Wie Schriftsteller ihre Romanhelden taufen : Dein Name sei ...

Sie lassen sich von Spammail-Absendern, Adelsbüchern oder Grabinschriften inspirieren: Wir haben Autorinnen und Autoren gefragt, wie sie auf die Namen ihrer Figuren kommen. Hier die Antworten, u.a. von Angelika Klüssendorf, Judith Kuckart, Hans Pleschinski, Franzobel und Wolf Haas.

Namensschilder.
Namensschilder.Foto: dpa

Eltern brüten neun Monate lang über dem Namen für ihr Neugeborenes, das dann sein Leben lang damit herumlaufen muss – nicht selten als wandelnde Projektion der Eltern. Schriftsteller stehen ständig vor dieser Aufgabe, müssen Figuren gleich im Dutzend taufen, bei jedem Werk neu. Susanne Kippenberger hat Autorinnen und Autoren gefragt, was diese Herausforderung für sie bedeutet: Last oder Lust? (Nach dem Tempo, der Ausführlichkeit und Originalität der Antworten zu urteilen, eindeutig Lust.)

Die Fragen:
Was ist zuerst da, Name oder Figur?
Wechseln Sie Namen schon mal während des Schreibens?
Wo finden Sie Anregungen?
Mögen Sie sprechende Namen?
Haben Sie Taufen schon bereut?
Für welche Erfindungen bewundern Sie die Konkurrenz?

Die Antworten:
von Franzobel, Kerstin Preiwuss, Heinrich Steinfest, Angelika Klüssendorf, Daniel Glattauer, Ulf Erdmann Ziegler, Olga Grjasnowa, Jan Costin Wagner, Judith Kuckart, Thomas Melle, Hans Pleschinski, Marion Brasch, Wolf Haas, Kristof Magnusson und Nele Neuhaus.


Franznobel

Franzobel 2007 auf der Frankfurter Buchmesse
Franzobel 2007 auf der Frankfurter BuchmesseFoto: dpa

Mir macht das Spaß, Namen zu vergeben. Ständig entdecke ich welche, die ich auf Vorrat notiere. Viele kommen von Friedhöfen oder Todesanzeigen, aber auch Telefonbücher, Facebook oder Fußball sind nützliche Quellen. Außerdem Adelsbücher, Aufschriften auf Lieferwägen, Gegensprechanlagen, Sportübertragungen, Zeitungen, usw. Aber die Figur ist immer als Erstes da, entweder, weil ich über Personen des realen Lebens schreiben will oder weil ich sie für den Plot brauche. Meist ist die Geschichte sogar schon halbfertig, bis ich die richtigen Namen finde.

Bei meinem Krimi-Erstling „Wiener Wunder“ heißt der Kommissar Falt Groschen, manche Kritiker finden das blöd, ich aber halte es für richtig. Seine Inspektoren heißen jetzt Gordon Zwilling und Martin Zakravsky – ursprünglich waren ihre Namen Martin Heller und Gordon Schilling, was mir der Lektor aber ausgeredet hat. Ansonsten kommt es kaum vor, dass der Verlag in die Namensgebung eingreift. Allerdings wechsele ich selbst während des Schreibens öfter die Namen, weil eine Figur erst allmählich Konturen bekommt und die Stütze des Namens dann oft nicht mehr braucht. Wichtig ist auch, dass die Namen innerhalb eines Buches nicht zu ähnlich sind.

Mit manchen Figuren habe ich mich während des Schreibens schon mal an dem einen oder anderen Kritiker gerächt. Bis die Texte aber erscheinen, ist auch der Zorn verflogen und lächerlich geworden, so dass die Namen dann immer wieder rechtzeitig geändert worden sind. Ich würde es nicht ausschließen, eine Figur nach mir zu benennen. Franzobel ist ja ein schwer zu fassender Name, der zwar den Zobel, den Opel und vielleicht auch den Zumtobel enthält, aber trotzdem sind die Assoziationen nicht so klar, weshalb er mir auch immer noch gut gefällt. Mein bürgerlicher Name lautet Stefan Griebl, ein Name, den ich nie besonders mochte, weil er im Oberösterreichischen Grühwe ausgesprochen wird, was zwar fast französisch klingt, aber trotzdem nicht schön ist.

