Kultur : Wie um 1900 über die Folgen des Fortschritts diskutiert wurde

Björn Hofmeister

Um die Jahrhundertwende entwickelte sich in Deutschland angesichts einer beachtlich steigenden industriellen Dynamik eine intensive Debatte über die Folgen des modernen "Fortschritts". Die Zeitkritik weiter Teile des Bildungsbürgertums und anderer Intellektueller zielte unter anderem auf die Folgen der wachsenden sozialen Mobilität und der disziplinierten Unterordnung unter den starren Produktionsrhythmus der Maschine. Diese Tendenzen, so die Diagnose, führten zur Herauslösung des Individuums aus vertrauten sozialen Bindungen. Tatsächlich wurde die Suche nach Sinn und Identität um die Jahrhundertwende zum Dauerthema der Psychologie, und die Medizin beschäftigte sich mit der Nervosität.

Thomas Rohkrämer legt in seiner Publikation nun dar, dass die Kritiker dieser sozialen und kulturellen Entwicklungen nicht nur Pessimisten waren, sondern in vielen Fällen die negativ empfundene Technisierung der Gesellschaft in humanere Zustände umkehren wollten. Vorsichtig wird das Anliegen der vorgestellten Strömungen, zu einer "anderen Moderne" gelangen zu wollen, mit einem Fragezeichen versehen. Die alternativen Lebensentwürfe der Reformbewegungen standen dem "Kulturwert der Technik" nicht einheitlich gegenüber. Allein die Nacktbewegung, der Natur- und Heimatschutz und die bündischen Jugendbewegungen boten streckenweise gänzlich unterschiedliche Auswege aus der "Krise des Geistes" an. Trotzdem lässt sich eine grobe Entwicklungslinie der Debatte hin zur Versöhnung von Technik, Natur und Gesellschaft aufzeigen.Thomas Rohkrämer: Eine andere Moderne? Zivilisationskritik, Natur und Technik in Deutschland 1880 - 1933. Ferdinand Schöningh, Paderborn 1999. 404 Seiten. 98 DM.

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