber Lucie weiß den König zu bestechen durch die üppige Gabe, "ein ganzes Schock" besagter triefend-sporender Waldherrlichkeiten, die in der Stadt hoch im Kurse stehen. Der Vater wird bei soviel Naturverbundenheit, sprich: Unschuldigkeit, begnadigt - und die Todesstrafe in aller Herren Länder für immer abgeschafft. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie.

Fürwahr: eine schöne Märchenstunde der "wahren Empfindung". Die weltpolitischen Fakten aber, deren Handke sich hier befleißigt, als öffne er allein der Welt wie seiner kleinen Lucie die Augen darüber, dass "Menschen andere Menschen aus der Welt schafften", diese Fakten benötigen eher handfeste Taten denn handksche Träumereien.Peter Handke: Lucie im Wald mit den Dingsda. Mit farbigen Skizzen des Autors. Suhrkamp Verlag 1999. 91 Seiten, 28 DM.

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