Kultur : Wie schön wäre Rom ohne Römer

Deutschlands intellektuelle Linke und ihre Reaktionen auf Saddams Sturz und Enzensbergers „Nachschrift zum Irak-Krieg“

Hellmuth Karasek

Am 9. April um 16.48 Uhr stürzte in Bagdad das große Standbild Saddam Husseins vom Sockel; mit einem Seil wurde die düstere Diktatorenfigur von einem amerikanischen Kranpanzerfahrzeug in die Schräglage gekippt, bis sie, unter dem Jubel einer kleinen Menge in den Staub der Straße fiel. Die Beine, zwei ausgerissene hohle Röhren, blieben als absurde Reste einer gestürzten Gewaltherrschaft stehen, auf dem Kopf trampelten die Befreiten mit der Wut der Erlösung herum.

Das Bild, besser diese Bildersequenz ging um die Welt, zeitgleich mit dem historischen Augenblick, das im selben Moment Ereignis und Symbol des Ereignisses wurde. Dabei war wichtig, was die Bilder zeigten und was sie nicht zeigten. Zu sehen war zuerst, wie junge Männer in ohnmächtiger Wut mit Vorschlaghämmern den Sockel zu zertrümmern suchten. Zu sehen war, dass da keine Angst war, sie könnten dabei aus dem Hinterhalt von Regime-Verteidigern oder (den vielen aufgerufenen) Selbstmordattentätern bedroht werden. Zu sehen war, wie amerikanische Marine-Infanteristen mit ihrem Kettenfahrzeug zu Hilfe kamen, zu Hilfe gerufen wurden. Auch bei ihnen war keine Furcht zu sehen, als sie auf der Leiter völlig ausgesetzt, mitten im Herzen der Stadt, die Schlinge um die Statue legten. Das heißt: Niemand der Beteiligten glaubte in diesen Augenblicken, dass sich für das stürzende Regime auch nur ein mörderischer Finger rühren würde.

Für einen Augenblick war er zu sehen, der Moment der Freiheit. Und die Bilder der folgenden Tage bestätigten, noch mitten in der gruseligsten Anarchie der Plünderungen und Kulturzerstörungen, dass zwischen Befreiten und Befreiern eines nicht mehr herrschte: eine Angst, die aggressiv macht.

Inzwischen sieht man riesige Züge von Schiiten (es soll sich um Millionen handeln) nach Najaf wallfahren, was ihnen Saddam jahrzehntelang aus Angst vor den Massen verboten hatte; niemand hat hier mehr Angst, es könnte daraus ein Kampf aufflammen. Wir sehen in Tikrit, wie die Elitetruppen des Tyrannen nicht einmal ihre Kampffahrzeuge besetzt haben, zu Hunderten stehen intakte Tanks herum, und die hereinrückenden Amerikaner haben nicht die geringste Furcht, die Tanks und Kanonen könnten noch einmal gegen sie gerichtet werden; sie bleiben unzerstört.

In Bagdad patroullieren Amerikaner inzwischen gemeinsam mit irakischen Polizisten, die gestern noch ihre erklärten Todfeinde waren. In Basra, wo die Schulen wieder geöffnet sind, bewegen sich britische Soldaten in der Menge wie – um eine Metapher aus Guerilla-Zeiten zu benutzen – Fische im Wasser. Kein Zweifel: Die Besatzer werden größtenteils als Befreier empfunden. Noch! Und wenn sie mit dem nötigen Geschick, der nötigen Vorsicht und Rücksicht handeln, könnte das auch so bleiben.

