Wiederentdeckung der Südstaatenband Big Star : Kosmische Gestalten

Big Star aus Memphis gelten als größte Band, die niemals den Durchbruch schaffte. Bei ihr trafen zwei musikalische Genies aufeinander: Alex Chilton und Chris Bell. Jetzt werden die Südstaatenrocker mit einem Dokumentarfilm und acht Alben gefeiert.

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Jung, wild und langhaarig. Big Star 1974 in Memphis,
Jung, wild und langhaarig. Big Star 1974 in Memphis,Foto: William Eggleston, Eggleston Artistic Trust

Den Musikproduzenten Jim Dickinson muss man sich als übergewichtigen, tiefenentspannten Exzentriker vorstellen. Im Dokumentarfilm „Nothing Can Hurt Me“, der die Geschichte der legendären Südstaaten-Band Big Star erzählt, bringt er sanft lächelnd den Charakter ihrer beiden Songwriter auf den Punkt. Alex Chilton sei eine „Kunstgöre“ gewesen und Chris Bell eine „tragische Figur“. Es sind Archivaufnahmen, Dickinson, der später mit Bob Dylan arbeitete, starb 2009.

Seine Witwe führt das Filmteam über einen Trailerpark im Bundesstaat Mississippi, wo Dickinson und sie zuletzt in mehreren Wohnwagen und Holzhäusern gelebt hatten. Vor einem Eingang ist ein schimmeliger, halb verrotteter Konzertflügel im Erdboden versunken. „Jim war mehr an Kunst als an Musik interessiert“, sagt die Witwe. „Ist es nicht wunderbar, zu sehen, was die Naturgewalten aus diesem Instrument gemacht haben?“ Es handelt sich um den Flügel, an dem Otis Redding seinen Hit „(Sittin’ On) The Dock of the Bay“ geschrieben hatte. Dickinson war am „Raum zwischen den Noten“ interessiert, er wollte „Sphärenmusik“ erschaffen.

Gelungen ist ihm das bei dem von ihm produzierten dritten und letzten Big- Star-Album „Third/Sister Lovers“, das 1975 herauskam. Songs wie „Big Black Car“ oder „Kanga Roo“ sirren sphärisch. Bei den Aufnahmen, erinnert sich Drummer Jody Stephens, ging es um eine Frage: „Wie erreichen wir komplette Spontanität?“. Der später weltberühmte Fotograf William Eggleston, der schon das Coverbild zur Vorgängerplatte „Radio City“ geliefert hatte, spielte hinreißend entrückt Piano für eine Coverversion des alten Nat-King-Cole-Hits „Nature Boy“. Bei den Sessions kam überbordend viel Material zusammen. „Nach der Hälfte des Mixes musste ich Chilton von der Arbeit ausschließen“, erzählt Dickinson. „Er hätte die Platte ruiniert.“

Der Film von Oliva Mori und Drew DeNicolo über die „größte Band, die nie den Durchbruch schaffte“, lief in den USA und England auf diversen Festivals. In Deutschland kommt er jetzt als DVD heraus, im Paket mit den wiederveröffentlichten ersten beiden Big-Star-Platten auf CD. Die Filmemacher haben mit Dutzenden Zeitzeugen gesprochen, sie porträtieren nicht bloß die Gruppe, sondern auch eine Zeit und eine Stadt. In Memphis aufzuwachsen sei so gewesen, sagt Stephens, „wie in Hollywood groß zu werden, gleich neben dem MGM-Studio“. Wobei es in Memphis die Studios von Sun und Stax sowie Graceland waren, das Anwesen von Elvis Presley, die gleich nebenan lagen.

Die Dokumentation beginnt mit einem Radiointerview aus den späten siebziger Jahren. „Bei der Arbeit am dritten Album gab es viel Ärger. Hat sich die Band deshalb getrennt?“, fragt der Moderator. Alex Chiltons Antwort: „Eigentlich haben wir uns schon nach der ersten Platte getrennt.“ Chilton war bereits mit den Box-Tops ein Star, er hatte seinem Soulbeatsong „The Letter“ vier Millionen Exemplare verkauft. Bei Big Star traf er auf einen zweiten Sänger und Gitarristen, Chris Bell, und gemeinsam wurden sie so etwas wie das Lennon/McCartney-Gespann des Südstaatenrock. Chilton war für den härteren Rock-Punch und das Experimentelle zuständig, Bell lieferte Wohlklang und die Arrangements für den mehrstimmigen Satzgesang. Das Debütalbum wurde 1972 vom „Rolling Stone“ bis zur „New York Times“ gefeiert. Nur gekauft hat es kaum jemand.

„Sie waren wie eine ungewollte Rockband, und sie hatten diesen ironischen Namen: Big Star“, versucht eine Kritikerin den Misserfolg zu erklären. In Wirklichkeit war dieser Name ein Zufallstreffer. Als sie während der Aufnahmen das Ardent Studio verließen, um zu rauchen, war den Musikern die Werbeschrift eines Supermarktes aufgefallen: Big Star. Der Soul-Konzern Stax hatte das Ardent-Label übernommen, sein Vertrieb hätte das Album problemlos in jeden Plattenladen der USA bringen können. Doch Stax war zu dieser Zeit ausschließlich damit beschäftigt, Isaac Hayes’ „Hot Buttered Soul“ zum Millionenerfolg zu machen.

Weitergemacht haben Big Star dann nur, weil die erste „Rock Writers Convention“ in Memphis stattfand, mit 140 eigens eingeflogenen Popschreibern. Lester Bangs, schwer auf Speed, pinkelte durchs Eingangstor von Graceland. Beim abendlichen Konzert geschah ein Wunder: Big Star brachten die Rockkritiker zum Tanzen. Den Enthusiasmus nahmen sie mit in die Produktion der zweiten, von Chilton geprägten Platte „Radio City“.

„I Am The Cosmos“ heißt das grandiose, sehr introspektive Soloalbum von Chris Bell aus dem Jahr 1978, das nun in einer erweiterten Deluxe-Version erscheint. „Immer wenn er LSD nahm, hatte er eine lila Ganzkörper-Aura“, erinnert sich ein Freund an ihn. Bell warf der Misserfolg aus der Bahn, er litt unter Depressionen und versuchte schließlich als wiedergeborener Christ ein neues Dasein zu beginnen. Ein Autounfall setzte seinem Leben im Dezember 1978 ein Ende. Er starb mit 27 Jahren, so wie Jimi Hendrix, Janis Joplin und Kurt Cobain.

Der Film „Nothing Can Hurt Me“ und die ersten beiden Big-Star-Alben erscheinen am 27.2. bei Universal. Die Doppel-CD „I Am The Cosmos“ von Chris Bell und die 4-CD-Box „Keep An Eye On The Sky“ von Big Star sind bei Rhino herausgekommen.

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