• Wiederbegegnung mit dem Choreographen Gerhard Bohner in der Berliner Akademie der Künste

Kultur : Wiederbegegnung mit dem Choreographen Gerhard Bohner in der Berliner Akademie der Künste

Norbert Servos

Er war seiner Zeit voraus. Doch zu seinen Lebzeiten mochte das kaum so recht deutlich werden. Zu stark noch dominierte in den achtziger Jahren die emotionale Dramatik des Tanztheaters die Entwicklung. Die Arbeit des Wahlberliners Gerhard Bohner (1936 - 1992) zeichnete sich durch Reduktion auf wenige essentielle Bewegungen und eine große Formstrenge aus. Damit gehörte er keineswegs zu den Propheten des Minimalismus, doch erschien die Konzentration auf grundsätzliche Bewegungsformen einigermaßen spröde.

Tatsächlich jedoch betrieb Bohner, vor allem in seinen späten Soli, eine minutiöse Recherche der tänzerischen Möglichkeiten, sparsam vielleicht, aber keineswegs unsinnlich. Ein Mensch, allein mit sich, dem eigenen Körper und dem Raum - das war stets die Grundvoraussetzung für seine spannungsreichen Erkundungsreisen entlang den inneren Meridianen der Energie. Natürlich war die Einschränkung auch den Bedingungen des eigenen, älter werdenden Tänzerkörpers geschuldet. Doch Bohner wusste daraus weit mehr als nur aus der Not eine Tugend zu machen. In den einfachen Formen entdeckte er die geistige Dimension des Tanzes. Ähnlich der Musik Bachs komponierte er daraus faszinierend suggestive Lehrsequenzen von absoluter Folgerichtigkeit. Stets war er der Logik der Bewegungen auf der Spur und entwickelte aus ihr ein reiches Spektrum verschiedenster Spielformen. Jede Partie des Körpers wird erkundet und nach ihren Möglichkeiten befragt.

Das Ergebnis seiner choreographischen Untersuchungen präsentierte Bohner jedoch nicht als dröge Etuden. Immer kleidete er sie in eine bühnenwirksame Figur: meist schwarz gekleidet, elegant und von großer Souveränität. Zu entdecken ist da, dass ein Mensch zwar allein sein kann, aber deshalb nicht einsam sein muss. Was man sieht, ist ein Mann, der sich in Beziehung setzt, zum eigenen Körper und zum Raum. Die bildenden Künstler Vera Röhm und Robert Schad gaben ihm "Im (Goldenen) Schnitt I und II" konzentrierten Anlass. Ihre Rauminstallationen erfordern vom Tänzer eine starke Präsenz und große Ehrlichkeit. Erst dann öffnet sich der Raum. Bohner beherrschte diese Kunst abseits aller Eitelkeit wie kein Zweiter. Er vollbrachte das Wunder, durch eine Person hindurch einen Ort sprechen zu lassen. Und je mehr er sich selbst zurücknahm desto mehr durfte die Phantasie des Zuschauers an den wundersam belebten Orten Platz nehmen.

Schon 1996 hatte die Akademie der Künste den ersten Teil des "(Golden) Schnitts" rekonstruiert und mit dem Spanier Cesc Gelabert eine ideale Besetzung gefunden. Wenn er jetzt die Rekonstruktion des zweiten Teils zusammen mit dem ersten präsentiert, so kann man sicher sein, dass er auch diesmal ein wichtiges Stück Tanzgeschichte zu neuem Leben erwecken wird. Selbstbewusst und doch uneitel verfügt Gelabert über jene unprätentiöse Präsenz, die Bohner wichtig war. Der Tänzer als Medium, nicht als Message. Darauf verstehen sich auch Jutta Hell und Dieter Baumann, für die Bohner - ebenfalls 1989 - das Duo "SOS" kreierte. Nur durch solche Darsteller kann man zeigen, was der Tanz vermag: die Magie eines Ortes wirklich werden zu lassen, so dass man anfängt zu träumen."Im (Goldenen) Schnitt I", 30. und 31. Oktober, 20 Uhr, Akademie der Künste - "SOS", 1. und 2. November, 20 Uhr, Hebbel-Theater - "Im (Goldenen) Schnitt II", 5. Bis 7. November, Akademie der Künste.

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