Der Sturz Saddams vom Sockel, hat eine Erkenntnis gezeitigt: Der Krieg, mag er sich bisher nur schwer rechtfertigen lassen, jedenfalls für die Gegner des alliierten Vorgehens, erwies sich als Befreiungskrieg. Das hat im Tagesspiegel Christoph von Marschall in seinem Leitartikel am 10. April formuliert, und ein so engagierter Gegner der amerikanischen Invasion wie Hans-Ulrich Jörges hat im „Stern“ geschrieben: „Seither“ (nämlich dem Denkmalsturz voll „euphorisierender Symbolik“) „hat der Krieg ein zweites Gesicht: neben dem völkerrechtswidrigen Angriff auch das geglückter Befreiung.“

Selbst Jürgen Habermas, der den Amerikanern nach wie vor Rechtsbruch vorwirft, konzediert in der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 17. April: „Ein illegaler Krieg bleibt ein völkerrechtswidriger Akt, auch wenn er zu Erfolgen führt, die normativ erwünscht sind...können gute Konsequenzen nicht doch eine nachträglich legitimierende Kraft entfalten? Die Massengräber, die unterirdischen Verliese und die Berichte der Gefolterten lassen über die kriminelle Natur des Regimes keinen Zweifel; und die Befreiung einer gequälten Bevölkerung von einem barbarischen Regime ist . . . das höchste unter den politisch erstrebten Gütern. Insofern fällen auch die Iraker, ob sie nun jubeln, plündern, apathisch verharren oder gegen die Besatzer demonstrieren, ein Urteil über die moralische Natur des Krieges.“ (Dass Habermas doch die Meinung vertritt, dieser Krieg sei gerecht, aber dennoch nicht gerechtfertigt, sei hier nicht verschwiegen.)

Die Liste der Tyrannen

Diesem Gefühl gerechter und berechtigter Freude über den Sturz einer der schrecklichsten Diktaturen unserer Zeit hat Hans Magnus Enzensberger in einer „Nachschrift zum Irak-Krieg“ mit dem ganzen Gewicht seiner Geschichtskenntnis (er schrieb luzide Aufsätze zum Umbruch in Europa von Polen bis Portugal und analysierte frühzeitig das Wesen von Saddams Herrschaft, während des Golfkriegs) und seiner moralischen Autorität: „Eine der wenigen tiefen Freuden, welche die Geschichte bereithält, ist das Ende eines Gewaltherrschers,“ schreibt er in der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 15. April. „Der Sturz seiner Statuen, die Zerstörung seiner Bilder symbolisiert diesen Moment. Hitler, Stalin, Franco, Pinochet, Ceausescu, Mobutu, Milosevic, Saddam – die Liste nimmt kein Ende. Absehbar ist das Ende von Castro, Mugabe, Kim Jong II und einem Dutzend anderer; jeder Tag, an dem sie weiter herrschen, kostet Menschenleben.“

Dass Castro in dieser Liste steht, zeigt Enzensbergers nüchterne Unbestechlichkeit. Castro hat in jüngster Zeit Todesurteile gegen Menschen, die sich gewaltsam aus seiner Herrschaft entfernen wollten, vollstreckt und er hat Regime-Kritiker und Schriftsteller mit grausamen Haftstrafen von mehr als 20 Jahren belegt. In all der Resolutionsempörung gegen Bush habe ich keinen deutschen Dichterkollegen sich öffentlich für sie einsetzen hören.

Enzensberger für die Befreiung der Iraker von Saddam? Durch Bush? Das hat ihm nicht etwa die reuige Einsicht seiner wie wild gewordenen Kollegen Günter Grass oder Martin Walser gebracht. Der eine, wir erinnern uns, polterte erst kürzlich, dass Bush mörderischer sei als Bin Laden. Der andere, unser großer Moralkeulenschwinger Walser, zweifelte an all seinen amerikanischen Kollegen, weil sie dem „zweitklassigen Cowboy“ Bush nicht in den Arm fielen.

Im Gegenteil. Die einen warfen Enzensberger vor, dass er „erst jetzt“ spreche, bis dato aber geschwiegen hätte. Dass der Krieg erst mit dem Sturz Saddams zu vertreten war, mit der Macht der Bilder vom 9. April, das gibt Enzensberger auch im langen Schweigen Recht. Hatte er nicht im ersten Golfkrieg Saddams Diktatur unter dem Wutgeschrei seiner Kollegen angeprangert und dann erleben müssen, wie die Amerikaner damals den notwendigen letzten Schritt unterließen?

