Kultur : Wie wird das neue Berliner Theater?

Rüdiger Schaper

Die Volksbühne hat schon hinter sich, was die anderen Berliner Theater jetzt versuchen - den profunden NeubeginnRüdiger Schaper

Es ist Oktober, und noch immer hat die neue Spielzeit nicht begonnen. Nicht wirklich. Nicht an den großen und berühmten Häusern, an die man denkt, wenn von der Theaterstadt Berlin die Rede ist. Es wird Repertoire gespielt. Es wird gebaut und renoviert. Es wird probiert und proklamiert: das Neue. Das Riesenstück, auf das man wartet: die Eröffnung des Hauptstadttheaters.

Der Kritiker Alfred Kerr, damals noch ein junger Berlin-Korrespondent, schreibt 1899 in der Breslauer Zeitung: "Das Einzige, was in diesem Winter gedeiht, ist das Theater." Da hätte sich Berlin in hundert Jahren kaum verändert!? Um 1900 begann in Berlin das neue Theater, von dem man heute noch zehrt, mit Otto Brahm zunächst, dann mit Max Reinhardt am Deutschen Theater. Erinnert der Kampf um die naturalistische Dramatik eines Gerhart Hauptmann nicht von fern an Thomas Ostermeiers Spielplan (Parole: "Shoppen & Ficken")?



Unzertrennlich: Theater und Presse

Vor hundert Jahren wurde der Ruf Berlins als innovative, unruhige, ewig unvollendete Bühnenmetropole begründet. Und ein zweites, nicht minder weites Schlachtfeld tat sich damals auf, die Presse. Theaterstadt und Zeitungsstadt: das Eine war nie denkbar ohne das Andere. Auch wenn das Wort unangemessen erscheint, eine typische Berliner Übertreibung - es hat sich in den Köpfen festgesetzt, dass seit der Wende in Berlin ein Zeitungskrieg im Gang ist. Und der Theaterkrieg steht jetzt unmittelbar bevor. Er wird über die Presse angeheizt, die Medien. Dort spielt sich jetzt noch das Theater ab, mangels spektakulärer Premieren.

Berliner Ensemble, Ende September. Claus Peymann setzt sich einen Helm auf und führt einen Journalistentross über die Baustelle. Der neue Direktor wirkt nervös bei seinem ersten Auftritt in Berlin. "Baustelle als Metapher", das klingt wenig originell aus dem Munde eines hochbegabten PR-Artisten. Und schon wieder sagt er Castorf. Dass der Castorf neidisch sei auf seine nagelneue, gläserne Chefetage. Castorf ist offenbar Peymanns Problem. Oder er baut sich aus dem Kollegen von der Volksbühne einen Popanz, um medienwirksam Streit vom Zaun zu brechen. Er stimmt sich ein auf Berlin, dies protestantisch-coole, zugleich zeremoniensüchtige Wien-Pendant?

Frank Castorf hat hämische Bemerkungen fallen lassen über Peymanns Alter. Peymann ist 62, Castorf gut zehn Jahre jünger. Peymanns Theater sei mittelmäßig, hat Castorf erklärt. Und so unterschiedlich die ästhetischen Begriffe der Matadoren auch sein mögen, Maulhelden sind beide. Sie wissen, wie man ein Theaterpublikum, eine großstädtische Öffentlichkeit aufmischt und wie man den Berliner Lokalpolitikern die Stirn zeigt. Wenn die Saison erst einmal läuft, wird sich der Schaukampf steigern. Nur, Castorf hat den Vorteil des Platzhirschen, der ihm leicht auch zum Nachteil gereichen kann. Castorf kennt man. Peymann verkauft sich, was einer gewissen Komik nicht entbehrt, als frisches Blut. Die Ankunft des Alt-68ers Claus Peymann zeigt eine Duplizität zum Umzug der Bundesregierung. Wie lange hat man spekuliert und schwadroniert, wie es denn sein würde, eines Tages. Schröder ist da. Er residiert gleichfalls in einem Provisorium, und nun? Hat sich da etwas verändert?