Wie fremd ein Name sein darf? Mir ist vor allem der Klang wichtig, wenn man ihn dreimal gelesen hat, ist er einem ohnehin nicht mehr fremd. Was ich nicht mag sind diese Allerweltsnamen, Peter Müller oder Ilse Schneider. Die können natürlich auch vorkommen, aber einprägsamer sind schon die Wassertrüdingers oder Wuthenaus.

Sprechende Namen gefallen mir sehr. Im „Wiener Wunder“ gibt es einen Journalisten namens Walter Maria Schmierer, was übrigens zurückgeht auf den Vater eines Bekannten, der tatsächlich so hieß und Journalist war. Er hat sich dann den Namen ändern lassen. Andere Namen sind Hanns Hallux, Answer Döblinger oder Xaver Einbrot. Ja doch, ich habe eine Vorliebe für kräftige, einprägsame Namen, die man sich auch merkt.

Ich mag alle Namen bei Charles Dickens. Furchtbar finde ich die bei Martin Walser, aber da fehlt mir vielleicht das Bodenseegemüt.

Von Franzobel erschien zuletzt der Kriminalroman „Wiener Wunder“ (Zsolnay)

Kerstin Preiwuss

Kerstin Preiwuß 2014 beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
Kerstin Preiwuß 2014 beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-WettbewerbFoto: dpa

Ich komme von der Lyrik und bin an Namenlosigkeit gewöhnt. Für kürzere Prosatexte reichten Personalpronomen. Mein Bedürfnis nach Namen musste sich erst entwickeln, genau so wie mein Gefühl für längeres Erzählen. Meine Personen sollten aber nicht nur Platzhalter für Sprachzustände sein, sondern als sie selbst erkennbar werden.

Für das Erzählen sind Namen unerlässlich. Es kann qualvoll sein, wenn er noch nicht stimmt, weil dann die Figur auch nur schemenhaft erscheint, und ungemein beglückend, wenn Name und Figur von Anfang an eine Einheit abgeben. Der Taufakt ist aber auch abhängig von der Art des Erzählens. Es gibt Erzählweisen, die brauchen wenige oder gar keine Namen. Und es gibt Texte, die über ein ganzes Ensemble verfügen.

Früher war als Erstes eher die Figur da bzw. die Atmosphäre, in der sie lebt, ihre Sprache, die sie umgibt und die sie ein und ausatmet. Ich denke aber über Neues nach und da ist es so, dass sich mir jemand direkt namentlich vorgestellt und gleich noch ein paar Freunde mitgebracht hat, auch alle schon benannt, sogar mit Vor- und Nachnamen. Die waren einfach da und ich freue mich sehr darauf, sie schreibend näher kennen zu lernen.

Es kommt vor, dass ich einen Namen ändere, wenn ich das Gefühl habe, dass er noch nicht stimmt, aber erst einmal stehen bleiben muss, damit Text entsteht. Leider hakt es dann auch bei der Figur bzw. rücke ich ihr noch nicht richtig nahe, so dass die Namensuche den Schreibprozess wesentlich beeinflusst.

Anregungen finde ich zum Beispiel im Klang. Für meinen Roman brauchte ich einsilbige Männernamen. Und die weibliche Hauptfigur durfte keinen sanften, melodiösen Namen tragen, der womöglich noch auf –a endete, also nicht Maria oder Sophia, auch nicht Larissa oder Nele und erst recht nichts Außergewöhnliches. Eher etwas herb und anachronistisch gegenüber der heutigen Zeit. Die Namen müssen ja auch zu der Zeit passen, in die ihre Träger geboren wurden.

Im Internet stößt man auf unglaubliche Vornamenregister: Namen, die in bestimmten Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten populär waren, Namen, die in der DDR populär waren, Namen, die heute populär sind. Es gibt einige sehr gute Homepages über beliebte Vornamen. Dabei fällt auf, dass sich die Namen heute wieder denen von vor hundert Jahren annähern. Ansonsten halfen Listen von Schulklassen aus der DDR.

Von Kerstin Preiwuss erschien zuletzt der Roman „Restwärme" (Berlin Verlag).

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