Jetzt haben zwei Kollegen mit Enzensberger abzurechnen versucht. Heribert Prantl fiel in der „Süddeutschen“ nichts anderes ein als ein biologisches Argument: „In der FAZ meldet sich ein großer deutscher Dichter zu Wort, der sich im Alter zu einem Jünger verwandelt hat, um aus dem Schaukelstuhl heraus die Schwertmission der Briten und Amerikaner zu akklamieren.“ Im übrigen vergleicht Prantl Bush mit den ollen Römern, die Karthago dem Erdboden gleich gemacht hätten. Soll mich dieser schiefe Vergleich warnen? Oder sollte ich mir post festum wünschen, die Karthager hätten die Römer im Kampf um die (Mittelmeer)-Weltherrschaft besiegt? Und es gäbe weder Rom noch Latein, kein römisches Recht, also auch keinen Prantl? Die Vorstellung schreckt mich dennoch nicht.

Die Lehre von Kosovo

Was mich schreckt und verstört, ist vielmehr die Gefühlskälte und Gleichgültigkeit gegenüber jedem Opfer, dessen Tod man weder Bush noch Blair schuldhaft zuschieben kann. Man müsste dann die Frage reflektieren, ob Krieg nicht denkbar ist, um größeres Leid abzuwenden und künftigen Kriegen vorzubeugen. Diese schiere Verzweiflung über die gutmenschlichen Pazifisten und ihr ÜberLeichen-Gehen hat mich schon nach dem Afghanistan-Krieg erfasst. Keine Freude darüber, dass Frauen wieder in Krankenhäuser durften und Schulen. Nicht einmal bei den Feministinnen. Noch im Bundestagsstreit über die UN und den Irak hatte ein so unverdächtiger Zeuge wie Verteidigungsminister Struck angeführt, wie glücklich und befreit er die Menschen bei seinem Besuch in Kabul erlebt habe – er merkte in seiner Freude gar nicht, wie sehr er damit für die Irak-Invasion warb.

Dass es jetzt genau so gekommen ist oder zumindest kommen kann wie in Deutschland, Japan, Italien, Südkorea – Länder, die von den Engländern und Amerikanern befreit oder gegen Diktaturen geschützt wurden –, das nehmen diejenigen, die vor jedem Konflikt mindestens den Weltuntergang vorausgesagt haben, der Wirklichkeit und auch den befreiten Irakern übel.

Gregor Dotzauer etwa schreibt im „Tagesspiegel“, nachdem er Enzensberger Aufsatz ein „Pamphlet aus Gratispolemik, Allgemeinplätzen und Halbwahrheiten mit rechtspopulistischem Einschlag“ nennt: „Für ein letztes Wort, was die politischen Gewinne und Verluste angeht, ist es ohnehin zu früh.“ Da ist er wieder, jener deutsche Unkenglaube, der während des ganzen kurzen Krieges den Amerikanern ein zweites Vietnam an den Hals prophezeien wollte und daher in den grotesken Unheilpanoramen Peter SchollLatours mit düsterer Genugtuung ihren Seelenwetterbericht entgegennahm – bis er, wie die Verlautbarungen des irakischen Informationsministers, nicht mehr zu halten war.

Eine Behauptung allerdings hat mich sehr befremdet: Es würden sich mehr alte und neue Europäer darüber den Kopf zerbrechen, ob der Krieg die einzige Möglichkeit war, das Regime Slobodan Milosevic zu stürzen („das besorgte letztendlich ein Volksaufstand“). Ist etwa schon vergessen, dass die Nato Milosevics wilder Soldateska kriegerisch in den Arm fiel, als dieser sich anschickte, einen Genozid an den Kosovo-Albanern zu veranstalten?

Die Bomben auf Belgrad waren Notwehr, und selbst wenn „politische Gewinne und Verluste“ noch nicht abschließend berechnen können – auch der Irak–Krieg war ein verzweifelter Versuch, einen Völkermord zu verhindern. Eine Nachfrage beim deutschen Außenminister würde den Friedenskrämerseelen auf die rechnerischen Sprünge helfen. Zumindest in diesem Fall. Es gelte, sagte Fischer damals, ein zweites Auschwitz zu verhindern. Schon vergessen?

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