Kultur : Wie schön, dass wir uns nicht verstehen

Matti Braun meldet sich aus dem Theater zurück - mit der Ausstellung „Lota“ bei Esther Schipper

Daniel Völzke

Nur zwei Beispiele: In Hamburg baut Gregor Schneider endlich seinen kaabagleichen Kubus auf, zur Documenta fliegt der chinesische Künstler Ai Weiwei 1001 Landsleute ein, die sich durch Kassel bewegen sollen. Das Verirrte, das Erratische, ausgeschnitten und eingefügt, hat in der Gegenwartskunst Konjunktur.

Für den in Köln lebenden Künstler Matti Braun stellen kulturelle Missverständnisse seit je die Grundlage seiner Arbeit dar. Mit seinen Ausstellungen bezieht er sich auf wahre Geschichten, in denen Menschen und Dinge sich aus der gewohnten Umgebung lösen, und auf Bedeutungstransfers, die so entstehen.

Nachdem Braun sich im vergangenen Jahr auf Theaterarbeit konzentriert hat, meldet er sich nun mit der Ausstellung „Lota“ in der Galerie Esther Schipper zurück. „Lota“ nennen die Inder ihren Wassertopf und, davon abgeleitet, auch Menschen, die – wie der Topf beim Rollen – ständig die Seiten wechseln.

Vom künstlerischen Seitenwechsel Brauns erfährt man durch eine sechsteilige Fotoserie, die das von ihm eingerichtete Bühnenbild seines Theaterstücks „The Alien“ zeigt (Ed. 6, 3 000 Euro). Das Stück nach einer Filmidee des bengalischen Regisseurs Satyajit Ray erzählt von einem Außerirdischen, der in einem Dorf landet und das Leben dort durcheinander wirbelt. Hinter dieser Handlung schlummert die Geschichte Rays, der sich vergeblich bemühte, das Skript in Hollywood unterzubringen. Spielberg soll davon zu seinem Science-Fiction-Erfolg „E.T.“ inspiriert worden sein.

Solche kleinen, geräuschlosen Clashs der Kulturen begegnet der 1968 in Berlin geborene Künstler mit unspektakulären Clashs der Materialen oder Kunstgattungen. Sein Bühnenbild zeigt schwarz- weiße, geometrische Figuren, die auf den ersten Blick Ordnung versprechen – in denen aber bereits die Unruhe wohnt. Der Außerirdische, der dort landet, wird diese Unruhe nur aktivieren. Im großen Raum der Galerie hängen zwei wandfüllende Stoffbahnen, die an das Bühnenbild erinnern (je 13 000 Euro). Sie sind von Hand mit abstrakten Mustern bemalt und wirken doch wie maschinell bedruckt. Bei näherer Betrachtung entdeckt man Unregelmäßigkeiten. Matti Braun sucht solche Übersetzungsfehler und Spannungen, die bei der Begegnung zweier Ordnungsprinzipien anfallen. Zwischen maschinell und handwerklich, Kunst und Kunsthandwerk. Oder zwischen Fläche und Skulptur: Eine Art Betonfächer nimmt die Zickzackgrafik der Stoffbahnen auf (13 000 Euro). Als Gegenentwurf zum Eckigen warten im Nachbarraum mundgeblasene Glaskugeln in tiefen, dunklen Farben, wie auf einem anderen Planeten gepflückt (800-1200 Euro).

So recht zündet dieses Arrangement allerdings nicht. Trotz formaler Verwandtschaften erschließt sich die Verbindung der Exponate untereinander nicht so ganz. Andererseits sind sie nicht referenzarm genug, um erratisch zu leuchten. Vielleicht hat Matti Braun diese Irritation beabsichtig: Der Besucher rollt zwischen den Ausstellungsstücken etwas hilflos hin und her – wie ein indischer Wasserkessel.

Galerie Esther Schipper, Linienstraße 58, bis 21. April; Di. bis Sbd. 11-18 Uhr.

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