Wie wir Dinge von Wesen unterscheiden : Außer Kontrolle

Lassen sich Natur und Kultur wirklich klar voneinander trennen? Die Kunstausstellung „Animismus“ im Haus der Kulturen der Welt findet verstörende Antworten.

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Virale Attacke. Candida Höfers Fotografie "Ethnologisches Museum Berlin III 2003".
Virale Attacke. Candida Höfers Fotografie "Ethnologisches Museum Berlin III 2003".Foto: Candida Höfer, Köln, VG Bild-Kunst, Bonn 2002

Ein Elefant mit Zigarette würde die Gerichte auch heute beschäftigen. Allerdings aus Tierschutzgründen und nicht, wie 1964, mit Blick auf das Urheberrecht. Damals ließ die Dompteurin Monika Holzmüller juristisch klären, ob ihrem Zirkustier die eigene Performance – Rauchen und Rechnen per Kopfnicken – gehört. Holzmüller ging es wohl mehr um die Tantiemen, weil im Fernsehen plötzlich Mitschnitte der Show auftauchten. Doch im Kern berührte sie eine Frage, die die Naturwissenschaften seit Jahrhunderten nur zu gerne überhören: Ist der vernunftbegabte Mensch der Moderne am Ende doch bloß ein Konstrukt? Dann wäre auch sein kühler, mechanistischer Blick auf die Welt nicht mehr als ein nützliches Ausschlussprinzip.

„Animismus“, die jüngste Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt, hat sich die Antwort schon gegeben und forscht nach alternativen Mitteln der Erkenntnis. Sie befragt Zeitgenossen wie Diedrich Diederichsen, den französischen Soziologen Bruno Latour und Künstler – und versammelt Arbeiten von Rosemarie Trockel, Lars Laumann oder Kobe Matthys, dessen Installation „Versammlung (Animismus)“ auch den Prozess des Elefanten dokumentiert. Ihren provokanten Titel entlehnt die Schau dagegen der Historie: Er geht zurück auf den britischen Anthropologen Edward B. Tylor, der sein 19. Jahrhundert von jenen „anderen“ Zeiten und Kulturen unterscheiden wollte, in der Tiere oder Dinge subjektiviert und damit beseelt waren.

Heute ist es gerade noch Kindern gestattet, in ihren Kuscheltieren fühlende Wesen zu sehen. Und so verwundert es erst einmal nicht, wenn „Animismus“-Kurator Anselm Franke in seiner ausgreifenden Übersicht gleich zwei Zeichentrickfilme von Walt Disney laufen lässt. Bis man merkt, dass Franke ziemlich schräge Animationen des amerikanischen Produzenten zeigt: „The Skeleton Dance“ von 1929 und eine Parade von „Pink Elephants“, die der Phantasie eines derilierenden Vierbeiners mit Alkoholfüllung entspringen. Dass die beseelte Materie kein Thema fürs Kinderzimmer ist, kann Franke ausgerechnet mit diesen Streifen demonstrieren. Tanzende Tote und durch Drogen erzeugte Halluzinationen adressieren den Erwachsenen und befriedigen ein offenbar latentes Bedürfnis – das Unbelebte, von dem sich der Mensch seit der Aufklärung mit aller Vernunft abgrenzen möchte, zu reanimieren.

„Animismus“ findet für diese paradoxe Situation reichlich Belege. Es beginnt mit dem „Museum of Stones“ (2011/2012) von Jimmie Durham, dessen Fundstücke daran erinnern, wie unauslöschbar sich der Glaube an steinerne Stabilität und Monumentalität bis in die aktuelle Architektur gehalten hat. Die pumpenden Maschinen aus dem „Mechanischen Ballett“ von Fernand Léger (1923/1924) erinnern an die große Versuchung, den Körper als physische Apparatur zu sehen, während die amerikanische Künstlerin Daria Martin in ihrem Film „Soft Materials“ (2004) zwei Tänzer mit Roboterelementen agieren lässt, die während der Interaktion aus den menschlichen Gesten lernen. Nebenan zerschneidet Daniel Spoerri in dem Video „Resurrection“ (1969) ein Stück Fleisch auf dem Teller und lässt die Szene dann rückwärts laufen, bis die Filmkuh am Ende erneut auf der Wiese steht. Wiederbeleben aber kann er sie nicht. Ein böses Ende nimmt es auch mit jenem Vladimir, der auf den Gouachen von Roee Rosen (2011/2012) erst mit den Gegenständen in seinem russischen Sommerhaus feiert – bevor er von ihnen gefoltert und ermordet wird.

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