Kultur : Wie sieht die Buchhandlung der Zukunft aus, Herr Schormann?

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Herr Schormann, in Berlin haben letztes Jahr 30 Buchläden dichtgemacht, dieses Jahr elf. Woher nehmen Sie die Zuversicht für Ihre Arbeit?

Es ist auf jeden Fall keine Krise des Lesens und auch nicht des Buches an sich. Richtig ist, dass der Käufer eine gewisse Zurückhaltung an den Tag legt, Geld auszugeben. Man kann schon fast von einer Kaufkraftverweigerung sprechen, das Buch ist da leider mit in die konjunkturelle Lage eingebunden.

Hat es Berlin besonders schwer erwischt?

Sicher hat Berlin nach der Wende eine Reihe von Stadtteilbuchhandlungen verloren, die vorher gut positioniert waren. Buchhandlungen sind nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus Altersgründen geschlossen worden. Dazu kommt, dass 30000 Quadratmeter neue Buchhandelsfläche in Berlin nicht ohne Folgen bleiben. Und was die allseits geschätzte Buchhandlung Kiepert betrifft: Natürlich ist das für die gesamte Branche kein gutes Signal, wenn der bisherige Marktführer in Schwierigkeiten gerät. Ich bin aber überzeugt, dass die Insolvenzverwaltung es schafft, wenigstens das Haupthaus wieder in Gang zu bringen. Es hat sich immer wieder gezeigt: Wenn Buchhandlungen dieser Größenordnung schließen, kommt der Umsatz nicht den anderen zugute, er verschwindet.

Dabei wurden im vergangenen Jahr so viele Bücher produziert wie noch nie. Gleichzeitig sind aber die Buchverkäufe um 0,1 Prozent gesunken, in den ersten fünf Monaten dieses Jahres sogar um 2,1 Prozent. Was ist geschehen?

Wenn wir es früher mit schwierigen Situationen zu tun hatten, dann betraf das in der Regel strukturschwache Unternehmen. Das ist diesmal anders. Es sind alle betroffen, vor allem die großen in Einkaufszentren, in den Malls, also da, wo normalerweise Kaufkraft zu finden ist. Doch es gibt ein paar Hoffnungsschimmer. In Amerika ist das Tal der Tränen bereits erreicht.

Und bei uns?

Schlechter als nach dem 11. September kann es nicht werden, und nach der Wahl am 22. September wird es Signale geben. Ich denke aber, dass wir ein Minus zwischen zwei und drei Prozent in diesem Jahr mitnehmen müssen. Die Verlage haben im letzten Jahr 90000 Neuerscheinungen produziert: Da kann man sich an fünf Fingern abzählen, dass nicht alles verkauft wird. Man braucht natürlich Lokomotiven, Martin Walser ist eine solche Lokomotive. Oder Harry Potter 5.

Beides sind Medienphänomene.

Natürlich. Die Bücherwelt wird immer stärker medienbestimmt. Sie braucht Drive, und dieser Drive muss hergestellt werden. Wir müssen Marketingqualitäten entwickeln. Ich denke, dass die Verlage sich viel stärker in Kooperationen im so genannten Local Marketing, in Buchhandlungen, mit Dienstleistern zusammentun müssen. Das gleiche gilt übrigens auch für die Händler. Wenn der Schuhhändler genauso klagt wie der Möbelhändler, dann können wir uns doch mal gemeinsam Gedanken machen.

Sind in den letzten Jahren zu viele neue Buchhandlungen entstanden?

Buchhandlungen kann es in meinen Augen eigentlich nicht genug geben. Da kann jeder seinen Markt finden. Ich muss nur überlegen, was mit meinem Standort ist. Wichtig ist dabei, dass er zu einer Marke wird. Er muss ein unverwechselbares Profil haben. Viele nennen das dann Erlebnisbuchhandel.

Ist das Internet keine Bedrohung?

Im Gegenteil. Die Ferber’sche Universitäts- Buchhandlung ist eine der wenigen, die einen Book-on-Demand-Verlag unterhält. Das bedeutet ein Stück Demokratisierung. Wenn eine Großmutter mit 65 Jahren ihren Kindern die Rezepte ihres Lebens schenken möchte, der kann ich dieses Buch herstellen. Beim Internethandel zeigt sich, wie gut der Buchhandel sich eigentlich entwickelt hat. Über 2000 Buchhandlungen haben einen eigenen Web-Anschluss oder sind verlinkt. Das heißt, sie machen mit dem Internet Geschäfte.

Hoher Aufwand, geringes Geschäft?

Ja. Drei Prozent vom Gesamtumsatz des Buchhandels sind kein Megaumsatz, aber in totalen Zahlen sind das immerhin 300 Millionen Euro. Das Internet wird eines Tages auch bei mir in der Buchhandlung eine andere Rolle spielen als jetzt. Ich gehe davon aus, dass wir irgendwann Text-Automaten haben werden, aus der Sie sich etwa einen Gesetzestext selbst herausholen können.

Ist Thomas Middelhoff als Chef von Random House gescheitert, weil er seiner Zeit zu weit voraus war?

Seine Idee, alle Inhalte eines Konzerns miteinander so zu verknüpfen, dass sie in jede Wertschöpfungskette hineinpassen, ist genial. Aber diese Idee braucht Geld, viel Geld. Durch einen Börsengang oder den Verkauf von Firmen. Diesen Börsengang konnte er nicht durchsetzen. Eines zeigt sein Ausscheiden aber auch: Das Kerngeschäft, also Druck, Vertrieb, Bücher, kann durch Internetgeschäfte nicht ersetzt werden.

Wie werden Buchhandlungen in Deutschland in zehn Jahren aussehen?

Ich könnte mir vorstellen, dass die Buchhandlung noch stärker zum Medienhaus, zum Wohlfühlraum wird und die Kaffeebar eine Selbstverständlichkeit. Aber die macht noch nicht die Zukunft aus. Ein Vorbild für mich ist das Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin.

Die Ära Schormann steht im Zeichen eines radikalen Reformkurses: Der Börsenverein gliedert seine Wirtschaftsunternehmen in eine Holding aus, deren Ziel es ist, Gewinne zu machen. Der Börsenverein selbst wird zu einem Gesamtverein umgebaut. Warum?

Wir haben durch den Kampf um die Buchpreisbindung viele Millionen an Mitgliedsbeiträgen aufwenden müssen. Deshalb hat mein Vorgängervorstand eine Beratungsfirma beauftragt, um zu sehen, was man verändern kann. Ziel ist es jetzt, dass die drei wesentlichen Wirtschaftsbetriebe, die Messe- und Ausstellungs GmbH, die Buchhändlervereinigung als Verleger für VLB, Buchjournal und Börsenblatt und eine Dienstleistungsfirma 50 Millionen Euro Umsatz machen. Das ist also keine Klitsche, die da entsteht. Die Erträge sollen dann zum Börsenverein zurückfließen.

Das Gespräch führte Sabine Heymann.

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