Kultur : "Wie Phönix aus der Asche": Modell oder Sonderfall

Jürgen Tietz

Ruinen, Trümmer, Schutthalden: Die Bilder von Warschau und Berlin aus dem Frühjahr 1945 sehen sich erschreckend ähnlich. Der entscheidende Unterschied: Von Berlin ging jener Krieg aus, dem Warschau und hunderttausende seiner Bewohner zum Opfer fielen.

Für Polen bedeutete die Rekonstruktion der von den Nationalsozialisten systematisch zerstörten historischen Altstadt Warschaus weit mehr als lediglich den Wiederaufbau von Häusern. Es war eine von Emotionen befrachtete, nationale Aufgabe, die unmittelbar nach Kriegsende in Angriff genommen wurde, die Antwort auf den barbarischen Versuch der deutschen Besatzer, mit der Vernichtung polnischer Kulturgüter die polnische Identität für immer auszulöschen. Mit dem Wiederaufbau der Altstadt kehrte auch das fast vollständig dem Erdboden gleichgemachte Königsschloss ins Stadtbild zurück. Die Ausstellung "Wie Phönix aus der Asche" macht jetzt im Polnischen Kulturinstitut zum Auftakt der Polnischen Wochen mit dem Wiederaufbau Warschaus und insbesondere des Schlosses vertraut.

Die Deutschen hatten es in zwei Etappen zerstört: 1939 geriet es nach einem Luftangriff in Brand. Im September 1944 wurde es schließlich gesprengt. Kommunistische Planungen der unmittelbaren Nachkriegszeit sahen vor, anstelle des Schlosses ein Gebäude im stalinistischen Zuckerbäckerstil zu errichten. Doch sie blieben ebenso eine Episode wie die vorangegangenen Pläne der Nationalsozialisten, anstelle des geschleiften Schlosses eine riesige Versammlungshalle zu bauen. 1949 beschloss das polnische Parlament den Wiederaufbau des Königsschlosses. Aber erst die Umbruchstimmung beim Machtwechsel von Gomulka zu Gierek im Jahr 1970 bot die Chance, das Projekt zu verwirklichen. Bis dahin hatten lediglich die gesicherten Ruinenfragmente die Erinnerung an das Schloss in der Bevölkerung lebendig gehalten. 1984 konnte das neue alte Schloss als Museum eröffnet werden.

Der Wiederaufbau von Warschauer Altstadt und Schloss ist vor allem mit dem Namen des Architekten und Denkmalpflegers Jan Zachwatowicz verbunden. 1900 in St. Petersburg geboren, kam er 1924 nach Warschau, wo er Mitarbeiter am Institut für Polnische Architektur wurde. Während der deutschen Besatzung arbeitete er mit dem Widerstand zusammen und hielt illegale Vorlesungen. Als polnischer Generalkonservator zeichnete er zwischen 1945 und 1957 für den Wiederaufbau der Altstadt verantwortlich. Von 1970 bis zu seinem Tod 1983 leitete er den Wiederaufbau des Schlosses mit. Zachwatowicz war sich bewusst, dass er mit den großflächigen Rekonstruktionen im Gegensatz zur herrschenden Meinung unter seinen internationalen Fachkollegen stand. Bis heute ist die Rekonstruktion zerstörter Baudenkmäler unter Denkmalpflegern umstritten, die meisten lehnen sie ab. Doch dem hielt Zachwatowicz die tragische Situation Warschaus entgegen, das "keine Stadt ohne Vergangenheit" werden dürfe. "Ein fremder Wille kann unsere Kulturgüter nicht auslöschen", betonte er. Doch er schränkte auch ein: Wäre das Königsschloss durch einen Unglücksfall abgebrannt, so stünde man vor anderen Fragen.

Mit seiner Position begründete Zachwatowicz eine eigene polnische Schule der Denkmalpflege. Polnische Restauratoren sind weltweit gefragte Fachleuchte - nicht nur bei Rekonstruktionen. Zachwatowicz trieb den Wiederaufbau mit dem nötigen politischen Gespür für das Mögliche, aber auch mit großer Entschiedenheit und, wo nötig, Einfallsreichtum voran. Wenn es sein musste, setzte er sich auch gegen politische Widerstände auf Seiten der sozialistischen Machthaber durch. Die Ausstellung im Polnischen Kulturinstitut macht insbesondere auch mit Jan Zachwatowicz und seinem Lebenswerk vertraut. Zu den drei Kuratoren gehört Krystyna Zachwatowicz-Wajda, Tochter des Denkmalpflegers und Ehefrau des Filmregisseurs Andrzej Wajda.

Angesichts der Berliner Rekonstruktionsdiskussionen besitzt die Ausstellung besonderen Zündstoff. Kann Berlin von Warschau lernen? Eine Frage, die sowohl Andrzej Rottermund, Direktor des Königsschlosses in Warschau, als auch der Vizepräsident Warschaus, Wojciech Kozak, bei einer von Tagesspiegel-Redakteur Bernhard Schulz geleiteten Podiumsdiskussion zum Thema "Darf man Schlösser wieder aufbauen?" uneingeschränkt bejahten. Ihre Haltung fügt sich in die ungebrochene polnische Rekonstruktionsleidenschaft ein. So sollen in Warschau das Sächsische und das Brühlsche Palais nach alten Vorbildern wiedererstehen. Nachdenklicher zeigte sich dagegen Senatsbaudirektor Hans Stimmann. Zu unterschiedlich seien die Zerstörungsgeschichten der Schlösser in Warschau und Berlin, als dass man an der Spree unmittelbar davon lernen könne. In Berlin sei ein breiter gesellschaftlicher Konsens unverzichtbar, ehe man über einen Wiederaufbau des Schlosses entscheiden sollte. Im Publikum jedenfalls brandeten die Emotionen bei der Diskussion schnell hoch. Die Schlossfrage scheint nach wie vor die Gretchenfrage beim Zusammenwachsen der beiden Stadthälften zu sein.

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