• Wie Prinz Heinrich von Preußen im Schatten des großen Königs die alte Zeit genoss und von der neuen kaum Notiz genommen hat

Kultur : Wie Prinz Heinrich von Preußen im Schatten des großen Königs die alte Zeit genoss und von der neuen kaum Notiz genommen hat

Wolf Jobst Siedler

Die Geschichte ist ungerecht, sie spricht immer nur von den Erstgeborenen. Hatte keiner der fünfzehn Ludwigs einen bemerkenswerten Bruder, bis man den sechzehnten köpfte? Friedrich Wilhelm I., der "Soldatenkönig", hatte zehn Kinder, aber von allen Söhnen und Töchtern ist nur Friedrich II. in die Geschichte eingegangen. Alle anderen sind dem großen Vergessen anheim gefallen. Hatten die Brüder Friedrichs des Großen wirklich so wenig Eigengewicht, dass man kaum ihren Namen erinnert - August Wilhelm, der Unglücksrabe, der wegen seines Unglücks in der Schlacht in Ungnade fiel und aus "gebrochenem Herzen" starb? Dann Prinz Heinrich, dem Friedrich nach dem Krieg sein geliebtes Rheinsberg überschrieb, und August Ferdinand, der hoch in seinen Achtzigern noch die Napoleonischen Kriege miterlebte. Sie alle waren, geht man ihren Spuren nach, bemerkenswerte Prinzen.

Dem Prinzen Heinrich, der den Aufstieg Bonapartes zum Ersten Konsul genau beobachtete und dessen Selbstkrönung zum "Kaiser der Franzosen" nur um ein Jahr verpasste, ist jetzt zum ersten Mal detaillierte Aufmerksamkeit zuteil geworden. Die Berliner Privatgelehrte Eva Ziebura hat viele Jahre an die Erforschung seines, auch des noch nicht veröffentlichten Nachlasses gewendet und alle öffentlichen und familiengeschichtlichen Archive durchmustert. Das befähigte sie, ein wirklich auf den Quellen beruhendes Portrait eines Mannes zu geben, der übrigens mit seinem königlichen Bruder die Neigung für das eigene Geschlecht teilte, weshalb sich Friedrich und Heinrich in ihrer Jugend gelegentlich über attraktive Offiziere in ihrer Entourage ins Gehege kamen.

Der Historiker Chesters Easum hat die These aufgestellt, Heinrich, dem sein königlicher Bruder nicht selten entscheidende militärische Operationen anvertraute, sei als Feldherr ein originellerer, modernerer Kopf gewesen als Friedrich II. . Durch bloße Bewegungen mit seinen Truppen habe er mitunter denselben Effekt gemacht wie Friedrich mit seinen dauernden Schlachten. Prinz Heinrich scheint es auf das Resultat angekommen zu sein; wenn er durch einen Gewaltmarsch den Gegner zum Verlassen einer Stellung zwingen konnte, verzichtete er auf das blutige Kriegstheater. Sein Bruder war immer auf den Knalleffekt aus, suchte Entscheidungsschlachten, wo sie nichts brachten. Mitunter gingen sie wie in Rossbach oder Leuthen gut aus, zuweilen brachten sie vernichtende Niederlagen wie Hochkirch oder Kolin, die überflüssig gewesen waren. Am Ende eroberten Russen und Österreicher gemeinsam Berlin und plünderten tagelang die Residenzstadt. Aber der König hatte durchgehalten, gegen drei mächtige Gegner wie Österreich, Russland und Frankreich. Nun war er endgültig für alle Welt "der Große". Prinz Heinrich zog sich nach Rheinsberg zurück, gab sich dem Ausbau seines Schlosses, seiner Parkanlagen, seinen Gartenarchitekturen und -skulpturen hin. Er wurde wieder der geistreiche Prinz, der er vor dem Krieg gewesen war, mit Menuetten, Sarabanden, Theateraufführungen beschäftigt, wie sie das 18. Jahrhundert liebte. Heinrich schaffte es, mit seinem königlichen Bruder auf leidlichem Fuße zu stehen, sah ihn in Berlin oder Potsdam immer wieder. Aber er scheint froh gewesen zu sein, wenn er dem unleidlichen König nicht allzu nahe sein musste.

Immer wieder betraute ihn Friedrich mit politischen und diplomatischen Missionen. Heinrich war Gast der Zarin, er scheint alle Welt in St. Petersburg mit seinem Charme bezwungen zu haben. Mit den Jahren näherte sich Heinrich auch äußerlich seinem Bruder immer mehr an. Der Band gibt vier Portraits Heinrichs von 1745, 1765, 1770 und 1785, man könnte manche von ihnen für Bildnisse Friedrichs des Großen halten.

Aber Heinrich blieb eben der Bruder. In der Schlacht wie in der Politik war er nur Gehilfe. Es kann für einen selbstständigen Kopf wie ihn nicht leicht gewesen sein, immer nur Lob und Tadel hinnehmen zu müssen. Wenn er Rheinsberg verlassen wollte, musste er seinen Bruder um Erlaubnis bitten, den Boden Preußens durfte er nur in Ausnahmefällen verlassen. Sein geliebtes Paris - denn er war auch darin ganz friderizianisch, dass ihm französische Schriftsteller, Bildhauer und Musiker über alles gingen - konnte er nur in hohem Alter besuchen, wo er als der Bruder des Großen Friedrich voller Neugierde von Salon zu Salon gereicht wurde.

Beide Söhne des herrischen "Soldatenkönigs" sind ganz 18. Jahrhundert, in ihrer Kriegführung, in ihren philosophischen Neigungen, ihrem künstlerischen Geschmack. Dabei leben sie weit in die neue Welt hinein, in ihrer Zeit tritt schon Rousseau an die Stelle Voltaires, und Lessing, Goethe und Schiller schreiben schon ihre epochemachenden ersten Stücke. Aber die Brüder nehmen davon kaum Notiz. Beide lesen die neuesten Schriften aus Paris, aber dass zu ihrer Lebzeit Kants "Kritik der reinen Vernunft" das Denken umstürzt, bemerken sie nicht. In dem König - und eben auch in seinem Bruder - begegnet das 18. Jahrhundert auf seinem höchsten Niveau dem neuen Jahrhundert, das noch zu ihrer Lebenszeit in der Gestalt des korsischen Welteroberers Europa umstürzen wird. Wenn man heute das Rokoko-Schloss Rheinsberg besucht, wo Heinrich bis zu seinem Tode am 3. 8. 1802 lebte, will man gar nicht glauben, dass das Brandenburger Tor von Langhans ein Jahrzehnt zuvor gebaut worden ist. In ihm erlebte ein neuer Geist und ein neues Empfinden in Deutschland seinen ersten Durchbruch. Solchen Überlegungen geht Eva Ziebura wenig nach, aber sie tat wahrscheinlich gut daran. Das gab ihr die Möglichkeit, Prinz Heinrich von Preußen Gerechtigkeit in seiner eigenen Welt widerfahren zu lassen, allen Spuren seines Lebens mit einer Aufmerksamkeit nachzugehen, die nur jene Leser ermüden werden, die nicht bereit sind, einem Lebe in seinen feinsten Verästelungen zu folgen.Eva Ziebura: Prinz Heinrich von Preußen. Stapp Verlag, Berlin 1999. 496 S. , 48 DM.

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