Zwei Tage nach der Baustellen-Tour am BE der nächste dicke Pressetermin: An der Schaubühne stellen Ostermeier & Friends ihr Programm vor. Anders als bei Peymann, der vor bald dreißig Jahren als junger Regisseur auch mal der Schaubühne angehörte, ist die Atmosphäre am Lehniner Platz von großer Ernsthaftigkeit bestimmt. Ein Dutzend Neuproduktionen, in der Mehrzahl Erst- und Uraufführungen, will das Kollektiv in seiner ersten Spielzeit stemmen. Mit Dostojewski könnte man sagen, dass die neue Schaubühne die Erniedrigten und Beleidigten der hochtechnisierten westlichen Gesellschaften in den Fokus nimmt. Die Zeitgenossen Lars Norén, Sarah Kane, Marius von Mayenburg, Jon Fosse, Roland Schimmelpfennig, aber auch Jarry und Horváth liefern die Vorlagen. Es beginnt ein doppeltes Experiment in den heiligen Schaubühnen-Hallen. Gibt es ein Theater nach (und mit) Pop? Und lässt sich der Beton zum Schwingen bringen, eine Aufgabe, an der selbst ein Peter Stein verzweifelte; am Lehniner Platz ist er ja, nach dem Umzug vom Halleschen Ufer, nie wirklich heimisch geworden.

Umzug und Neubeginn. Rückblende in das Jahr 1981: Eines Tages luden da die Schaubühnen-Direktion und der Architekt Jürgen Sawade die Journalisten in den Mendelsohn-Bau ein, der für das Steinsche Ensemble umgebaut wurde. Man stand in einem riesigen Hangar und staunte über die Möglichkeiten eines Raum-Theaters, die sich dort abzeichneten. Doch in der Praxis der Schaubühne blieb am Lehniner Platz der leere Raum verschlossen, aufgeteilt in Parzellen. Baustellen haben ihre eigene Poesie, sie beflügeln die Phantasie ungemein. Und Thomas Ostermeier scheint sich sein neues Haus aus der Baustellen-Perspektive angeschaut zu haben: Seine Leute wollen den Raum wieder öffnen, aufreißen. Das Abenteuer beginnt am 22. Januar 2000 mit einem Tanztheaterstück von Sasha Waltz. Danach hagelt es Schauspiel-Premieren. Und damit ist auch klar: So aufregend die Zusammenarbeit von Tänzern und Schauspielern sein mag, das Schauspiel muss es richten an der Schaubühne.

Falls Peymanns Architekt Hans Düttmann im Zeitplan bleibt, wird das Berliner Ensemble Ende November wiedereröffnet. Das BE will als erstes Theater aus den Startlöchern kommen - mit einer riskanten Verbeugung vor dem alten Hausherrn Brecht und vor dem 85-jährigen George Tabori, der zum Auftakt ein eigenes Stück inszeniert, "Die Brecht-Akte". Es folgen ein alter Thomas Bernhard ("Der Ignorant und der Wahnsinnige", Regie Philip Tiedemann) und ein neuer Kroetz über die Tragödie der grünen Politiker Petra Kelly und Gert Bastian ("Das Ende der Paarung", Regie Peymann).



