Kultur : Wie viel Sternlein stehen

Besaß Adam Elsheimer wie Galileo ein Teleskop? Eine Münchner Ausstellung um sein Bild „Flucht nach Ägypten“

Mirko Weber

Wer weder spezialisierter Forscher ist noch Kinder hat, mag an Adam Elsheimers Gemälde „Flucht nach Ägypten“ von 1609 in der Münchner Alten Pinakothek bislang vorbeigegangen sein. Das Bild ist nur 30,6 mal 41,5 Zentimeter groß, zudem ein Nachtstück, bisher hing es wenig prominent im Museum der alten Meister. Kunsthistoriker und Kinder fanden sich davor ein: aufmerksam geworden durch die heilige Familie im Mittelpunkt des Geschehens, womöglich aber auch angezogen vom auf Kupfer gemalten Sternenhimmel.

Mittlerweile sind alle Pünktchen per Computerrasterung gezählt: Über 1200 finden sich am Firmament. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum die „Flucht nach Ägypten“ ein Werk darstellt, „das in allen Theilen zugleich und in einem jeden besonderlich ganz unvergleichlich ist“, wie Joachim von Sandrart 1675 schrieb. Der Kunstschriftsteller war einer von vielen Bewunderern des Werks. Peter Paul Rubens, ohnehin ein Freund des Frankfurters Elsheimer seit dessen römischen Jahren, sah später in seine eigenen gemalten Nächte viel von dem hinein, was bei Elsheimer bereits die Hauptrolle spielt: der volle Mond und der Sternenhimmel. Lichter in der Nacht finden sich bei Elsheimer, von dem gerade mal drei Dutzend Bilder erhalten sind, bereits früher. Als er noch in Venedig studiert, nutzt er die Effekte, die Lagerfeuer, Fackel und der Mond hervorrufen. In München malt er zehn Jahre später an einem „Trojabrand“, dem man schon ein Bild von Jan Brueghel dem Älteren zum selben Thema gegenüberstellen muss, um zu sehen, inwieweit das Vorbild doch noch überlegen ist: Brueghels Szene scheint an Dramatik kaum zu übertreffen zu sein.

Doch setzt Elsheimer mit der „Flucht nach Ägypten“ eigene Maßstäbe. Der Kurator der Münchner Ausstellung, Marcus Dekiert, weist das sehr schön nach, wenn er beobachtet, dass der Blick Elsheimers auf die heilige Familie nicht länger von hoher Warte erfolgt. Im Gegenteil: Weil die Maßstabswechsel eingeebnet sind, entsteht für den Betrachter ein „stufenloser Tiefenzug“, er schaut weit in das Bild hinein. Diese Technik revolutioniert die gesamte Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts, an dessen Anfang Elsheimer steht.

Wichtiger noch: Elsheimer schien der erste zu sein, der die entsprechende Stelle des Matthäusevangeliums beim Wort nahm. Da heißt es nämlich über Joseph: „Und er stand auf und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich bei der Nacht und entwich nach Ägyptenland.“ Nichts anderes ist bei Elsheimer zu sehen. Dass vor allem Rembrandt Elsheimer als Anreger für eigene Nachtstücke empfand, hat mit seiner „Flucht nach Ägypten“ zu tun. Von Rembrandts „Ruhe auf der Flucht“ von 1614 und Rubens’ großformatiger „Entstehung der Milchstraße“ von 1638, einer Leihgabe aus dem Prado, ist das kleine Bild denn auch im Moment umgeben.

Ein zweiter Teil der Ausstellung verweist auf die eigentliche Sensation, die eine eingehende Beschäftigung mit Elsheimer mit sich bringt. Marcus Dekiert erschien die Darstellung der Milchstraße auf dem Bild so authentisch, dass er Astrologen des Münchner Deutschen Museums bat, sich mit dieser naturnahen Darstellung des nächtlichen Himmels zu beschäftigen. Während es entsteht, benutzte Galileo Galilei nachweislich zum ersten Mal ein Teleskop. Hatte Elsheimer auch eines? Die Vermutung ist so abwegig nicht, denn obwohl der dargestellte Himmel keiner „Realsituation“ eines Juniabends von 1609 entspricht, kann Elsheimer ohne ein Teleskop unmöglich etwas über die Einzelsternstruktur der Milchstraße sowie die Kraterbeschaffenheit der Mondoberfläche gewusst haben.

Unmittelbar bildlich umgesetzt hat Elsheimer freilich nicht, was Galileo Galilei damals erforschte. Den großen Reiz von Elsheimers Bild macht aber gerade aus, dass er nicht den Himmel neu vermessen will, sondern ihn gewissermaßen nachkomponiert. Seit Elsheimer die Sterne entdeckt hat, sind sie aus den Nachthimmeln der Kunstgeschichte nicht mehr wegzudenken.

Alte Pinakothek, München, bis 26. Februar. Der bei DuMont erschienene Katalog (226 Seiten) kostet 24,90 €.

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