Wie war die DDR wirklich? : Andrea Hünnigers Suche nach der Vergangenheit

Die 25-jährige Autorin Andrea Hünniger hat ein Buch über ihre Kindheit in der DDR geschrieben. Darin sucht sie nach Antworten, die ihr niemand gibt.

Die DDR ist in aller Ausführlichkeit beschrieben, analysiert und bewertet worden. Der letzte Aktendeckel könnte, 20 Jahre nach ihrem Untergang, geschlossen werden. Und doch regt sich dagegen jetzt aus einer Ecke Widerstand, die bisher relativ still gewesen war. Die jüngste Generation, diejenigen, die zwischen 1975 und 1985 in dem untergehenden Staat geboren wurden, wollen reden: darüber, was diese DDR war und was sie mit ihnen noch zu tun hat. Andrea Hünniger hat mit „Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer“ ein Buch geschrieben, das die Fragen stellt, die viele von jenen umtreiben, die sich die „dritte Generation Ostdeutschland“ nennen: eine autobiografische Erzählung, die versucht, aus Erinnerungsstücken die Geschichte zu konstruieren. Hünniger war fünf Jahre alt, als die Mauer fiel, und das, was sie über die DDR gehört, gelesen und gesehen hat, ergibt keinen Sinn. „Die DDR ist eine Erinnerung von anderen und so weit ich zurückdenken kann, haben uns Eltern und Lehrer und auch der Mann von der Fahrschule und sogar der Bäcker, alle haben von dieser DDR gesprochen, von einer besseren DDR, von einer, wie sie hätte sein können, wie sie aber bestimmt nicht war.“

Wie war sie wirklich, diese DDR? Wie war es, in diesem Land zu leben? Wer waren ihre Eltern damals? Hünniger hat Fragen, aber niemanden, der sie ihr beantwortet. Ihre Eltern, beide Akademiker und zu DDR-Zeiten in der Landwirtschaft tätig, verlieren nach der Wende ihre Arbeit. Der Vater, ein SED-Genosse, erkrankt erst an Hirnhautentzündung und später an Depression. Er findet zwar einen neuen Job, aber zieht sich zurück, nimmt nicht mehr am öffentlichen Leben teil, beginnt zu schweigen. Bei der ersten Wahl im wiedervereinten Deutschland weiß er nicht, wo er sein Kreuz machen soll und sagt, er habe die Einheit nie verlangt. Die Mutter wird umgeschult, hat mit Behörden- und Arbeitsamtsbesuchen zu tun, versucht, das Leben irgendwie zu meistern. Den Fragen ihrer Tochter nach der Vergangenheit weicht sie aus.

Andrea Hünniger erzählt ihre persönliche Geschichte, die nicht den Anspruch erhebt, für eine ganze Generation zu sprechen, es aber oft tut. Es ist die Geschichte eines rasanten Wandels und eines ständigen Vergessenwollens. Von einer Zeit, die sie nicht versteht, da der Mauerfall in ihren Augen zunächst „etwas Wunderbares“ war: „Ich bekam doch ein neues Mountainbike und plötzlich die Aussicht, nach Disneyland zu kommen.“ Ihre Jugend in den 90er Jahren erlebt sie dagegen als eine Zeit „der Trauer und des Schweigens“. Sie wächst in einem freudlosen Plattenbauviertel in Weimar auf, in dem es nach Jauche stinkt, da die Klärgrube inmitten der Siedlung liegt. Die angrenzende Kleingartensiedlung wird von den Anwohnern „das Paradies“ genannt, ein Rückzugsort für die Heranwachsenden, die dort ihre ersten Zigaretten rauchen und den ICE von Berlin nach München vorbeirauschen sehen. Angesichts überforderter Eltern erziehen sich die Jugendlichen in dieser Welt weitgehend selbst.

Was sie daran hindert, das Land, aus dem sie stammt, besser zu verstehen, ist auch die Tatsache, dass es schon bald keine Spuren mehr davon gibt. In Windeseile wird es mit Baggern und Schaufeln weggetragen, das Grau mit frischer Farbe übertüncht. „Das Schweigen unserer Eltern findet also auch im Stadtbild einen Komplizen“, stellt Hünniger beim Blick auf restaurierte ostdeutsche Innenstädte fest. Was bleibt, ist das diffuse Gefühl, dass etwas fehlt: ein Stück Geschichte. Man hat es verschwinden lassen, dieses Land, sang- und klanglos. Und wo es weiterlebt, oder wo versucht wird, es zu rekonstruieren, herrschen Schuldzuweisung, Scham oder Beklemmung. Eine gelungene Aufarbeitung sieht anders aus.

Das Buch ist keine Anklageschrift. „Wir stellen keine Schuldfrage“, sagt Hünniger, und nennt den Vergleich mit den 68ern, deren Eltern über ihre Nazi- Vergangenheit schwiegen wie die eigenen über ihre DDR-Vergangenheit, einen „vulgären Gedanken“. Es ist vielmehr die Suche einer jungen Frau nach einem Teil ihrer Identität, voll trauriger aber auch amüsanter Anekdoten. Sie zeigt, dass auch nach mehr als 20 Jahren über die DDR noch längst nicht alles gesagt ist.

Andrea Hanna Hünniger: Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer. Tropen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2011. 219 Seiten, 17,95 Euro.

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