Wir sind die Volksbühne

Die alte Garde am BE, die jungen, schon nicht mehr ganz so Wilden an der Schaubühne: Wer wird Sieger? Kann es in all diesen symbolischen, surrealen Kriegen, die Berlin von anderen deutschen Städten unterscheiden, überhaupt einen Gewinner geben? Es gab ihn ja schon. Rückblende in den Oktober 1992. Frank Castorf wehrte sich lange gegen das Angebot, Intendant der Volksbühne zu werden. Dann legt er los: drei Premieren in drei Wochen, Riesenproduktionen. Shakespeares "King Lear" und Arnolt Bronnens "Rheinische Rebellen" inszeniert er selbst, Andreas Kriegenburg gräbt "Die Stadt der Gerechtigkeit" von Lew Lunz aus. Im folgenden Winter taucht Christoph Marthaler auf mit seinem Kultstück "Murx", wenig später gibt schon Christoph Schlingensief mit "100 Jahre CDU" sein Theaterdebüt, und im Oktober 1993 kommt Kresniks heftig politisierendes Tanztheater an den Rosa-Luxemburg-Platz. So machtvoll, so nachhaltig prägend war lange kein Theater-Neustart, auch anderswo nicht.

Castorf profitierte von dem melodramatischen Verschwinden eines Systems, einer östlichen Lebensweise, die gar nicht verschwunden waren. Castorf veranstaltete die Ersatz-Revolution rückwärts. Doch nun? Es hat sich wohl erledigt mit der Ostalgie, mit den ideologischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts - wie Castorf selbst in seiner Inszenierung der "Dämonen" erschöpfend demonstriert. Marthaler hat das Haus verlassen, Schlingensief zieht es durch deutsche Lande, bis hin nach Namibia, das alte Deutsch-Südwest. Thomas Bischoff, der eher asketische neue Hausregisseur der Volksbühne, hat am 14. Oktober mit einem programmatischen Stück Premiere, "Der gestohlene Gott" von Hans Henny Jahnn. Das neue Motto lautet "Ohne Glauben leben". Möglicherweise lebt es sich ja sehr gut ohne, siehe PDS.



Der lachende Vierte

Kein Wort hat Peymann bisher über den natürlichen Feind des BE verloren - das benachbarte Deutsche Theater. Intendant Thomas Langhoff, von Kultursenator Radunski düpiert, hat noch zwei Spielzeiten vor sich, ohne Ostermeiers Baracken-Team, aber mit einem neuen Konzept für die Kammerspiele. Die Gruppe um den Regisseur Stefan Otteni, der wie Langhoffs designierter Nachfolger Bernd Wilms vom Maxim Gorki Theater kommt, hat schöne Pläne. Man soll dies Experiment nicht unterschätzen. Langhoff kann sich einen starken Abgang verschaffen. Im Frühjahr 2000, wenn es bei Peymann und Ostermeier rundgehen soll, kommt Einar Schleef ans Deutsche Theater. Ein Paukenschlag! Schleef dirigierte am Berliner Ensemble mit den "Wessis in Weimar" und Brechts "Puntila" herausragende, umstrittene Theaterabende, über die man Jahre danach noch diskutiert. Am DT will er "Novemberszenen" uraufführen, eine DöblinBearbeitung von Lothar Trolle zur deutschen Revolution von 1918/19.

Wer wird gewinnen? Wird einer gewinnen? Unter den vielen Szenarien des Scheiterns und Reüssierens, der Mittelmäßigkeit und der Skandale, der Enttäuschung oder Begeisterung über das viele Neue, gibt es eine bisher völlig unbeachtete, ironische Variante, bedenkt man das aufgeregte Vorgeplänkel um die Neuen. Und die geht so: Peymann kämpft weitermit der Baustelle BE. Die Ostermeiers gewinnen mit ihrem Premierenreigen erst einmal Respekt und vielleicht auch die Zeit, die sie brauchen. Castorf konsolidiert sich, und das Deutsche Theater, der lachende Vierte, schlägt voll ein.

Ostermeier und die Schaubühne ausgenommen: Die Alten werden die Neuen sein. Und wenn es eine Berlinische Dramaturgie gibt, dann hat sie die ebenso verkannte wie geniale Off-Theater-Truppe namens SPD formuliert: Willkommen Zukunft. Berlin bleibt doch Berlin. Jetzt geht das Theater los. Wirklich?
© 1999

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