Kultur : Wiederauferstehung folgt

Der US-Rapper Nas erklärt auf seinem neuen Album den Hip-Hop für tot

Gerrit Bartels

Die Inszenierung ist perfekt, die Botschaft trotz düsterer Umgebung sonnenklar: Auf dem Cover seines neuen Albums sieht man den Rapper Nas, wie er an einem Grab kniet, eine schwarze Rose in der Hand, die er gleich herabwerfen wird, darunter der Titel des Albums: „Hip Hop Is Dead“. Nichts anderes zeigen die Fotos im Booklet: zwei Plattenspieler, um die zahlreiche Grableuchten stehen, Nas in Anzug an einem Sarg, die Kreideumrisse eines Toten, daneben ein Ghettoblaster und Geldscheine.

Hip-Hop, wie Nas ihn als junger Rapper Anfang der neunziger Jahre kennengelernt hat, ist tot, mausemausetot, will Nas uns sagen, und er ist jetzt gleichzeitig Totengräber und Gralshüter des HipHops der guten alten Zeit. Damals, als noch Plattenspieler, Beatbox und Mikrofon reichten, als an jeder Blockecke gerappt wurde, als Hip-Hop nicht durch und durch kommerzialisiert war und in den Händen weniger Großunternehmer lag.

Über diese Botschaft lässt sich streiten, gerade über das Herosieren der alten Zeiten: Dollarscheine,Goldketten, dicke Schlitten, schöne Frauen, die gab es im Hip-Hop schon immer. Vor allem ist diese Botschaft ein schöner rhetorischer Kniff: Nas inszeniert sich so als das gute Gewissen des Hip-Hop. Ganz rund und real, wie die Hip-Hopper gern sagen, lief es jedoch auch bei ihm nicht, nachdem er 1994 mit „Illmatic“ ein grandioses Debüt vorgelegt hatte. Auf diesem stimmten Grooves und Produktion, und der damals 21-Jährige wusste souverän und unaufgeregt vom harten, gefährlichen Leben in seiner Nachbarschaft zu reimen. In Folge stieg er zu einem der Großen seiner Zunft auf, veröffentlichte Album um Album von unterschiedlicher Qualität und ließ sich nur noch schwer verorten als Verfechter der reinen Hip-Hop-Lehre.

Denn auch bei Nas vermischten sich Unterhaltungsgeschäft, Porno-Rap-Gehabe und Straßenglaubwürdigkeit. Auch er ließ sich auf die unter Rap-Stars üblichen, medienwirksamen Streitereien ein und lieferte sich mit seinem New Yorker Konkurrenten Jay-Z Rededuelle darüber, wer nun den Hip-Hop an den Mainstream verraten habe. Inzwischen sind sie sich einig: keiner von beiden. „Hip Hop Is Dead“, das achte Album von Nas, kommt bei Def Jam heraus, wo Jay Z seit drei Jahren Labelchef ist, und auf einem Stück begleitet Jay-Z mit seiner oft von Tragik umflorten Stimme den einstigen Intimfeind kongenial.

Natürlich ist „Hip Hop Is Dead“ ein zeitgemäßes, satt bouncendes, lebendiges Hip-Hop-Album, das aufwendig produziert wurde und viele andere Große des Genres zu Gast hat, Kanye West, The Game, Snoop Dogg, Will. I.Am von den Black Eyed Peas, natürlich Nas’ Freundin Kelis. Ein typisches Hit-Album, das mit vielen dunklen Keyboard-Läufen eine Tonspur melancholischer ist als vergleichbare Produktionen, und ein Album, das Nas und seine Reime nicht unter sich begräbt. Programmatisch übernimmt Nas die ersten vier Stücke ganz allein und lässt sich erst dann von Kollegen begleiten. Und auch sein Thema hält er durch: von der Referenz an die großen Hip-Hop-Toten, über das Versprechen, die Tradition hochzuhalten, bis zu der ohne musikalische Begleitung gerappten Hoffnung, Hip-Hop möge für immer bleiben. Schließlich weiß auch Nas: Je toter ein Genre, desto glanzvoller die Wiederauferstehung.

Nas: Hip Hop Is Dead (Def Jam/Columbia)

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